ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2010Chinesisches Neujahrsfest: Die Rückkehr des Tigers

Supplement: Reisemagazin

Chinesisches Neujahrsfest: Die Rückkehr des Tigers

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): [4]

Bartholomäus, Elke

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Mit dem ersten Vollmond beginnen in Hongkong die Feierlichkeiten für das neue Jahr – ein Großereignis, das Glauben, Tradition und Konsum verbindet.

Hongkong International Airport, sieben Uhr früh. Der „duftende Hafen” ist in Dunst gehüllt, aber es ist angenehm warm an diesem Februarmorgen. Verschlafen liegt eine Schar brauner Kräne wie ein überdimensionierter Heuschreckenschwarm vor der Küste, während wir uns über ausladende Hängebrücken auf die City zubewegen. Vorbei geht es an gleichförmigen Plattenbauten, an denen das subtropische Klima und die Zeit ihre Spuren hinterlassen haben. Hunderte gleicher grün verglaster Erker lugen aus ihnen heraus.

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In Hongkong mit seinen 235 Inseln und dem grünen Hinterland – den sogenannten New Territories – leben mehr als sieben Millionen Menschen auf zum Teil engstem Raum zusammen. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten mit einer hügelreichen Landschaft, die bis nah ans Meer heranreicht, ist Bauland rar und wird seit Jahren in aufwendigen Aufschüttungen hinzugewonnen. Auch das Gelände des neuen Flughafens wurde vollständig künstlich aufgeschüttet.

Was Wohnraum anbetrifft, zählt Hongkong zu den teuersten Städten der Welt. Im Durchschnitt leben hier drei Generationen auf nur 28 Quadratmetern zusammen – etwa zwei Quadratmeter pro Person. Günstiger lässt es sich in den New Territories wohnen.

Der Tourist mit den nötigen Mitteln ist dagegen weit bessergestellt. In Tsim Sha Tsui in Kowloon lebt es sich zentral und angenehm. Hier sind die Großen der Hotelbranche versammelt, wie etwa das Sheraton Hong Kong Hotel mit Blick auf die sagenhafte Skyline von Hong Kong Island oder das in unmittelbarerer Nachbarschaft gelegene ebenso berühmte wie preisgalaktische Peninsula Hotel. Wer es sich leisten kann, lässt sich mit dem Hubschrauber auf dem Dach absetzen und übernachtet in der Peninsula Suite zum Preis eines Neuwagens. Ein Drink in der Felix Rooftop Bar ist dagegen bedeutend erschwinglicher und Teil des obligaten Touristenprogramms.

Neujahrsparade: Drei Tage dauern die Festlichkeiten in der ehemaligen britischen Kronkolonie.
Neujahrsparade: Drei Tage dauern die Festlichkeiten in der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Hongkong ist in jeder Hinsicht eine Metropole der Superlative, in deren Schatten die Menschen fragil erscheinen. Als Handelsstützpunkt wurde das Gebiet dereinst der britischen Krone zugebilligt, und noch heute sind es an erster Stelle Geld und Handel, die hier den Takt angeben. Auch die Rückgabe Hongkongs an China 1997 – das Hongkong seither für eine Übergangszeit als chinesische Sonderverwaltungszone nach dem Prinzip „Ein Land, zwei Systeme” behandelt – hat daran nichts verändert. Zeichen des ungebrochenen Optimismus ist nicht zuletzt die kürzliche Verlegung des Hauptsitzes der englischen HSBC-Bank von London nach Hongkong.

Neben Wettbewerb und Gewinnmaximierung ist das Leben der Menschen in Hongkong gleichwohl von tiefem Glauben an die Macht der Götter, die Kräfte der Natur und vom Ahnenkult geprägt. Eine Mischung taoistischer, buddhistischer und konfuzianischer Einflüsse durchdringt den Alltag, und die Lehre von Feng-Shui („Wind und Wasser“), die sich mit der Harmonisierung der Ströme der Lebensenergie befasst, bestimmt das private Leben ebenso wie die Stadtplanung. Damit dem Energiefluss nichts im Wege steht, wird notfalls auch einmal ein mehrstöckiges Loch in einem Hochhaus ausgespart.

Um Glauben und Mythen ranken sich zahlreiche, über das ganze Jahr verteilte Feste. Das wichtigste ist das Chinesische Neujahrsfest. Die Feierlichkeiten dauern drei Tage und beginnen beim ersten Vollmond des Jahres (zwischen Ende Januar und Anfang Februar). Nach chinesischer Tradition ist jedem Jahr ein Tier aus dem zwölfteiligen Tierkreis zugeordnet. Diesmal ging das Jahr des Ochsen zu Ende, und Hongkong begrüßte das Jahr des Tigers.

Tiefer Glaube und Gewinnstreben schließen sich nicht aus. Rund um das neue Jahr gehört der Gang in den Tempel zum Ritual. Fotos: Hong Kong Tourism Board
Tiefer Glaube und Gewinnstreben schließen sich nicht aus. Rund um das neue Jahr gehört der Gang in den Tempel zum Ritual. Fotos: Hong Kong Tourism Board

Schon Wochen zuvor beginnen die Vorbereitungen. Die Geschäfte quellen über von Saisonartikeln und Köstlichkeiten. Besonders Lebensmittel und Dekorationen mit Symbolgehalt sind gefragt. Von ihnen verspricht man sich, die Götter milde zu stimmen und Glück und Wohlstand auf sich zu ziehen. Die allseits angebotenen Kalligrafien auf rotem Papier werden auf die Türen geheftet, um das Ungeheuer Nien zu vertreiben, von dem man sagt, es gehe am Vorabend des neuen Jahres um und fresse Menschen.

