ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2010In den Picos de Europa: Zu Fuß durch wildes Gebirge

SUPPLEMENT: Reisemagazin

In den Picos de Europa: Zu Fuß durch wildes Gebirge

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): [14]

Motz, Roland

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Foto: Roland Motz
Foto: Roland Motz

Raues Klima, harte Arbeit, Einsamkeit – dazu die Wölfe: In Spaniens ältestem Nationalpark leben nur wenige Menschen.

Der Morgennebel hat sich aus den Flusstälern verzogen, die Luft wird klarer, je höher wir fahren und die Santa Cueva in Covadonga hinter uns lassen. Die Heilige Grotte, unter der ein Wasserfall in die Tiefe stürzt, ist Spaniens Nationalheiligtum und ab dem späten Vormittag dementsprechend überlaufen. Hier begann im Jahr 718 mit der Reconquista die Geburt der spanischen Nation. „Ihr habt Glück gehabt. Normalerweise könnt ihr von hier oben das Meer nur riechen“, ruft uns Bergführer Fernando Ruiz zu, nachdem wir die Wanderstiefel geschnürt, die Rucksäcke gepackt und schon mitten in die grandiose Hochgebirgslandschaft in mehr als 1 000 Meter Höhe eingetaucht sind. Wir riechen das Meer, wir sehen das Meer, wir wissen, dass nur wenige Kilometer entfernt zwischen Llanes und Ribadesella Spaniens schönste Strände warten, aber dieses Mal sind wir zum Wandern hier. Und so steigen wir vom Lago Enol zum Lago La Ercina hinauf.

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Der Bergführer bringt uns ins Tal der Schäfer, wo wir von Miquel in die Geheimnisse des asturischen Käses eingeweiht werden. Die salzighohe Luftfeuchtigkeit in den natürlichen, um die zehn Grad Celsius kühlen Berghöhlen ermöglicht erst die Entfaltung der blaugrünen Schimmelpilze, die dem Bergkäse den intensiven unverwechselbaren Geschmack verleihen. Sowohl der Camoneto als auch der bekanntere Cabrales werden aus verschiedenen Milchsorten hergestellt, zur Hälfte aus Kuhmilch, der Rest aus Ziegen- und Schafmilch. Wir dürfen probieren. Dann führt uns Miquel zur Höhle, in der der Käse zwischen drei und sechs Monaten lang vor sich hinschimmelt. Wer an den wenigen, extrem gelegenen Weideflächen entlangwandert, auf denen Kühe grasen können, versteht, warum der Edelpilzkäse der teuerste Spaniens ist. Trotz des stolzen Erzeugerpreises von 36 Euro pro Kilo verkauft Miquel seine gesamte Käseproduktion auf der großen Herbstmesse in Gangas de Onis innerhalb einer halben Stunde. Dennoch malt er ein düsteres Bild von der Zukunft: „15 Käsehersteller gibt es zurzeit noch im Tal, drei in den Bergen. Bald wird es unten zehn und oben niemanden mehr geben.“ Zu rau das Klima, zu hart die Arbeit, zu einsam das Leben, dazu die Wölfe. Letzte Woche erst hat ein Rudel Wölfe drei Schafe aus der Herde von Ramon gerissen. Nachts hilft nur noch der Elektrozaun.

Noch immer die schneebedeckten Berge und das kantabrische Meer im Blick statten wir auf dem Rückweg Amalia einen Besuch ab. Die 80-jährige Schäferin lebt seit Jahrzehnten ohne Strom und fließendes Wasser oberhalb der Seen. Neben den Wölfen stört sie das Bärenschutzprogramm: „Es kommt noch so weit, dass wir nicht aus dem Haus gehen dürfen, weil es die Bären erschrecken könnte.“

