SUPPLEMENT: Reisemagazin

Kambodscha: Gang durch die Vergangenheit

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): [20]

Mölck-Del Giudice, Sigrid

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Im 19. Jahrhundert wurde in Angkor der größte Tempelkomplex der Erde entdeckt. Doch die entlegenen Anlagen können nicht alle überwacht werden. So blüht der illegale Kunsthandel.

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images

Kosal mag keine Eile, doch jetzt kommt er nicht drum her- um. In drei Stunden schließen pünktlich die Museen und Tempel, sagt er leicht nervös, und es gibt viel Verkehr. Aufschieben ist nicht möglich, denn morgen in aller Frühe geht es bereits in Richtung Siem Reap.

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Phnom Penh, früher einmal eine der schönsten, von den Franzosen Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Städte Indochinas, dient heute für Reiseveranstalter und Touristen vornehmlich als Zwischenstation auf ihrer Reise zu den Tempelanlagen von Angkor. Meistens ist ein halber, bestenfalls ein ganzer Tag eingeplant, um wenigstens einen Blick auf die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten, wie das Nationalmuseum, den Königspalast und vor allem die Silberpagode mit ihrer fast lebensgroßen, 90 Kilogramm schweren Buddhastatue aus purem Gold und den Smaragd-Buddha, die heiligste Buddhastatue des Landes, zu werfen. Die Tourismusbehörden würden die Besucher in der 1,6-Millionen-Einwohner-Kapitale gern länger sehen. Denn der Fremdenverkehr bringt Arbeit und Devisen, die Kambodscha dringend braucht. Der brodelnde Verkehr bis spät in die Nacht hinein und die Firmensymbole multinationaler Konzerne und internationaler Hotelketten und Banken entlang der mehrspurigen Hauptverkehrsadern täuschen darüber hinweg, dass in weiten Teilen des jahrzehntelang von Bürgerkriegen gebeutelten Landes noch bittere Armut herrscht.

Kosal, 24 Jahre alt, ist vielbeschäftigt und selten zu Hause. Ein Archäologiestudium, erzählt er, ist für ihn zu teuer, und so arbeitet er als staatlicher Reiseführer für 130 Euro im Monat – davon die meiste Zeit in Angkor. Waren es 2006 noch 600 000, so kamen im vergangenen Jahr bereits zwei Millionen Besucher, um dort den bedeutendsten Tempelkomplex der Welt zu bestaunen. Es sind vor allem Südkoreaner, Vietnamesen, Japaner und Europäer. In der sechs Kilometer entfernten kleinen Provinzhauptstadt Siem Reap sind inzwischen mehr als 100 Hotels entstanden, Restaurant reiht sich an Restaurant.

Die wuchtigen Mauern von Angkor Thom – „erdrosselt“ von den gigantischen Wurzeln der Kapokbäume. Fotos: Sigrid Mölck-Del Giudice
Die wuchtigen Mauern von Angkor Thom – „erdrosselt“ von den gigantischen Wurzeln der Kapokbäume. Fotos: Sigrid Mölck-Del Giudice

Beim Gang durch die Vergangenheit lässt sich nur erahnen, wie mächtig und glanzvoll das Khmer-Reich einst gewesen sein muss. Zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert ließen die ruhmreichen Angkor-Könige an die 1 000 Tempel und ebenso viel Mauerwerk erbauen, verziert mit aufwendigen Reliefs und kunstvollen Figuren, verteilt auf mehr als 200 Quadratkilometer. Ausgeklügelte Bewässerungssysteme ermöglichten mehrere Reisernten im Jahr und garantierten somit die Lebensmittelversorgung der Bewohner mit relativ geringem Arbeitsaufwand. So konnten sich Heere von Bauarbeitern der Errichtung zahlloser Tempel widmen, die eine exakte Nachbildung des Universums darstellen sollten.

