ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2010Diagnose Sprachbarriere: Keine Sprachlosigkeit

BERUF

Diagnose Sprachbarriere: Keine Sprachlosigkeit

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): [74]

Klingbeil, Wenke

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Im Umgang mit gehörlosen Patienten müssen vor der Behandlung erst einmal Verständigungsprobleme kuriert werden.

Ein guter Arzt versteht seinen Patienten, stellt die richtige Diagnose und kuriert das Leiden. Wenn der Patient sich dem Arzt aber nicht verständlich machen kann und dessen Fragen nicht hört, steht vor der Behandlung eine riesige Sprachbarriere. Für Gehörlose ist ein spontaner Arztbesuch ohne Gebärdensprachdolmetscher eine Herausforderung. Dabei reichen schon elementare Grundkenntnisse der Gebärdensprache und die Beachtung einiger Verhaltensregeln, damit die Kommunikation mit gehörlosen Patienten gelingt.

In Deutschland gibt es etwa 80 000 Gehörlose, dazu kommen knapp 200 000 Schwerhörige mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent. Viele von ihnen sprechen die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Muttersprache. DGS ist kein Hilfskonstrukt, mit dem Hörgeschädigte sich irgendwie in der Welt der Hörenden zurechtfinden wollen, sondern eine vollwertige Sprache und Grundlage einer eigenen Kultur. Die meisten Gehörlosen lernen und verstehen gesprochenes und geschriebenes Deutsch als ihre Zweitsprache: Sie können in ihr kommunizieren, sie bei weitem aber nicht so gut und umfassend verstehen und sich ausdrücken wie in der DGS. Kein Wunder, wenn man gesprochene Worte lernen und begreifen muss, ohne sie zu hören. So kann Gesprochenes mittels Lippenlesen nur schwer erfasst werden, da nur etwa 30 Prozent der Laute anhand ihrer sichtbaren Artikulation unterscheidbar sind. Die schriftliche Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen scheitert oft daran, dass das Geschriebene auf dem Gesprochenen basiert, Gehörlose ihre Schriftsprache also nur mühsam der Lautsprache anpassen, weil sie diese kaum beherrschen.

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Um diese Sprachbarriere allmählich abzubauen, wird hörgeschädigten Menschen im Bundesgleichstellungsgesetz seit 2002 das Recht eingeräumt, in öffentlichen und offiziellen Angelegenheiten in Gebärdensprache zu kommunizieren. So haben sie etwa bei Arztbesuchen das Recht auf Unterstützung durch einen Dolmetscher. Tatsächlich aber mangelt es noch immer an staatlich geprüften Übersetzern; gehörlose Patienten müssen oft lange auf einen Termin warten.

Einen großen Schritt in Richtung Barrierefreiheit macht nach eigenen Angaben die Berliner Gebärdensprachschule „Gebärdenfabrik“: Sie will in speziellen Kursen künftig medizinisches Personal im Umgang mit hörgeschädigten Patienten schulen. Niedergelassene Ärzte, Pflegekräfte und Krankenhausmitarbeiter lernen dort neben elementaren Verhaltensregeln einige für ihren Arbeitsalltag wichtige Grundgebärden und werden für die besonderen Bedürfnisse hörgeschädigter Patienten sensibilisiert. „Wir wollen den Medizinern nicht die komplette Gebärdensprache beibringen, das ist auch gar nicht nötig“, sagt Frank Hübner, Geschäftsführer der „Gebärdenfabrik“, „uns geht es nicht darum, Dolmetscher zu ersetzen, sondern den Ärzten den ersten Kontakt und die Arbeit mit ihren hörgeschädigten Patienten zu erleichtern. Das vermeidet Frust auf beiden Seiten.“

Auch wenn Sie die Gebärdensprache nicht beherrschen, müssen Sie gehörlosen Menschen nicht sprachlos gegenüberstehen. Es genügt, einige Verhaltensregeln zu beachten, um zumindest ein einfaches Gespräch zu führen:

  • Machen Sie mit großen Gesten auf sich aufmerksam, klopfen sie auf den Tisch oder stampfen Sie mit den Beinen auf, die Bewegungen und die Erschütterungen werden wahrgenommen. Haben Sie keine Angst vor Berührungen. In der Gehörlosenkultur ist es üblich, sich leicht zu berühren.
  • Fragen Sie Ihren gehörlosen Gesprächspartner, ob Sie mit ihm per Lautsprache oder Lippenlesen kommunizieren können. Achten Sie dann darauf, dass Sie in seinem Blickfeld und ihm zugewandt sprechen. Ihre Lippen müssen gut sichtbar sein.
  • Sagen Sie Ihrem Gesprächspartner kurz, über welches Thema Sie mit ihm sprechen wollen. So kann die Konzentration auf bestimmte Wortfelder gerichtet werden.
  • Vermitteln Sie Ihr Anliegen in kurzen Sätzen und formen Sie Ihre Worte deutlich, aber nicht übertrieben. Sprechen Sie in einem normalen Rhythmus in normaler Lautstärke. Hörende neigen oft dazu, gehörlose Menschen sehr laut anzusprechen. Da Ihr Gesprächspartner Sie, egal in welcher Lautstärke, nicht hören kann, ist das völlig unnötig.
  • Wiederholen Sie das Gesagte so oft, bis Ihr Gesprächspartner Sie verstanden hat, oder verändern Sie gegebenenfalls Ihre Wortwahl. Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben.
  • Einige gehörlose Menschen bevorzugen im Umgang mit gebärdensprachunkundigen Hörenden von vornherein die schriftliche Kommunikation. Drücken Sie sich kurz und klar aus und reduzieren Sie Ihre Sätze auf das Wesentliche. Schriftsprache basiert auf Lautsprache, die wiederum eine ganz andere Grammatik hat als die Gebärdensprache und darum für die meisten gehörlosen Personen nur schwer zu verstehen ist.

Weitere Informationen: www.gebaerdenfabrik.de

Wenke Klingbeil

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