ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2010Ländliches Russland: Die Seele kommt vormittags

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Ländliches Russland: Die Seele kommt vormittags

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): [24]

Sturmhoebel, Elke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Auf ausgewählten Strecken über die Dörfer: mit dem Fahrrad unterwegs von St. Petersburg nach Moskau

Fotos: Elke Sturmhoebel
Fotos: Elke Sturmhoebel

Wladimir Nikolaewitsch Klimantov fährt den Bus. Hinter seinem Sitz hängt ein Lenin-Banner, das ihm in einem früheren Leben verliehen wurde, als er noch Arbeiter in einer Schokoladenfabrik in Moskau war. Auf dem Armaturenbrett kleben drei Bilder von Heiligen, deren Beistand bei den russischen Straßenverhältnissen womöglich nötig sein wird. Hinten im Bus stehen die Fahrräder, die auf dem Weg in das 700 Kilometer entfernte Moskau zum Einsatz kommen.

Anzeige

Gestern noch waren wir über den geschäftigen Newskij-Prospekt gebummelt, hatten die Paläste und goldenen Kuppeln bewundert und die „Weißen Nächte“ genossen, die in St. Petersburg nach Flieder duften. Am Abreisetag regnet es, das Wasser aus den breiten Fallrohren ergießt sich kübelweise auf die Trottoirs und bildet große Pfützen.

Als Wladimir 40 Kilometer vor Nowgorod hält und die Räder ausgeladen werden, regnet es immer noch. Keinen Hund würde man bei diesem Wetter vor die Tür schicken. Doch Tatiana Kirsanowa hat einen Plan: „Nach zehn Kilometern machen wir Trinkpause. Nach 25 Kilometern Picknick“, verkündet die Reiseleiterin aus Petrozavodsk und stülpt entschlossen den Fahrradhelm auf den Lockenschopf. Keiner der 17 Teilnehmer traut sich zu meutern, alle fügen sich in ihr Schicksal. Wladimir ist ohnehin schon weitergefahren.

Durst sollte nicht das Problem sein auf dem Weg nach Nowgorod. Mit Anhalten wollte sich bei dem Wetter niemand aufhalten. Beständig rann der Regen in den Nacken, und schon bald gluckste das Wasser in den Schuhen. Unterhalb der wenig befahrenen Asphaltstraße begleitete uns der breite Wolchow, der dem Ilmensee entspringt und nach 222 Kilometern in den Ladogasee mündet. Linkerhand stakten unzählige Störche über ein braches Feld. Wenn das kein gutes Omen war. . .

Russa ist das schönste Dorf an der Strecke. Liebevoll gepflegte alte Holzhäuser stehen an der Straße Spalier. Im kräftigen Rostrot, Gelb, Orange, Blau oder Grün sind die sogenannten Isbas gestrichen, die Türen und Fenster mit den Schnitzereien und Verzierungen weiß abgesetzt. Hinter den Staketenzäunen lugen Lupinen und Petunien. Wohin wir wollen, will eine alte Frau wissen, die uns entgegenkommt. „Molodzi!“ ruft sie inbrünstig, als sie „Moskau“ hört. „Donnerwetter!“ Ihr im Vorbeifahren zu erklären, dass wir nur ausgewählte Strecken radeln, einen Großteil mit dem Bus fahren und das letzte Stück sogar mit dem Zug – dazu war keine Zeit.

