ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Selektivverträge: Kommunizieren und sparen

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Selektivverträge: Kommunizieren und sparen

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2215 / B-1921 / C-1889

Osterloh, Falk

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Viele Krankenkassen konzentrieren sich zurzeit ganz darauf, den Zusatzbeitrag zu vermeiden. Für langfristige Investitionen ist da wenig Platz. Die Bosch BKK zeigt nun, dass sich frühzeitige Investitionen auf lange Sicht auch rechnen können.

Boris Ott führt eine typische Allgemeinarztpraxis, gelegen im malerischen Oberallgäu. Untypisch ist hingegen die Zusammensetzung seines Versichertenstamms. Denn da seine Praxis an einem Bosch-Standort liegt, sind 40 Prozent seiner Patienten bei der Bosch BKK versichert. Dieser Umstand hat seinen Arbeitsalltag verändert. Seit 2007 nämlich betreibt die mittelgroße Betriebskrankenkasse ein besonderes Projekt: Sie beschäftigt mittlerweile 16 Patientenbegleiter, die nicht nur die Versorgung der Versicherten verbessern und der Krankenkasse Geld einsparen, sondern auch die Arbeit von Boris Ott und seinen Kollegen vereinfachen sollen.

Grundlage des Projekts sind Selektivverträge nach §§ 73 und 140 Sozialgesetzbuch V, die die Bosch BKK mit verschiedenen Ärztenetzen und -verbünden insbesondere im Süden der Republik geschlossen hat. Die Patientenbegleiter identifizieren nun diejenigen Versicherten, die eine spezielle Betreuung benötigen. Ziel ist es unter anderem, teure Krankenhauseinweisungen zu verhindern. Dabei sprechen die Patientenbegleiter mit den teilnehmenden Ärzten in Praxis und Krankenhaus, organisieren Reha- und Pflegemaßnahmen oder vermitteln den Kontakt zu Sozialdiensten vor Ort.

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„Wenn ich von einem meiner Patienten höre, dass zum Beispiel seine Wohnung nicht altersgerecht eingerichtet ist, kann ich das mit den Patientenbegleitern besprechen. Sie schauen sich die Wohnung an und überzeugen die Patienten davon, vielleicht auf den dicken Teppich im Wohnzimmer zu verzichten. Oder sie bringen einen Haltegriff an der Badewanne an.“ Dadurch sinke dann die Gefahr eines Schenkelhalsbruchs, erläutert Ott.

„Als Krankenkasse hat man nicht viele Möglichkeiten, durch eigene Initiative Geld einzusparen“, sagte der Vorstand der Bosch BKK, Bernhard Mohr, bei der Präsentation der Studie, deren Autoren das Projekt drei Jahre lang begleitet haben. Am bestens gelinge es durch Versorgungsmanagement. Die von der Katholischen Fachhochschule Mainz und dem Centrum für angewandte Wirkungsforschung durchgeführte Studie liefert nun Zahlen dafür, dass die Strategie der Bosch BKK aufgegangen ist.

„Wir brauchen eine stärkere Regionalisierung“

„Im Durchschnitt 2 300 Euro pro Jahr und Fall konnten die Krankenhauskosten durch den Einsatz der Patientenbegleiter gesenkt werden“, betonte der Leiter der Studie, Prof. Dr. Peter Löcherbach. Hinzu kämen Einsparungen bei Pflegekosten und bei Ausgaben für Heil- und Hilfsmittel. Wie sich das Projekt auf die Ausgaben in der ambulanten Versorgung ausgewirkt habe, habe hingegen nicht untersucht werden können. „Die Einsparungen im Krankenhausbereich ergaben sich jedoch erst nach neun Monaten“, so Löcherbach. Zuvor führe die Patientenbegleitung zu höheren Leistungsausgaben. Dadurch habe sich gezeigt, dass die Patientenbegleitung eher präventive als unmittelbare Wirkung habe. Mohr erläuterte, seine Kasse habe zunächst 3,7 Millionen Euro an Arzthonoraren, Ausfällen der Praxisgebühr für die teilnehmenden Versicherten und an Sachkosten investiert. Da man jedoch langfristig Kosten einspare, habe sich das Projekt gelohnt. Bislang nehmen 2 400 Ärzte, 15 Krankenhausverbände und 50 000 der insgesamt 200 000 Versicherten der Kasse teil.

Vertragspartner der Bosch BKK ist auch der Medi-Verbund. Dessen Vorsitzender, Dr. med. Werner Baumgärtner, ist mit dem Konzept zufrieden. „Das Projekt funktioniert, weil es bei der Versorgungssituation in den einzelnen Regionen ansetzt und die häusliche Versorgung durch ein enges Zusammenspiel der Partner vor Ort verbessert wird“, erklärte er bei der Präsentation. „In Zukunft brauchen wir deshalb eine stärkere Regionalisierung. Wir müssen wegkommen vom Zentralismus.“

Auch Allgemeinmediziner Ott ist mit der Zusammenarbeit vor Ort sehr zufrieden. „Wir haben in unserem Bezirk zwei Patientenbegleiter, die ausgebildete Krankenpfleger sind, und keine reinen Sozialversicherungskaufleute, mit denen ich bei anderen Krankenkassen zu tun habe. Wir sprechen also dieselbe Sprache, und es gibt keine Abstimmungsprobleme mehr mit der Kasse.“ Er müsse seine Anliegen nicht mehr verklausuliert auf einem sechsseitigen Antrag unterbringen, sondern könne direkt mit den Patientenbegleitern sprechen, die dann die Abstimmung mit der Kasse übernähmen. „Die Kommunikation funktioniert jetzt viel besser. Das macht einen großen Teil des Erfolgs aus“, meint Ott.

Die Studie habe gezeigt, erklärte Mohn, dass sich eine solche Kooperation von Leistungserbringern und Krankenkasse, zum Beispiel im Rahmen von Hausarztverträgen, rechnen kann. „Ein Projekt wie dieses vermisse ich bei anderen Kassen schmerzlich“, sagt Ott. „Ich habe ja den direkten Vergleich zwischen den Kassen. Und ohne Patientenbegleiter ist der Zeitaufwand bei der Betreuung der Patienten einfach höher.“

Falk Osterloh

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