ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Medizinische Internetforen: Ärzte als kompetente Teilnehmer

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Internetforen: Ärzte als kompetente Teilnehmer

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2220 / B-1922 / C-1890

Berg, Volker

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In der Beziehung zwischen Arzt und Patient spielt das Internet eine zunehmend wichtige Rolle. Ärzte sollten sich mehr als bisher in den medizinischen Foren als qualifizierte Informanten einbringen.

Die Ergebnisse der Skopos-Umfrage vom Mai 2010 (1, 2) zur Bedeutung des Internets im Gesundheitswesen sprechen für sich: Fast 80 Prozent der Befragten informieren sich über Gesundheitsfragen im Netz. Sie vertrauten vorrangig, sagen sie, Beratungsangeboten von Ärzten, Krankenkassen und den Gesundheitsportalen. Medizinische Foren werden angeblich von circa 40 Prozent besucht.

Medizinische Foren gibt es in großer Zahl und Themenvielfalt, nicht alle sind unabhängig. Foto: dpa
Medizinische Foren gibt es in großer Zahl und Themenvielfalt, nicht alle sind unabhängig. Foto: dpa
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Medizinische Foren gibt es als das gesamte Fachgebiet umfassende Websites mit und ohne zusätzliche Informationsseiten über Arzneimittel, Heilweisen, Krankenhäuser, Ärzte et cetera. Daneben gibt es ein großes Spektrum von Foren, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind, zum Beispiel auf Hämorrhoiden, Hallux valgus, Borelliose, Sudeck, Unfallopfer, Psychosen und anderes mehr.

Einige sind allein für Ärzte und medizinische Berufe vorgesehen. Die meisten richten sich aber an alle Netzuser. Eins der Foren rühmt sich sogar seiner laienhaften Antworten, da die Fragesteller diese besser verstünden als die Auskünfte von Fachleuten. Hinter vielen Foren stehen Interessengruppen. Auch unabhängig scheinende Foren sind oft verborgen im Hintergrund beeinflusst.

Der Zugang zum Forum ist in der Regel durch den Zwang begrenzt, sich mit einem Usernamen, einem Passwort und seiner E-Mail-Adresse registrieren zu lassen und sich jeweils einzuloggen. Diese Registrierpflicht gibt es nicht überall, oder sie beschränkt sich auf die Fragesteller beziehungsweise die Beantworter.

Sämtliche Foren, vor allem die privat betriebenen, leben von vor- und zwischengeschalteter Werbung, vielfach solcher, die die Diskussionsbeiträge radikal unterbricht. Das kann so weit gehen, dass man den Eindruck hat, es wird mehr Reklame als Diskussionstext geboten.

Die Qualität eines Forums ist abhängig vom fachlichen Wissen der Diskutanten und der Moderatoren. Foren, in denen jede Frage von im Forum angestellten Ärzten beantwortet wird, haben naturgemäß einen höheren Standard. Meist aber kontrollieren Moderatoren/Administratoren den Ablauf der Jedermann-Diskussionen – in erster Linie zur Wahrung der Netiquette und nicht wegen des Inhalts der Beiträge. Nicht immer moderieren medizinisch erfahrene Teilnehmer. Durch Gütesiegel, etwa von AFGIS (Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem) oder HON (Health on the Net Foundation), können Foren ihre Qualität transparent machen (3).

Enttäuschte und Cyberchonder

Positiv informiert durchs Netzangebot fühlen sich der Skopos-Umfrage zufolge circa 47 Prozent der Befragten. Weniger weiß man über jene Ratsuchenden, die enttäuscht wurden. Ihre negativen Erfahrungen beruhen einerseits darauf, dass sie im Netz mit Halbwissen und Fehlinformationen von selbsternannten Experten gefüttert werden. Solchen, die sagen: „Ich bin zwar kein Arzt/Experte, aber ich rate dir Folgendes . . .“ und die dann bestenfalls Wischiwaschi von sich geben. Darüber hinaus gibt es überall Trolle*.

Andererseits stoßen die Hilfesuchenden im Netz auf Werbeinformationen, die sie nicht als solche erkennen. Das ist vor allem dann problematisch, wenn es sich um „Guerillawerbung“ handelt, die von sich gegenseitig lancierenden Usern eingebracht wird, oder wenn sich hinter ganz persönlich wirkenden Antworten Werbung verbirgt. Versteckter Beeinflussung begegnet man auch auf unabhängig scheinenden Portalen, zum Beispiel solchen von Selbsthilfegruppen, die ohne finanzielle Unterstützung seitens der Industrie gar nicht existieren könnten.

Schließlich ist es auch so, dass Ratsuchende zwar korrekte Informationen erhalten, aber mit ihnen nichts anfangen können. Sie missverstehen die Inhalte, sie werden zu „Cyberchondern“ oder erkranken am „akuten Googlom“ (4), dem eingebildeten Tumor. Es entsteht schnell eine Karzinophobie, die dann im realen oder im virtuellen Sprechzimmer wieder abgebaut werden muss.

In der Skopos-Umfrage gaben 17,9 Prozent der Teilnehmer an, dass sie durch das Internet Ärzten gegenüber kritischer geworden seien. Das kann heißen, dass sie ihren Ärzten jetzt misstrauischer gegenüberstehen. Was das für die Heilungschancen bedeutet, bedarf keiner Erläuterung. Deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, wenn Ärzte sich als kompetente Teilnehmer an seriösen Foren betätigen, dort fachkundig antworten und Fehlinformationen zurechtrücken.

Es ist kein Geheimnis, dass viele Erkrankungen erst durch die vermeintliche Verfügbarkeit effektiver Behandlungsmethoden erfunden werden (disease mongering), von der interessierten Wirtschaft wirkungsvoll begleitet, wenn nicht gar initiiert (5). Kostenfrei verteilte Magazine der Apotheken und Gesundheitssendungen in TV und Radio tragen dazu bei, dass jedermann ständig mit beunruhigenden Nachrichten über mögliche Krankheiten konfrontiert wird. Den bewusst oder unbewusst ausgelösten Krankheitsängsten und einem nachfolgenden Aktionismus entgegenzutreten, muss man als eine Aufgabe des Arztes sehen, der er in medizinischen Foren noch weitreichender nachgehen kann als „nur“ in seiner Praxis.

Ärzte können dort auch gegen die grassierende Unsitte Raterteilender angehen, gleich eine fachärztliche Behandlung und aufwendige technische Untersuchungen zu empfehlen, wo der Besuch und manchmal allein das Gespräch beim Hausarzt zunächst ausreichte (was auch eine ökonomische Seite hat). Auch wo Ärzte harsch kritisiert werden, oft aufgrund von Missverständnissen zu Unrecht, lassen sich die Dinge sachlich erläutern und zurechtrücken.

In vielen Foren wird mehr oder weniger ungefiltert diskutiert und das Gespräch zwischen Leidensgenossen und Halbwissenden als Wissensaustausch betrieben. Insbesondere dort sollten sich praxiserfahrene Ärzte einbringen. Dies kann durchaus sporadisch, zwanglos und auf bestimmte Plattformen beschränkt stattfinden. Aus zeitlichen Gründen könnte das speziell ein Betätigungsfeld von nicht mehr aktiv berufstätigen Ärzten sein. Sie können es nutzen, um geistig mobil zu bleiben. Von der gelegentlichen Simplizität der Diskussionen darf man sich nicht abschrecken lassen. Jeder Arzt hat es in der Hand, das Niveau anzuheben. Auch Medizinstudierende in höheren Semestern können versierte Teilnehmer von Medizinforen sein und sind es auch. Das Gleiche gilt für medizinisches Fachpersonal, von Krankenschwestern bis zu Rettungswagenfahrern.

Der sich beteiligende Arzt kann nicht nur helfen, er kann auch lernen. Es zeigt sich im Forum nämlich, wo in der realen Sprechstunde Beratungsdefizite sind, was Patienten nicht verstanden haben, was sie vermissen, wonach sie deshalb fragen. Auch, welche Gefühle sie mit ihren Krankheiten verbinden und publik machen.

Missverständnisse zwischen Arzt und Patient kosten das Gesundheitssystem eine Menge Geld. In den USA wird dieser Verlust auf jährlich 73 Milliarden US-Dollar geschätzt (6). Vergleichbare Defizite gibt es sicherlich auch in Deutschland, auch wenn Zahlen dazu nicht vorliegen. Eindeutig existiert ein Informationsmangel auf dem Gebiet der Arzneimittelanwendung; Kranke fühlen sich nicht hinreichend oder überhaupt nicht unterrichtet. Manche Krankenkassen nehmen diese Aufgabe daher selbst in die Hand. Wie weit das im Interesse der Ärzte liegt, ist fraglich.

Wonach User in den Foren fragen

Aus der Tabelle, die 1 000 Forumanfragen innerhalb der letzten zwei Monate als Datenbasis hat, geht hervor, dass es Fragen zu allen Fachgebieten gibt, bevorzugt zu orthopädischen und gynäkologischen Erkrankungen und Problemen, unter letzteren hauptsächlich zu Verhütung, Schwangerschaft und zu Hauterkrankungen. Außerdem erkundigen sich 6,9 Prozent nach Arzneimittelwirkungen und -nebenwirkungen. Bezieht man die Zahl der Fragen nach der Bedeutung von Laborbefunden und den Befunden anderer Untersuchungsmethoden (4,5 Prozent) ein, sind es insgesamt 11,4 Prozent, die offenbar unzureichend informiert sind. Es sind allerdings nicht immer die häufigen, sondern auch manche seltene Fragen, die Aufmerksamkeit fordern.

Aus all dem ergibt sich, dass die Ärzte ein ureigenes Interesse an der Kontrolle medizinischer Informationen, die im Internet verbreitet werden, haben müssen und dass sie sich nicht scheuen dürfen, das „Spektakel“ positiv zu beeinflussen.

Zu den bekanntesten Medizinforen zählen das Deutsche Medizin Forum (www.medizin-forum.de), ferner das Forum med1 (www.med1.de) und das Forum von DocInsider (www.docInsider.de), wo man sich zusätzlich der Auflistung und Bewertung von Ärzten widmet. Mehrfach zertifiziert ist das Forum der Website von Onmeda (www.onmeda.de). Ein eigenes, rege frequentiertes Unterforum Medizin wird im Netzwerk wer-weiss-was (www.wer-weiss-was.de) betrieben und vorwiegend von Ärzten moderiert. Medizinischer Fragen nimmt sich auch die Ratgeber-Community unter www.gutefrage.net an. Diese knappe Beispielliste sagt nichts über die Güte vieler anderer Foren aus; zahllos sind die kleineren, auf einzelne Themen begrenzten. Zu bevorzugen sind jene, die ihre Teilnehmer per E-Mail informieren, sobald eine Antwort auf einen eigenen Artikel eingegangen ist. So erspart man sich zeitraubendes Herumsuchen in den Diskussionsbeiträgen anderer User.

Dr. med. Volker Berg

E-Mail: v.berg1@gmx.net

*Troll steht in der Netzkultur für eine Person, die mit ihren Beiträgen in Foren stark provoziert, um beispielsweise Aufmerksamkeit zu erhalten.

2.
„Gesundheitskommunikation: Internet wichtigster Infokanal, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A 1465. VOLLTEXT
3.
„Patienteninformation: Interaktiv und keinesfalls blutig“, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A 1242. VOLLTEXT
5.
„Arzt oder Mediziner: Empathie statt Aktionismus“, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(31–32): A 1512. VOLLTEXT
6.
„Der mündige Patient“, Süddeutsche Zeitung Nr. 196 v. 26.08.2010, S. 44.
1. www.virtuelles-wartezimmer.de
2.„Gesundheitskommunikation: Internet wichtigster Infokanal, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A 1465. VOLLTEXT
3.„Patienteninformation: Interaktiv und keinesfalls blutig“, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A 1242. VOLLTEXT
4. http://news.doccheck.com/de/article/160302-akutes-googlom
5.„Arzt oder Mediziner: Empathie statt Aktionismus“, in: Dtsch Arztebl 2010; 107(31–32): A 1512. VOLLTEXT
6. „Der mündige Patient“, Süddeutsche Zeitung Nr. 196 v. 26.08.2010, S. 44.

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