Die Picos de Europa sind der höchste Teil des kantabrischen Gebirges. Sie verdanken ihren Namen den nordspanischen Amerikafahrern, die bei der Rückkehr in die Alte Welt als erstes jene markanten Gipfel zu Gesicht bekamen. Drei Flüsse haben tiefe Schluchten durch das wilde Gebirge gegraben, an zweien entlang hat man Gebirgsstraßen gebaut, durch die mittlere wandern wir. Die zwölf Kilometer lange Cares-Schlucht ist noch immer im gleichen atemberaubenden Naturzustand wie zu jener Zeit, als sie den Namen „Garganta Divina – Göttliche Schlucht“ erhielt. Kurz nach dem Einstieg in Puente Poncebos sehen wir zum ersten und einzigen Mal den Naranjo de Bulnes mit seiner senkrecht abfallenden Gipfelwand. Die Erstbesteigung des Königs der spanischen Berge vor 100 Jahren leitete das alpine Zeitalter auf der Iberischen Halbinsel ein. Wir hingegen steigen eher gemächlich auf gerölligem Gelände bergan, bis wir die Passhöhe erreichen. Von der kleinen Wiese auf dem exponierten Sattel schauen wir fasziniert auf das smaragdgrüne Wasser des Rio Cares tief unten in der Schlucht und lauschen den Erklärungen unseres Führers: „Die Wölfe sind nicht das Hauptproblem in den Picos, sondern die häufigen Gewitter, denen die Tiere (und auch die Wanderer) aufgrund der Meeresnähe ausgeliefert sind.“ Im Gegensatz zu den Kühen, die einfach weiter dumm herumstünden, drängten sich die Schafe bei Donner ängstlich zusammen, so dass ein einzelner Blitz die gesamte Herde vernichten könne. Der Hass auf Bären und Wölfe sei ein vererbter aus der Zeit, als vor allem letztere die ökonomische Existenz der Viehzüchter in den Picos bedrohten; ein Hass, der von Generation zu Generation weitergegeben werde.

Wie von Geisterhand erscheint hinter dem Sattel plötzlich ein breiter Pfad, der auf gleicher Höhe einem in den Fels gehauenen Kanal folgt. „Selten hat ein Stromversorgungsunternehmen etwas so Schönes und Nützliches geschaffen“, preist Fernando den fast zwei Meter breiten Weg, dem wir jetzt ohne Mühen folgen. Um den Kanal für das Elektrizitätswerk bauen zu können, musste nämlich zunächst einmal von galizischen Steinmetzen ein Weg in den senkrecht abfallenden Kalkstein gehauen werden. Die Schlucht wird enger, die Ausblicke spektakulärer. Tief unten am Fluss sind die Reste des alten zusammengebrochenen Weges zu erkennen, der früher die gefährliche einzige Verbindung zwischen Asturien und dem spanischen Zentralmassiv darstellte. Eine Brücke führt auf die andere Seite. Der Weg ist jetzt deutlich schmaler und steigt. Die Schlucht rückt noch enger zusammen, ist aber nicht mehr so tief. Immer häufiger bewegen wir uns durch Tunnel, von deren Decken Wasser tropft. Dann überqueren wir ein letztes Mal den gurgelnden Rio Cares. Vereinzelte Häuser tauchen auf, dazwischen eine kleine Bar. Wir sind im wildromantischen Weiler Cain angekommen. Der Rest ist schnell erzählt. Nachts steht ein fast voller Mond über den schroffen Berggipfeln. Natürlich heulen die Wölfe. Natürlich bleiben wir brav in den Betten des kleinen Berghotels – aus Rücksicht vor den Bären, die wir keinesfalls erschrecken wollen. Roland Motz

Information

In dem zwischen den beiden Seen gelegenen Besucherzentrum Pedro Pidal kann man sich ausführlich über Wanderrouten, Flora und Fauna, aber auch über die Lebensweise der wenigen Menschen im ältesten spanischen Nationalpark informieren. Die Cares-Schlucht, die spektakulärste Spaniens, liegt im Zentrum des 1995 stark erweiterten Parque Nacional Picos de Europa.

Auskünfte: Spanisches Verkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Internet: www.spain.info/de.

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