„Molodzi – Donnerwetter!“ – 700 Kilometer trennen St. Petersburg von Moskau. Allerdings wird nur ein Teil des Weges mit dem Fahrrad zurückgelegt.
„Molodzi – Donnerwetter!“ – 700 Kilometer trennen St. Petersburg von Moskau. Allerdings wird nur ein Teil des Weges mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Nowgorod nördlich des Ilmensees ist die Keimzelle, aus der das Riesenreich erwuchs. Die älteste Stadt Russlands wurde im Jahr 862 von dem Warägerfürsten Rurik gegründet. Im Mittelalter unterhielt die Hanse dort ein eigenes Kontor. Durch den Handel mit Waldprodukten wie Fellen, Bienenwachs, Honig und Holz kamen die Nowgoroder Kaufleute zu Wohlstand. Einen Teil ihres Geldes investierten sie in Kirchen und Klöster und in die Bildung. 1951 entdeckten Archäologen Birkenrindenbriefe aus dem 11. bis 15. Jahrhundert, die bezeugen, dass auch Kleinbürger und Kinder lesen und schreiben konnten. Im Jahr 1478 verleibte Iwan III. die Stadt dem Großfürstentum Moskau ein. Als 1703 St. Petersburg gegründet wurde und der Zugang zur Ostsee die Handelswege verkürzte, verlor Nowgorod endgültig an Bedeutung.

Heute hat die Stadt 220 000 Einwohner. Kreml- und Marktseite lehnen sich zu beiden Ufern des Wolchow-Flusses. Auffallend sind die vielen Türme, die sich in den Himmel recken. 300 Kirchen habe Nowgorod im Mittelalter gezählt, berichtet Nina, die Stadtführerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien es nur noch 50 gewesen. Am Wolchow verlief die Front, und bei den heftigen Kämpfen wurde die Stadt zu 96 Prozent zerstört. Mit dem Wiederaufbau wurde gleich nach Ende des Großen Vaterländischen Krieges begonnen.

„Auf dem Land müssen die Bewohner von dem leben, was sie anbauen“ – Moskau, mit seinen zehnspurigen Fahrbahnen, den Stretchlimousinen und Luxusläden erscheint Lichtjahre entfernt.
„Auf dem Land müssen die Bewohner von dem leben, was sie anbauen“ – Moskau, mit seinen zehnspurigen Fahrbahnen, den Stretchlimousinen und Luxusläden erscheint Lichtjahre entfernt.

Seit 1992 zählt die Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der Kreml, das befestigte Zentrum altrussischer Städte, wurde im 15. Jahrhundert errichtet. Zwei Tore und neun Türme gliedern die anderthalb Kilometer lange Kremlmauer. Im Pokrowskij-Turm wird im Restaurant „Detinez“ nach altrussischen Rezepten gekocht. Lecker sind die Fisch- und Fleischgerichte, die in Brot- oder Sauerrahmsoße im Tontopf gegart werden. Die Sophien-Kathedrale innerhalb des Kremls war die erste steinerne Kirche Russlands und ist ein Juwel der Baukunst des 11. Jahrhunderts. Fünf Kuppeln krönen das Gotteshaus. Die kostbare Bronzetür im Westeingang wurde in Magdeburg gegossen. In der schummrigen Kirche riecht es nach Weihrauch. Vor der Ikonostase zünden Gläubige eine Kerze an. In der orthodoxen Kirche sei immer die linke Seite der Bilderwand für die Verstorbenen reserviert, erklärt Tatiana. Das Kerzenfeld auf der rechten Seite für die Lebenden.

Offiziell gibt es nur 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit in Russland. Nur in großen Dörfern bewirtschaften Kolchosen noch gemeinschaftlich die riesigen Felder. Ansonsten gibt es wenig Arbeitsmöglichkeiten auf dem Land. Junge Familien zieht es in die Stadt, wo Arbeiter nach wie vor mehr verdienen als Akademiker. Entlang des Ilmensees radeln wir nach Vitoslavitsy. Die Siedlung am sumpfigen Ufer musste aufgegeben werden, als die Bewohner kein Auskommen mehr fanden und nach Nowgorod zogen. 1964 wurde Vitoslavitsy ein Freilichtmuseum mit wunderschönen Kirchen, Kapellen, Bauernhäusern und Scheunen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert.

