ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2010Patientenrecherche: Eindeutiger Verstoß gegen die Berufsethik
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Ein merkwürdiger Artikel. Die Grenzen der Einholung von Internetin-formationen über Patienten sind weitaus weniger fließend, als die Autorin glauben machen möchte. Diskretion und Vertraulichkeit als grundlegende Voraussetzungen eines förderlichen therapeutischen Prozesses implizieren einen respektvollen Umgang mit den Geheimnissen ebenso wie mit der Privatsphäre der Patienten. Therapeuten haben sich daher einer Ausforschung der Patienten (jedweder Art) zu enthalten. Stattdessen sollten sie – statt entsprechende Impulse zu agieren (vielleicht auch noch unter dem Deckmantel des „Patientenwohls“) – diese im Hinblick auf Übertragung und Gegenübertragung bearbeiten. Das entspricht berufsethischen Prinzipien, wie sie in den (Muster-)Berufsordnungen dargelegt sind. Neben allgemeinen Grundsätzen, so die Achtung der Würde, des Selbstbestimmungsrechts und der Privatsphäre der Patienten, heißt es in (§ 6 Abs. 4 MBO-Bundespsychotherpeutenkammer (BPTK): „Psychotherapeuten sollen außertherapeutische Kontakte zu Patienten auf das Nötige beschränken und so gestalten, dass eine therapeutische Beziehung möglichst wenig gestört wird.“

Dass Internetrecherchen als „vertretbar und nötig“ bezeichnet werden, „wenn Zweifel an den Selbstaussagen eines Patienten aufkommen“, scheint mir inakzeptabel. Nach meiner Ansicht würde dies einen eindeutigen Verstoß gegen die Berufsethik darstellen und wäre überdies ein fachliches Armutszeugnis: Denn es wäre in einem solchen Fall dringend notwendig, sich mit den Patienten auseinanderzusetzen, weil ein solcher Eindruck weitreichende Auswirkungen auf das Arbeitsbündnis hat. Auch die Vorstellung, im Notfall (etwa bei Suizidalität oder somatisch/psychischen Krisen) auf Internetdaten zurückzugreifen, halte ich sowohl fachlich als auch juristisch für äußerst problematisch: Die Abwägung eines vorzunehmenden Eingriffes (mit, ohne oder gegen den Willen des Betroffenen) muss auf der Grundlage der eigenen unmittelbaren diagnostischen und prognostischen Einschätzung und der entsprechenden Umstände (vgl. rechtfertigender Notstand im Sinne § 34 StGB und Unterbringungsgesetze/ PsychKGs) vorgenommen und verantwortet werden. Es ist auch keineswegs „unbedenklich“, wie Sonnenmoser schreibt, „die Homepage eines Patienten oder seine Mitgliederseite aufzusuchen, wenn dieser den Arzt oder Psychotherapeuten ausdrücklich dazu einlädt oder auffordert“. Berufsethisch sind hier Fragen der Abstinenz (vgl. § 6 MBO-BPtK) berührt und Psychotherapeuten wären gut beraten, ein solches Anliegen kritisch zu reflektieren, im Hinblick auf bewusste und unbewusste Motive der Patienten zu verstehen – und gerade nicht zu handeln.

Die Feststellung von Frau Sonnenmoser, es sei nicht geklärt, ob außerhalb des Therapiesettings von Psychotherapeuten eingeholte Informationen über Patienten der Schweigepflicht unterliegen, ist so nicht ganz richtig, verweist allerdings zutreffend auf ein gravierendes und wenig beachtetes Phänomen: In der juristischen Literatur zur Schweigepflicht (§ 203 StGB) wird zwischen Geheimnissen unterschieden, die in einem inneren Zusammenhang mit der Ausübung des Berufes stehen und solchen, bei denen das nicht der Fall ist (zum Beispiel, ein Arzt liest ohne Wissen des Kranken in dessen Nachttisch verwahrte Briefe) und mithin auch keine Diskretionspflicht besteht.

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Dr. Jürgen Thorwart, PP, Psychoanalytiker (DGPT, Freie Institute) 82223 Eichenau

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