SUPPLEMENT: Reisemagazin

Mauritius: Die Insel der Liebenden

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): [18]

Diemar, Claudia

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Ein kleines Land mit so großer Vielfalt braucht Geschichten, die es zusammenhalten – wie die von Paul und Virginie.

Fotos: laif
Fotos: laif

Es hat Jahre gedauert, die Familien weichzuklopfen, aber jetzt ist es soweit“, erzählt Vishal. Die Rede ist von seiner bevorstehenden Vermählung. Die Braut ist Katholikin, Vishal selbst jedoch Hindu. „Wir werben ja gern damit, die kosmopolitischste Insel unter der Sonne zu sein, aber so selbstverständlich sind interkulturelle Ehen hier nun auch nicht“, erklärt der Bräutigam. Vishal wünscht sich eine „kleine Hochzeit“ mit rund 150 Familienangehörigen und einer nur zwei Tage währenden Feier. Genug Zeit jedenfalls, um erst die christliche Trauung und danach die Zeremonie im Tempel zu zelebrieren. „Zu einer echten Hindu-Hochzeit gehören zehnmal mehr Gäste, und die Feiern dauern doppelt so lange“, erklärt er und chauffiert dabei souverän auf maroden Straßen, vorbei an schneeweißen Moscheen, pastellfarbenen Kirchen und bonbonbunten Tempeln.

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„Lasst mich die poetische Insel beschreiben, die ihre Füße im Meer badet und ihr Haupt in den Wolken verbirgt“, schrieb Alexandre Dumas über die Insel. Mauritius ist schön. Es gehört zu den Tropen, liegt aber weit genug vom Äquator entfernt, um nicht in feuchter Hitze zu ersticken. Es ist gesäumt von einem grelltürkisen Meer. Die Insel macht sich gut als Ferienparadies. Überall dort, wo die schönsten Strände locken, sind die Küsten von properen Hotelanlagen gesäumt. Hauseigene Boote kreuzen mit den Urlaubern durch die flüssige Seide des Indischen Ozeans. Wer will, kann Wanderungen in den verbliebenen Resten des einst riesigen Urwalds buchen.

„Wir sind wie eine Musterkollektion aller Hautfarben und Kulturen der Erde“, sagt Ramesh, der uns durch den botanischen Garten bei Pamplemousses führt. Gut die Hälfte der 1,2 Millionen Einwohner sind Hindus, knapp ein Drittel sind Christen, 16 Prozent sind Muslime und zwei Prozent Buddhisten. Mauritius gehört mit Réunion und den winzigen Eilanden Rodrigues und Agaleda zu den östlich von Madagaskar gelegenen Maskarenen. Holländische Seefahrer nahmen Mauritius Ende des 16. Jahrhunderts in Besitz und benannten die Insel nach dem Prinzen Maurits von Nassau. Doch nicht die Niederländer, sondern die nachfolgenden Franzosen und Engländer bestimmten die koloniale Geschichte der Insel. Bald schufteten Sklaven aus Schwarzafrika in den riesigen Zuckerrohrplantagen. Als die Sklaverei abgeschafft wurde, warb man Arbeiter aus Indien und China an. So wurde die Insel zu einem multikulturellen Patchwork.

Mauritius macht sich gut als Ferienparadies:Der Montagne du Rempart wacht über die Baie du Tamarin im Südwesten der Insel.
Mauritius macht sich gut als Ferienparadies:
Der Montagne du Rempart wacht über die Baie du Tamarin im Südwesten der Insel.

Ein kleines Land mit so großer Vielfalt braucht Geschichten, die es zusammenhalten. Auf Mauritius sind das eine Unzahl von Märchen, die seit Jahrhunderten tradiert werden. Mauritianische Märchen haben immer einen erzieherischen Ansatz. Gier wird stets bestraft, Geduld führt eher zum Ziel als Hast. Heldin von Fabeln ist daher meist die Schildkröte. Keine Geschichte ist auf Mauritius so bekannt wie die von Paul und Virginie. Jedes Kind kann sie erzählen. Europa hat Romeo und Julia, Mauritius aber Paul und Virginie. Unzählige Mauritier tragen die Namen der Liebenden. Boote, Restaurants und sogar ein Hotel sind nach den jugendlichen Helden benannt, deren Geschichte Bernardin de St. Pierre 1788 veröffentlichte: Zwei verarmte alleinerziehende Französinnen ziehen fernab aller Zivilisation in einem fast unzugänglichen Winkel der Insel ihre beiden gleichaltrigen Einzelkinder auf. Die Kleinen wachsen unzertrennlich heran. Später verlieben sich die herzensguten Naturkinder ineinander. Bevor Hochzeit gehalten wird, soll Virginie nach Frankreich reisen, um eine reiche Tante zu beerben. Doch ohne Vermögen kehrt sie zur Tropeninsel zurück, wo ihr Schiff vor den Augen des Geliebten an den Felsen zerschellt. Er kann die Angebetete nur noch tot aus den Wellen bergen.

Die tragische Romanze war vom Autor St. Pierre auch als Pamphlet gegen soziale Ungerechtigkeit und Standesdünkel, gegen Sklaverei und Unterdrückung angelegt. Noch immer bilden die „Grands Blancs“, die einflussreichen Weißen, auf Mauritius eine geschlossene Gesellschaft. Wenig mehr als zwei Dutzend Familien gehören zu der Schicht der Auserlesenen, die sich einst ein Opernhaus in der Hauptstadt Port Louis bauen ließ und bis heute stolz darauf ist, mit ihrem exklusiven „Turf Club“ den zweitältesten Reitclub der Welt zu betreiben.

Die Geschichte von Paul und Virginie hat einen wahren Kern. Im August 1744 zerschellte der französische Schoner Saint Géran unmittelbar vor der mauritianischen Küste. Von den mehr als hundert Passagieren überlebten nur zehn den Schiffbruch. Die Katastrophe spielte sich bei der vorgelagerten Ile d’Ambre ab, nicht aber, wie viele meinen, am Cap Malheureux, dem „Kap der Unglücklichen“. Der nördlichste Punkt der Insel war vielmehr der Ort, an dem die Franzosen die Insel an die Engländer verloren.

Cap Malheureux ist trotz seines traurigen Namens einer der schönsten Flecken der Insel. Schwarze Felsen brechen aus dem hellen Sand. Junge Einheimische surfen auf einfachen Holzbrettern die Brandung ab. Grellweiß getüncht und mit feuerrotem Dach wacht eine Kirche über dem Idyll. Ein Brautpaar tritt nach der Trauung heraus und stellt sich zum Foto auf. Später werden sie im Hotel „Paul et Virginie“ feiern.

Claudia Diemar

Informationen

Unterkunft: Das Angebot reicht von einfachen Gästehäusern über Bungalows (www.mauritius-ferien.de) bis zu Luxus-Ressorts. Sehr schön ist das „La Pirogue“ mit Reetdachbungalows im Westen. Absoluten Luxus bietet das „Le Touessrok“ an der Ostküste. Die Häuser sind bei Veranstaltern wie Thomas Cook oder TUI zu buchen.

Reiselektüre: Charles Baissac: „Märchen aus Mauritius“, Edition Tintenfass, 15,95 Euro. Bernardin de St. Pierre: „Paul und Virginie“ ist auf Deutsch nur antiquarisch zu haben. In französischer Sprache als Taschenbuch bei Flammarion (über Amazon), 7,99 Euro.

Auskünfte: Mauritius Tourism, Sonnenstraße 9, 80331 München, Telefon: 089 236621-0, www.my-mauritius.de.

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