In den Dörfern auf der Strecke nach Staraja Russa sind fast nur alte Menschen zu sehen. Die Babuschka mit Kopftuch und Kittelschürze, die hinter dem Haus die Kuh melkt, im Kartoffelfeld ackert, im Gemüsebeet Unkraut zupft. Väterchen werkelt derweil im Schuppen, macht Holz für den Winter. Auf dem Land müssen die Bewohner von dem leben, was sie anbauen, sagt Tatiana. Mit einer Rente von 4 000 bis 5 000 Rubel im Monat, etwa 95 bis 115 Euro, ist kein Staat zu machen. Mit etwas Glück versorgt ein fliegender Händler die Dorfbewohner mit Brot, eingelegten Heringen und Kwas. Die säuerliche Brause aus vergorenem Roggenbrot, Zucker und Hefe ist beliebt. Am Wochenende kommen die Kinder und kümmern sich um die alten Eltern. Altersheime seien verpönt, fügt die Russin hinzu. Die Fürsorge reicht bis ins Grab. Auf dem Friedhof hält ein Mütterchen Zwiesprache mit dem Verstorbenen. Auf dem Tisch vor ihr stehen eine Flasche Wodka und ein Glas mit der Öffnung nach unten. Den Toten bringe man mit, was sie im Leben gern hatten, erklärt Tatiana. Allerdings würde die Seele neun Tage nach der Beerdigung nur noch zwischen sechs und zwölf Uhr auf die Hinterbliebenen warten. Daher werden die Gräber zumeist am Vormittag besucht.

Auf dem Land erscheint Moskau mit seinen zehnspurigen Fahrbahnen und vierzigstöckigen Bürotürmen, den Stretchlimousinen und Luxusläden, dem Protz und Prunk Lichtjahre entfernt. Die Moskowiter wiederum halten die Provinz für rückständig. Doch eine Isba wird gern gekauft, um sie zur schicken Datscha umzubauen. Seitdem Zar Peter der Große seine Höflinge mit einer Datscha – übersetzt „das Gegebene“ – belohnte, verlangt die russische Seele nach einem Häuschen im Grünen. Auch Fjodor Dostojewski erwarb in Staraja Russa ein hübsches Holzhaus am Fluss, wo er mit Familie die Sommer 1872 bis 1875 verbrachte. Der Kurort, Schauplatz seines Romans „Die Brüder Karamasow“, wirkt ein wenig vernachlässigt.

Die glänzenden Kuppeln des altehrwürdigen Iwerskij-Klosters auf einer Halbinsel im Waldaisee strahlen schon von weitem. Über mangelnde finanzielle Unterstützung aus Moskau brauchen die 15 Mönche nicht zu klagen. „Gott sei Dank haben wir einen berühmten Nachbarn, der Hilfe leistet“, schmunzelt Klosterbruder Sergi. Wladimir Putin besitze eine Datscha gegenüber und habe das Kloster schon oft besucht. Es ist Sonntag, und viele Gläubige sind gekommen, um die Ikone der wundertätigen Gottesmutter zu küssen.

Die bis zu 350 Meter hohen Waldaihöhen zwischen St. Petersburg und Moskau bilden das Herz Russlands. Einst sollen die Wälder, Sümpfe und zahlreichen Seen die Tataren daran gehindert haben, bis Nowgorod vorzudringen. Wir sind für zwei Nächte in einem Hotel mit Seeblick einquartiert. Es ist ein lauer Abend, und der rosarote Himmel der untergehenden Sonne spiegelt sich auf dem Wasser. Bei einem Lagerfeuer am Strand lassen wir die Zeit Revue passieren. Die erste Etappe durch den strömenden Regen bleibt als Abenteuer in der Weite Russlands in bester Erinnerung. Elke Sturmhoebel

Informationen

Veranstalter: Die zwölftägige Reise mit fünf Radtouren hat Wikinger Reisen im Programm; www.wikinger.de.

Reiseführer: Der Baedeker „Russland“ (2009, 600 Seiten,
25,95 Euro) informiert umfassend über den Europäischen Teil.

Auskünfte im Internet unter: www.auswaertiges-amt.de.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema