ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2010Psychoanalyse: Innovationen und Interdisziplinarität

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Psychoanalyse: Innovationen und Interdisziplinarität

PP 9, Ausgabe November 2010, Seite 514

Habibi-Kohlen, Delaram

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Der Auswahlband des International Journal of Psychoanalysis heißt nun „Internationale Psychoanalyse 2009“. Der neuen Herausgeberin Angela Mauss-Hanke ist die Zusammenstellung der Texte besonders gelungen. Sie wählte Beiträge, die die aktuelle internationale Diskussion sehr gut wiedergeben, besonders innovative klinische Fragestellungen behandeln oder sich auf politische, kulturelle und gesellschaftliche Fragen konzentrieren.

In John Steiners Aufsatz über „Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter“ kann der Leser sich an einem reichhaltigen historischen Überblick zur Entwicklung des Übertragungsbegriffs erfreuen. Steiner liefert anhand eines Fallbeispiels ein Exempel für einen freundlich-melancholischen, nichtinvasiven Umgang mit der Übertragung.

Zwei Aufsätze haben einen interdisziplinären Ansatz: In „,Don’t save her’ – Sigmund Freud trifft Projekt Pat: Das Rettungsmotiv im Hip-Hop“ von R. H. Fulmer gelingt es dem Autor mit Hilfe seines adoleszenten Sohnes, die Rettungsfantasien mancher Männer um die Jahrhundertwende, eine vermeintliche Dirne zu retten, im heutigen Hip-Hop wiederzufinden.

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In dem hochaktuellen und brisanten Beitrag „Fantastische Objekte und der Realitätssinn des Finanzmarkts“ analysieren D. Tuckett und R. Taffler den nur schwer durchbrechbaren Teufelskreis der Besetzung von unsicheren, aber vielversprechenden Finanzanlagen, ihrer Entwertung nach Versagen und der Suche nach Sündenböcken und sofortiger Neuinvestition in andere, ähnlich gelagerte Finanzanlagen. Konzeptualisiert wird dies mit dem Begriffs des „Fantastischen Objekts“. Ein solches fantastisches Objekt „ist der psychische Repräsentant von etwas (oder jemandem), das (oder der) in einer imaginierten Szene den sehnlichsten Wunsch des Protagonisten erfüllt, genau das zu haben, was er wünscht, und genau dann, wenn er es wünscht“. In gespenstischer Weise wird uns beim Lesen deutlich, wie sehr der globalisierte Markt, der die Realität nicht mehr sehen will, dieser Dynamik unterliegt. Nicht zuletzt zeigt dieser Aufsatz, wie fruchtbar es ist, die Psychoanalyse nicht auf die Behandlungszimmer zu reduzieren, sondern wach zu bleiben für die Analyse gesellschaftlicher und politischer Ereignisse.

Zum ersten Mal präsentiert der Auswahlband im Anhang alle Autoren sowie das komplette Inhaltsverzeichnis des International Journal of Psychoanalysis 2008, dem die Artikel dieses Auswahlbandes entnommen sind. Der Leser erhält eine wertvolle Übersicht der aktuellen Gedankenwelt der internationalen psychoanalytischen Gemeinschaft. Der Band regt an zur Auseinandersetzung mit theoretischen wie auch behandlungstechnischen Innovationen, mit der psychoanalytischen Geschichte, dem Diskurs der Psychoanalytiker untereinander und mit einer Interdisziplinarität, die die Psychoanalyse weiter aus ihrem Elfenbeinturm befreit. Delaram Habibi-Kohlen

Angela Mauss-Hanke (Hrsg.): Internationale Psychoanalyse 2009. Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis, Band 4. Psychosozial-Verlag, Gießen 2009, 311 Seiten, broschiert, 29,90 Euro

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