Angkor Wat mit seinen weithin sichtbaren fünf verschnörkelten Türmen, ist zweifelsohne das meistfotografierte Motiv in Angkor. Nonstop klicken rundum die Kameras. König Suryavarman II. (1112–1150), wie seine Vorgänger überzeugter Hindu, widmete diese prächtigste aller Tempelanlagen Vishnu, dem Gott der Bewahrung. Seit der letzte große Khmer-Herrscher, Jayavarnan II., um 1200 den Mahayana-Buddhismus zur Staatsreligion erklärte, steht an der Stelle eine Buddhastatue. Sie gehört zu den wenigen noch vorhandenen Skulpturen. Höchstwahrscheinlich auch deshalb, weil buddhistische Mönche den Komplex bewohnten. In den letzten Jahrzehnten haben gut organisierte Banden von Kunsträubern im Auftrag einer internationalen Antiquitätenmafia mit barbarischer Gewinnsucht einen Großteil der Kunstschätze von Angkor ins Ausland verschleppt – und entdeckten damit eine einträgliche Devisenquelle. Manche Stücke, heißt es, erzielten astronomische Preise. Manchmal finden auch Bauern beim Graben auf ihren Feldern eine Bronzefigur. Und anstatt sie ins Museum zu bringen, verkaufen sie sie für eine Handvoll Dollar an illegale Händler.

„Affenmenschen“ bewachenden Tempel von Banteay Srei.
„Affenmenschen“ bewachenden Tempel von Banteay Srei.

Die Kunstmärkte in Europa und Japan, aber auch in den neureichen Ländern Asiens verfügen über eine enorme Kaufkraft. Für viele sind die Sandsteinfiguren und Bronzen nicht nur exklusive Dekorationsgegenstände, sondern auch sichere Investitionen, die durch das sinkende Angebot an Wert gewinnen. Erleichtert werden die Diebstähle auch durch die mangelhafte Bewachung der entlegenen Tempelbezirke. Während sich in den frühen 70er Jahren noch mehr als 1 000 kambodschanische Beamte um das Gebiet von Angkor gekümmert haben sollen, sollen es heute nur noch 70 sein. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen die von korrupten Staatsdienern gedeckten Banden tonnenschwere Stücke abtransportierten. Doch die zahlreichen entlegenen Tempelruinen sind noch immer gezielt vorgehenden Plünderern ausgeliefert. Darüber hinaus tun einige Touristen ein Übriges: schlagen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, einer Statue die Hand ab oder nehmen besonders schöne Mauersteine mit. So gehen unersetzliche Teile von Kunstwerken für immer verloren.

Um die Atmosphäre der Tempelanlagen ohne Menschentrauben zu erleben und die Stille zu genießen, lohnt es sich, früh aufzustehen. Um sechs Uhr morgens, wenn die aufgehende Sonne in Angkor Thom langsam ein Riesenantlitz nach dem anderen mit einem rötlichen Lichtstrahl überzieht, ist man noch so gut wie allein auf dem Areal. Hier und da ein Mönch, lautlos, in leuchtend-orangefarbenem Gewand. Das enigmatische Lächeln der Apsaras, der himmlischen Tänzerinnen: die in Sandstein verewigten Figuren des Tempeltanzes. Von Löwen und Nagas bewachte Tore und wuchtige Mauern, pietätlos „erdrosselt“ von den gigantischen Wurzeln der Kapokbäume. Das alles wirkt wie eine Traumwelt.

Kosal begibt sich an freien Tagen manchmal auf Dschungelexkursion. Viele Tempel und Pagoden, oft vom unerbittlichen Grün des Waldes überwuchert, sind selbst den Behörden nicht bekannt. Jeder Ausflug über ruppige Waldwege, bis ins Dickicht hinein, ist ein kleines Abenteuer. Inzwischen sind weite Gebiete komplett von den tückischen Landminen geräumt. Trotzdem sollten sich fremde Besucher, unterstreicht er mit Nachdruck, in jedem Fall einem ortskundigen Führer anvertrauen. Sigrid Mölck-Del Giudice

Informationen: www.tourismcambodia.com.

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