THEMEN DER ZEIT

Hilfe für Gewaltopfer: Schneller Therapiebeginn

PP 9, Ausgabe November 2010, Seite 500

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Foto: vario-images
Foto: vario-images

Leiden Patienten aufgrund einer Gewalttat unter gesundheitlichen Schäden, haben sie Anspruch auf eine staatlich finanzierte Heilbehandlung. Viele erhalten die Leistungen jedoch spät oder gar nicht.

Bundesweit werden jährlich mehr als 600 000 Menschen Opfer von kriminellen Handlungen wie Nötigung, Raub, Vergewaltigung oder Stalking. Die Taten führen in vielen Fällen zu langandauernden körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen. Gewaltopfer haben nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) Anspruch auf Leistungen nach dem Bundesversorgungsgesetz. Dies umfasst sowohl finanzielle Hilfen als auch therapeutische Unterstützung. Für den Anspruch auf eine staatlich finanzierte psychologische Heilbehandlung nach dem OEG müssen die Gewaltopfer allerdings glaubhaft machen, dass die gesundheitliche Störung Folge eines vorsätzlichen, rechtswidrigen Angriffs ist.

„Dies ist im Einzelfall mitunter schwierig“, weiß Barbara Wüsten, Leiterin des Referats Opferhilfe/Recht beim Weißen Ring, einem gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten. Ein Grund hierfür sei, dass die geltende Versorgungsmedizin-Verordnung nicht die aktuellen medizinischen Erkenntnisse der durch psychische Traumata bedingten Störungen beinhaltet. Eine Anpassung sei daher dringend notwendig. Nur die wenigsten Geschädigten wüssten, dass ihnen Leistungen nach dem OEG zustehen. 90 Prozent aller Gewaltopfer stellen nach einer Statistik des Vereins keinen Antrag auf Entschädigungsleistungen. „Die Bilanz ist skandalös“, so Helmut Rüster, Sprecher des Weißen Rings.

Doch selbst wenn Ansprüche nach dem OEG gestellt würden, führten die Dauer und Ausgestaltung der Verfahren in Einzelfällen dazu, dass Gewaltopfer nicht zeitnah dringend benötigte Leistungen erhalten. In einer auf einem interdisziplinären Forum zum Thema „Moderne Opferentschädigung“ verfassten Resolution fordert der Weiße Ring daher, Opfern von Gewalt bei Bedarf sofortige Hilfe durch fachkundige Therapeuten zur Verfügung zu stellen und eine schnelle Leistungsgewährung zu garantieren. „Eine Therapie ist umso effektiver, je früher sie ansetzt“, betonte Dr. Brigitte Bosse, Psychotherapeutin aus Mainz. Auch hänge der Heilungserfolg davon ab, ob die Schädigung als Folge einer Gewalttat anerkannt wird. „Eine professionelle Opferhilfe kann nur greifen, wenn der Patient sich im Sinne des Gesetzes als Opfer begreifen kann“, argumentierte Bosse.

Eine Traumatisierung könne bei den Betroffenen zu vielerlei Beschwerden führen – von einfachen Störungen bis hin zu multiplen dissoziativen Identitätsstörungen, deren Behandlung besondere Anforderungen an den Therapeuten stellten. Die Ausprägung eines Traumas hänge von der Dauer und Häufigkeit sowie von der Schwere der Tat ab, erläuterte Bosse. Schwere frühkindliche Gewaltanwendungen und extreme sadistische Erfahrungen könnten zu einer schweren Traumatisierung führen. Die Zahl der Patienten mit multiplen Störungen bezifferte Bosse auf 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung. Bosse bedauerte, dass es noch zu wenig Therapeuten gebe, die auf die Behandlung traumatisierter Kinder spezialisiert seien.

In Anlehnung an die guten Erfahrungen mit dem Durchgangsarzt der gesetzlichen Unfallversicherung sollten für alle Gewaltopfer Ärzte zur Verfügung stehen, die besondere Erfahrungen in der Erstbehandlung und Betreuung von Opfern von Gewalttaten haben, lautet eine weitere Forderung des Weißen Rings. Staatliche Stellen und Ärzte sollten außerdem verpflichtet werden, Gewaltopfer auf ihre Rechte nach dem OEG hinzuweisen.

Prof. Dr. Reinhard Böttcher, Bundesvorsitzender des Hilfsnetzwerks, bedauerte, dass Stalkingopfer derzeit keine gesicherten Ansprüche nach dem OEG haben. Stalking, mittlerweile eine Straftat, führe oft zu schweren seelischen Belastungen und Erkrankungen. „Der Kreis der Anspruchsberechtigten nach dem OEG sollte daher auf diese Personengruppe ausgeweitet werden“, forderte Böttcher.

Petra Spielberg

Opferhilfe

Der Weiße Ring wurde 1976 gegründet. Derzeit umfasst das Hilfsnetz bundesweit 420 Anlaufstellen und mehr als 3 000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Weitere Informationen: www.weisser-ring.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige