ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Vierter Ärzteblatt-Wortwechsel: Rösler im kollegialen Verhör

POLITIK

Vierter Ärzteblatt-Wortwechsel: Rösler im kollegialen Verhör

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2205 / B-1913 / C-1881

Meißner, Marc; Richter-Kuhlmann, Eva

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Was sagt der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter zu der unerträglichen Bürokratie in Praxis und Klinik? Was zu den Perspektiven der Medizinstudenten? Philipp Rösler stellte sich – und blieb länger als geplant.

Rösler kommt“: Bereits eine halbe Stunde vor Beginn des vierten „Wortwechsels“ des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) am 2. November war der große Hufeland-Hörsaal im Bettenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin gut gefüllt. Knapp 500 Medizinstudierende sowie Ärztinnen und Ärzte lockte die Möglichkeit, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Dr. med. Philipp Rösler (FDP) persönlich Fragen zu stellen.

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Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

„Das ist meine erste Berührung mit der politischen Seite der Medizin“, sagt Saineb Alaa Eddine, Medizinstudentin irakischer Herkunft im ersten Semester. „Ich bin gespannt, wie der Minister die ärztliche Versorgung in den ländlichen Gebieten Brandenburgs gewährleisten will.“ Über ihre Zukunft als Ärztin will sich auch Studentin Barbara Wille informieren, die ihren zweijährigen Sohn zum DÄ-Wortwechsel mitgebracht hat: „Ich hoffe, der Minister sagt auch etwas zum Numerus clausus.“ Röslers Vorschlag, ihn für die Medizin abzuschaffen, hält sie für falsch. Die Studentin des neuen Berliner Modellstudiengangs ist überzeugt: „Das würde nur eine hohe Abbruchquote nach sich ziehen.“ Antworten des Ministers auf Probleme speziell bei der hausärztlichen Versorgung erhofft sich hingegen Benjamin Lott, Weiterbildungsassistent Allgemeinmedizin aus Berlin.

Frustrierende Papierflut

Tatsächlich standen an diesem Abend nicht gesetzgeberische Details zur Debatte, sondern die alltäglichen Probleme von Ärzten und Studierenden. Auf den Punkt gebracht wurden sie von der Weiterbildungsassistentin Andrea Wiese, der Studentin Katharina Hofheinz, dem niedergelassenen internistischen Onkologen Dr. med. Wolfgang Abenhardt und der Hausärztin Beate Mälzer. Letztere kritisierte Rösler gegenüber den enormen Verwaltungsaufwand im Praxisalltag. Hierzu hatte die Berliner Hausärztin gleich einen Stapel an Formularen mitgebracht: „Dies ist nur eine Auswahl dessen, was wir jeden Tag auszufüllen und zu bearbeiten haben.“ Für absurd hält sie Formulare, wie das Muster 60. „Dies braucht man nur, um das Muster 61 zu beantragen, also der Antrag für den Antrag auf medizinische Rehabilitation.“ Damit nicht genug: Für Chroniker müssen aufgrund der bürokratischen Vorgaben viele Einzelrezepte ausgestellt werden, anstatt alle Verordnungen zusammen aufzuschreiben. „Bei einem Typ-II-Diabetiker sind das bis zu 17 Formulare und Rezepte, die Sie am Quartalsanfang auszufüllen haben“, unterstrich Abenhardt, Mitinhaber des Medizinischen Versorgungszentrums Münchener Onkologische Praxis Elisenhof in München. „Sie haben uns doch versprochen, Bürokratie abzubauen, Herr Minister.“

„In der Tat gibt es viele Formulare“, bestätigte Rösler, „aber die meisten stammen ja nicht vom Ministerium, sondern von den Kassen, und einige auch von der Selbstverwaltung.“ Das grundlegende Problem hinter Vorschriften und Formularen sei allerdings, dass man denen, die behandelten, nicht vertraue. Diese Mentalität müsse sich ändern. „Ich muss Ihnen vertrauen, dass Sie das, was Sie gelernt haben, auch anwenden. Und das müssen auch die Kassenärztlichen Vereinigungen“, bekräftigte der Minister. Ein erster Schritt sei, das Zweitmeinungsverfahren bei der Verschreibung sogenannter besonderer Arzneimittel abzuschaffen, wie im Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz vorgesehen. Bei allen Bemühungen um weniger Bürokratie dürfe man aber auch nicht vergessen: „Wenn etwas schiefgeht, dann fragen alle: ‚Warum wurde das nicht besser kontrolliert?‘“ Deshalb könne auf ein gewisses Maß an Kontrolle und damit auch an Formularen nicht verzichtet werden.

Für Abenhardt grenzt der heutige Zustand an „bürokratische Schikane“. „Durch den morbiditätsorientierten Strukturausgleich (Morbi-RSA) gibt es keine selbst geschriebenen Diagnosen mehr, sondern man muss alles nach ICD-10 codieren – und das bis in die letzte Stelle hinein.“ Gerade in der Onkologie sei dies jedoch wenig sinnvoll: „Da der ICD-10-Code keine Aussage über die T-Stadien gibt, ist er gar nicht in der Lage, die Morbidität abzubilden, die die Kassen brauchen.“

Der Ärzteblatt-Wortwechsel traf offensichtlich den Nerv der Zeit: Fast 500 Teilnehmer drängten sich in den Hufeland-Hörsaal der Charité.
Der Ärzteblatt-Wortwechsel traf offensichtlich den Nerv der Zeit: Fast 500 Teilnehmer drängten sich in den Hufeland-Hörsaal der Charité.

Das Problem sei die hohe Zahl der Morbi-RSA-relevanten Krankheiten, sagte Rösler. Und versprach: „Wir wollen sehen, ob wir das vereinfachen können.“ Er stellte aber auch klar, dass es nicht ohne Dokumentation gehen wird. Aber man könne versuchen, Daten besser zusammenzuführen. Beispielsweise müssten für einen onkologische Patienten die Daten parallel an mehrere Stellen gegeben werden – an die Krankenkasse, an das Krebsregister et cetera. Durch bessere Abstimmung könnte hier Bürokratie abgebaut werden. Rösler betonte, dafür sei aber auch die Mitarbeit der Ärzte notwendig: „Gerade der ambulante Bereich hinkt hinterher, wenn es um moderne Telematik geht.“ Doch gerade diese sei in der Lage, vieles zu vereinfachen.

Kein Aus für die Praxisgebühr

Die Allgemeinmedizinerin Mälzer verwies darauf, dass auch die Praxisgebühr einen enormen Verwaltungsaufwand bedeute, der durchaus in die Verantwortung des Ministeriums falle. „Für Ärzte ist das ein durchlaufender Posten, der viel Zeit unserer Mitarbeiter in Anspruch nimmt.“ Man müsse Gelder für die Kassen einziehen, die das ja ebenso gut selbst tun könnten: „Wie lange soll dieser Spuk noch dauern?“

„Die Praxisgebühr bringt der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung 1,5 Milliarden Euro im Jahr“, antwortete Rösler. „Angesichts der Finanzsituation kann ich nicht versprechen, dass wir darauf verzichten werden.“ Aber die Koalition habe ein unbürokratisches Einziehungsverfahren verabredet. „Es gibt Modelle, die Praxisgebühr über die elektronische Gesundheitskarte automatisch einziehen zu lassen – ähnlich wie man auch im Internet über spezielle Dienste abrechnen kann.“ Dafür müsse die elektronische Gesundheitskarte allerdings weiter verbreitet und von mehr Praxen akzeptiert werden, betonte der Minister.

Neben der Bürokratie ist die komplizierte und unsichere Abrechnungssystematik ein alltägliches Problem der niedergelassenen Ärzte. „Wir haben viele verschiedene Regelwerke für die Honorarabrechnung: den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM), die Amtliche Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), die Gebührenordnung für Ärzte für die Leistungs- und Kostenabrechnung mit den gesetzlichen Unfallversicherungsträgern (UV-GOÄ) und so weiter“, sagte Mälzer. Man werde nach komplizierten Regeln bezahlt und erfahre erst nach vier Monaten, wie viel man im letzten Quartal verdient habe. „Wir sind aber selbstständig und tragen in der Zeit das volle finanzielle Risiko, müssen Mieten und Personal bezahlen. Wir brauchen keine vier Gebührenordnungen, sondern nur eine“, stellte die Hausärztin fest. Rösler stimmte ihr zu: „Die Zufriedenheit liegt nicht nur in der Höhe der Vergütung, sondern auch im Gefühl, gerecht entlohnt zu werden.“ Deshalb wolle er im kommenden Jahr ein klares, einfaches und transparentes Honorarsystem auf den Weg bringen.

Unzufriedenheit brächten aber auch die vielen Verwaltungsaufgaben im Krankenhaus, ergänzte Wiese, Weiterbildungsassistentin in der Unfallchirurgie/Orthopädie am Universitätsklinikum Aachen. „Sortieren von Akten, Codieren, Telefonieren mit Kostenträgern – habe ich dafür Medizin studiert?“, fragte sie. Beim Minister lief sie damit offene Türen ein, wenngleich er auf die Verantwortung der Krankenhäuser verwies. „Es macht Sinn, zusätzliche Verwaltungskräfte einzustellen und Aufgaben an medizinische Fachberufe zu delegieren“, entgegnete Rösler. Dies betone er auch immer im Gespräch mit den Krankenhausgesellschaften. Die Qualität der ärztlichen Weiterbildung müsse sich dringend verbessern. „Sonst kann ich so viel Medizinstudienplätze schaffen, wie ich will – die jungen Ärzte werden nicht an den Krankenhäusern bleiben.“

Mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler diskutierten: (von links nach rechts) Wolfgang Abenhardt, Beate Mälzer, Katharina Hofheinz und Andrea Wiese (ganz rechts).
Mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler diskutierten: (von links nach rechts) Wolfgang Abenhardt, Beate Mälzer, Katharina Hofheinz und Andrea Wiese (ganz rechts).

Weitere Kritikpunkte Wieses waren eine mangelnde Wertschätzung an deutschen Krankenhäusern sowie Schwierigkeiten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. „Ärzte sollten ihren Beruf lieben. Was kann die Politik dafür tun?“, fragte sie den Minister. Er sei im Gespräch mit dem Verband der leitenden Krankenhausärzte, erwiderte dieser. „Denn die Zeiten, in denen sich die Ärzte anschreien ließen und die Männer operierten, während sich die Frauen um die Kinder kümmerten, sind vorbei.“ Dabei verwies Rösler auf seine Frau, eine Internistin in Weiterbildung. „Es war für sie nicht leicht, nach der Geburt unserer Zwillinge eine Stelle zu finden, bei der sie halbtags arbeiten konnte“, berichtete er. „Zwei Wochen voll, zwei Wochen frei“, so habe zunächst das Angebot einer Klinik gelautet. „Die Krankenhäuser müssen ihre Stellen attraktiv gestalten, sonst werden sie keinen Nachwuchs mehr bekommen“, ist der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter überzeugt. Dem könne man nur mit Flexibilität entgegenwirken.

Um die Qualität des Medizinstudiums sorgt sich Katharina Hofheinz, Medizinstudentin im siebten Semester des Berliner Regelstudiengangs. Auf das Führen ärztlicher Gespräche beispielsweise würden die Studierenden unzureichend vorbereitet. Ändern an der medizinischen Ausbildung möchte der Minister in nächsten Zeit jedoch nichts. „Jetzt treten die ersten Absolventen nach der Reform der ärztlichen Approbationsordnung im Jahr 2003 in den Beruf ein. Da sollte man erst mal abwarten, wie diese gewirkt hat“, meinte er.

Mehr Studienplätze benötigt

Grundsätzlich zeigte sich Rösler auch weiterhin davon überzeugt, dass man auf die Qualität des künftigen medizinischen Nachwuchses bereits bei der Zulassung zum Medizinstudium Einfluss nehmen könnte. „Die Qualität eines Arztes hängt nicht von seinem Abiturnotendurchschnitt ab“, sagte er. Die Universitäten müssten ihre Möglichkeiten, weitere Auswahlkriterien hinzuziehen, intensiver nutzen, forderte er. Gleichwohl versuche er gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), die Länder zu überzeugen, noch mehr Medizinstudienplätze zu schaffen.

Studierende waren mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden: „Leider hat der Minister nicht konkret gesagt, wann es mehr Studienplätze geben soll“, bedauerte Alaa Eddine. Rösler habe „viel geredet, aber wenig gesagt“. Enttäuscht zeigte sich auch Lott, der in etwa einem Jahr die Hausarztpraxis seiner Eltern in Berlin-Charlottenburg übernehmen will: „Rösler hat zu oft die Verantwortung anderen Organisationen zugeschoben, anstatt sich für eine Änderung der Strukturen einzusetzen.“ Hausbesuche beispielsweise blieben angesichts der geringen Vergütung nach wie vor ein wirtschaftliches Risiko für Allgemeinmediziner, obwohl sie eigentlich viele teure Rettungseinsätze verhindern könnten.

Ansonsten konnte man nach dem Ärzteblatt-Wortwechsel in viele zufriedene Gesichter blicken. Rösler ließ sich von der angenehmen Atmosphäre anstecken und blieb noch mehr als eine Stunde im Gespräch mit Studierenden und jungen Ärzten. Auch Wille hatte mit ihrem Kind der gesamten Diskussion beigewohnt. Trotz noch offener Fragen, blickt sie positiv in die Zukunft. „Ich bin überzeugt, dass ich die richtige Berufswahl getroffen habe“, konstatierte sie.

Dr. rer. nat. Marc Meißner
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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