ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Von schräg unten: Fahrlässigkeit

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fahrlässigkeit

Böhmeke, Thomas

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Die Verrechtlichung unserer täglichen Arbeit schreitet so unaufhaltsam voran wie der medizinische Fortschritt. In unserer täglichen Arbeit sind mittlerweile Dinge von A wie Aussage­verweigerungs­recht über F wie Fahr­lässig­keit bis hin zu Z wie Zwangs­voll­streckungs­maß­nahmen präsenter als Anteil­nahme, Fürsorge oder Zuwendung zu unseren Patienten. Nun, dies scheint wohl ein spezifisch deutsches Phänomen zu sein. So zeigen die Berichte von Patienten, die im Ausland ein gesundheitliches Unglück erlitten haben, eindrucksvoll eine andere, sozusagen juristisch unbeschwerte Gestaltung der medizinischen Versorgung.

Eine meiner Patientinnen erlitt in Spanien einen Vorderwandinfarkt, ihre Herzkranzarterie wurde umgehend in einer Privatklinik rekanalisiert. Sie wurde aber erst aus der stationären Behandlung entlassen, nachdem ihr Sohn 12 000 Euro überwiesen hatte. Hier gerierte das Hospital als Haftanstalt, mutierte die Honorarnote zur Lösegeldforderung. Der Eingriff war immerhin erfolgreich, nicht so jedoch bei einem 53-jährigen Patienten, der mit akutem Hinterwandinfarkt in Pattaya/Thailand im Krankenhaus vorstellig wurde. Eine weitergehende Behandlung gönnte man ihm erst, nachdem er 18 000 Euro auf den Tisch des Hauses gelegt hatte. Weil er dafür etwas Zeit benötigte, vernarbte seine Herzmuskelhinterwand vollständig. Dies war wohl der Grund für die Kollegen, nicht die für den Infarkt verantwortliche rechte Herzkranzarterie zu rekanalisieren, sondern eine insignifikante Koronarstenose im linken System zu stenten. Nun, eine Sorgfaltspflichtverletzung kann man dem Krankenhaus nur eingeschränkt vorwerfen, da es äußerst sorgfältig auf die Kostenerstattung geachtet hatte. Noch sorgfältiger waren allerdings kardiologische Kollegen in Schanghai, die für ein vergleichbares Prozedere 40 000 Dollar forderten. Eine Summe, die über dem Regelleistungsvolumen vieler niedergelassener Kolleginnen und Kollegen liegt. Getoppt wird all dies durch einen marokkanischen Patienten, der in Rabat umgerechnet 20 000 Euro für eine Herzkatheteruntersuchung mit nachfolgender Ballondilatation bezahlt hatte. Er brachte mir die Katheterfilme mit, nach sorgfältiger Durchsicht konnte ich dem Mann gratulieren: Er war völlig koronargesund, auf den Filmen war weder ein Krümel in den Koronarien noch der Zipfel eines Dilatationsballons zu erkennen.

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Wenn ich diese gesammelten Beispiele aus meiner Praxis betrachte, so komme ich doch zu dem Schluss, dass wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, im internationalen Vergleich einen der letzten Plätze belegen. Und mir wird klar, warum deutsche Staatsanwälte uns heimischen Ärzten trotzdem fortwährende Fahrlässigkeit unterstellen: Sie argwöhnen, dass wir alle ins Ausland fahren wollen, um mit Lässigkeit Unsummen zu verdienen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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