Was dem christlichen Weihnachtsfest der Tannenbaum, ist dem Chinesischen Neujahrsfest der Pfirsichbaum mit seinen pinken Blüten. Er gilt den Chinesen als heilig, vertreibt böse Geister und symbolisiert Shou Lao, den Gott des langen Lebens.

Ein Besuch in einem der vielen Tempel ist ebenso Bestandteil der Aktivitäten rund um das Neujahrsfest wie das traditionelle Familientreffen bei Neujahrskuchen und Süßigkeiten. In den ersten Tagen des neuen Jahres ist es Brauch, dass verheiratete Paare Kindern oder älteren Menschen Geldgeschenke in kleinen roten Umschlägen übergeben. Dabei werden Wünsche für das neue Jahr ausgetauscht.

Zu den spektakulären Großereignissen, die Jahr für Jahr Tausende lokaler und internationaler Besucher anziehen, gehören die große nächtliche Parade mit internationalen Gruppen und Wagen am ersten Neujahrstag sowie ein gewaltiges Feuerwerk mit Multimediashow im Victoria Harbour am zweiten Tag. Am dritten Tag strömen die wettbegeisterten Hongkongnesen zum allseits beliebten Pferderennen. Die Atmosphäre ist einmalig, wenn beim Ziellauf der Pferde ein Raunen, Wogen und Aufschreien durch die fiebernde Menge geht.

Hongkong hat auch kulinarisch viel zu bieten – und was wäre ein großes Fest ohne gutes Essen? Von den Garküchen am Wegesrand bis hin zur Sterne-Küche verfügt Hongkong über ein unüberschaubares Spektrum an Restaurants. Die Hongkongnesen gehen oft und gerne auswärts essen, ganz besonders an den Feiertagen, und so brummen die Restaurants von morgens bis abends vor Gästen. Schon zum Frühstück empfehlen sich die „kleinen Herzerwärmer“ Dim Sum – aufwendig hergestellte süße oder herzhafte, warme oder kalte Häppchen, die mal in gedünsteter, mal in gebratener Form in kleinen Bastkörben angeboten werden. Traditionell werden sie mit dem Servierwagen stets frisch am Tisch vorbeigefahren. Wer Nachschlag möchte, winkt sich ein Körbchen heran.

Höhepunkte eines Großereignisses: eine nächtliche Straßenparade und das allseits beliebte Pferderennen
Höhepunkte eines Großereignisses: eine nächtliche Straßenparade und das allseits beliebte Pferderennen

Lin Heung Kui ist das älteste Restaurant in Hongkong. Nur wenige Touristen verirren sich hierher. Neben köstlichen Dim Sum ist das Restaurant bekannt für seine vielen Spezialitäten wie etwa das Vogelnest oder die von gegrilltem Schweinefleisch umhüllte Hühnerleber (Kum Chin Gai) sowie für seine nach authentischen Rezepten gefertigten Kuchen.

Für den europäischen Gaumen steckt die chinesische Küche voller Überraschungen. Süßspeisen oder Kuchen werden nicht selten mit Schweinefleisch zubereitet. Ein beliebter Nachtisch ist die süße Rote-Bohnen-Suppe. Auch Skurrilitäten wie hundertjährige Eier oder die durchaus gewöhnungsbedürftige Seegurke erfreuen sich großer Beliebtheit.

Anders als in unseren Breitengraden ist es unter Hongkong-Chinesen nicht üblich, individuell zu bestellen. Es wird vielmehr eine Vielfalt verschiedener Gerichte für alle zusammen bestellt und von allem gekostet, was auf den meist großen runden Tisch kommt. Von allem zu probieren ist Pflicht, und es gilt als ausgesprochen unhöflich, eine angebotene Speise zurückzuweisen.

Wer Land und Leute näher kennenlernen möchte, kann die Stadt über das „Hong Kong Pals-Programm“ des Hongkong Tourism Board erfahren: Zurzeit geben 30 Einheimische Touristen aus aller Welt einen Einblick in das Leben und die Kultur der Menschen vor Ort. Auch Chinesisch lernt man dabei schnell: „Kung Hei Fat Choy (Ich wünsche Ihnen Erfolg und Wohlstand)!“ Elke Bartholomäus

Informationen

Das nächste Chinesische Neujahrsfest beginnt am 3. Februar 2011 und läutet das Jahr des Hasen ein, das am 22. Januar 2012 endet.

Anreise: Cathay Pacific fliegt täglich nonstop von Frankfurt/Main.

Übernachten: Sheraton Hong Kong Hotel & Towers, 20 Nathan Road, Kowloon, www.starwoodhotels.com.

Essen: Lin Heung Kui (ältestes Restaurant Hongkongs), 2/F – 3/F., 40 – 50, Des Voeux Road West, Sheung Wan, Hong Kong, Telefon: 2156 9328

Hutong (Michelin-prämiert, mit spektakulärer Aussicht), 28/F, No. 1 Peking Road, Tsim Sha Tsui, Telefon: 3428 8342, www.aqua.com.hk.

Auskünfte: Hong Kong Tourism Board, Humboldtstraße 94, 60318 Frankfurt am Main, Telefon: 069 9591290, www.discoverhongkong.com.

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