ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Pflegekräfte: Pflege warnt vor „totalem Kollaps“

POLITIK

Pflegekräfte: Pflege warnt vor „totalem Kollaps“

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2212 / B-1918 / C-1886

Hibbeler, Birgit

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Der Fachkräftemangel verschärft sich, die Bundesregierung ignoriert das Problem. Das beklagt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe und hat deshalb eine Protestaktion gestartet.

Der zunehmende Personalmangel in der Pflege hat dramatische Folgen. Davor warnt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Die Patienten würden schlecht versorgt, die Mitarbeiter von Kliniken, Heimen und ambulanten Pflegediensten seien im Dauerstress. „Wenn jetzt die Weichen nicht konsequent umgestellt werden, ist der totale Pflegekollaps nicht mehr aufzuhalten“, sagte Verbandspräsidentin Gudrun Gille. Die Bundesregierung müsse handeln, verliere aber wertvolle Zeit mit Nichtstun.

Gelb für Schwarz- Gelb: Mehr als 10 000 Protestkarten sollen bereits im Kanzleramt eingegangen sein.
Gelb für Schwarz- Gelb: Mehr als 10 000 Protestkarten sollen bereits im Kanzleramt eingegangen sein.
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Zwar habe die Politik mittlerweile das Problem des Fachkräftemangels erkannt, doch die Lösungsansätze seien für Gille nicht zielführend. Immer noch herrsche die Ansicht „Pflegen kann jeder“ vor, so dass es weiterhin den Vorschlag gebe, Langzeitarbeitslose oder schwer vermittelbare Jugendliche könnten in die Lücke springen. Der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften ist nach Meinung des DBfK ebenfalls keine Lösung. Dazu seien die Arbeitsbedingungen im internationalen Vergleich zu schlecht. Der vereinbarte Mindestlohn für die Pflegebranche von 8,50 Euro (7,50 Euro im Osten) sei zu niedrig. Wichtig sei es, die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften endlich attraktiv zu gestalten. Nur dann werde das Berufsfeld wieder für junge Menschen interessant.

Desinteresse der Politik

Der DBfK hat nun eine Protestaktion gestartet, die sich direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) richtet. Pflegekräfte, Patienten, aber auch alle anderen Bürger sind dazu aufgerufen, eine Postkarte oder E-Card an Merkel zu schicken und so auf die Missstände hinzuweisen. Schon wenige Tage nach Beginn der Aktion am 1. November teilte der Pflegeverband mit, mehr als 10 000 Gelbe Karten seien verschickt worden.

Der medienwirksame Protest des DBfK kommt nicht überraschend. Viele Pflegekräfte sind mit der Politik der Bundesregierung unzufrieden. Sie fühlen sich vernachlässigt und ausgeschlossen. Ein Beispiel: die von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) geplante Kommission zur Unterversorgung auf dem Land. Eine Beteiligung der Pflege sei nicht vorgesehen, kritisierte kürzlich der Deutsche Pflegerat. Erneut lasse der Minister eine der größten Berufsgruppen im Gesundheitswesen außen vor.

Rückendeckung bekommen die Pflegekräfte mittlerweile von der CSU. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer warf Rösler bezüglich der Pflege Tatenlosigkeit vor. „Ich erlebe nicht, dass da ein Ge­sund­heits­mi­nis­ter ist, der wirklich spürbar Lust auf dieses Thema hat“, sagte sie. Die einzige positive Pflege-Initiative seit Antritt der schwarz-gelben Regierung sei nicht von Rösler ausgegangen, sondern von Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Kristina Schröder (CDU), die die Rolle von pflegenden Angehörigen stärken wolle. Ungelöst seien nach wie vor die Probleme beim „Pflege-TÜV“.

Reformen im nächsten Jahr

Tatsächlich ist im Bereich Pflege in dieser Legislaturperiode noch nicht allzu viel passiert, obwohl man im Koalitionsvertrag dazu einiges findet. So hatten Union und FDP angekündigt, die Pflegeversicherung auf eine solide finanzielle Basis stellen zu wollen. Konkrete Vorschläge dazu liegen aber noch nicht auf dem Tisch. Die Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffs steht ebenfalls noch aus. Und auch die Reform der Alten- und Krankenpflegeausbildung wird man erst im nächsten Jahr angehen.

Der Pflegeexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Heinz Lanfermann, wies die CSU-Kritik zurück. Die Pflege werde 2011 eines der dominierenden Themen von Rösler sein. Am 7. Dezember wolle der Minister mit Fachleuten und Verbandsvertretern aus dem Pflegebereich beraten – unter anderem zum Fachkräftemangel. Auch die Arbeitsgruppe zur Reform der Pflegeversicherung werde noch in diesem Jahr eingesetzt.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Weitere Informationen zur Protestaktion: www.dbfk.de/gelbekarte

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