ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2010Dialogforum Pluralismus in der Medizin: Politische Absicherung des Erreichten

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Dialogforum Pluralismus in der Medizin: Politische Absicherung des Erreichten

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): A-2286 / B-1976 / C-1940

Gerst, Thomas

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Nach dem Selbstfindungsprozess der vergangenen zehn Jahre soll nun die Gesundheitspolitik vom Wert der integrativen Medizin überzeugt werden.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des „Dialogforums Pluralismus in der Medizin“ sprach sich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, am 4. November in Berlin für eine bessere Verknüpfung von schul- und komplementärmedizinischen Ansätzen aus. Medizin sei keine reine Naturwissenschaft, sondern „eine Erfahrungswissenschaft, die sich vieler anderer Wissenschaften bedient“, führte Hoppe aus. Er kritisierte die „staatliche Veradministrierung von Behandlungsprozessen“, beispielsweise bei Disease-Management-Programmen (DMP) oder Diagnosis Related Groups (DRGs). Dies sei Folge einer mechanistischen Sichtweise auf das Behandlungsgeschehen mit einer Überbewertung der evidenzbasierten Medizin. Nur etwa 30 bis 35 Prozent der ärztlichen Leistungen könnten evidenzbasiert und leitliniengerecht erbracht werden. Beim weitaus größten Teil der ärztlichen Leistungen komme es vor allem auf die Expertise des Arztes, auf seine Persönlichkeit, Erfahrung, aber auch auf die Nutzung komplementärmedizinischer Verfahren an.

Kritische Überprüfung nötig

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„Die Abgrenzung unseriöser und fragwürdiger Therapien ist aber eine Aufgabe, die nur von der Ärzteschaft geleistet werden kann“, betonte Hoppe. Den Vertretern der komplementären Medizin sei bewusst, dass sie sich einer Überprüfung zu unterziehen hätten, auch wenn die Methodik nicht immer derjenigen der naturwissenschaftlich orientierten Universitätsmedizin entsprechen müsse.

Nun habe man eine gemeinsame Basis gefunden, sagte Hoppe und will auch in die gesundheitspolitische Diskussion einsteigen. „Wir müssen die Politik überzeugen, dass die integrative Medizin eine wertvolle Angelegenheit ist“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Noch schwieriger werde es sein, die Krankenkassen dahin zu bringen, entsprechende Leistungen in ihren Leistungskatalog aufzunehmen.

„In der Gesundheitspolitik werden wir jetzt sicher aktiver werden müssen“, pflichtete ihm Prof. Dr. med. Stefan N. Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, bei. Vor zehn Jahren habe man bewusst darauf verzichtet. „Wir wollten zunächst den interprofessionellen Austausch.“ Nun gehe es aber auch um eine gesundheitspolitische Absicherung des Erreichten, von der Anerkennung des Pluralismus bei den Therapieverfahren bis hin konkret zu Erstattungsfragen, Qualitätssicherung, europäischer Harmonisierung et cetera.

„Als wir vor zehn Jahren mit dem Dialogforum anfingen, hat es an den Hochschulen so gut wie keine Komplementärmedizin gegeben, ganz im Gegenteil – es wurde durchaus sanktioniert, es war ein Tabuthema“, erinnerte Willich. Die medizinischen Fakultäten hätten über viele Jahre ignoriert, dass vermutlich circa 50 Prozent aller Patienten komplementärmedizinische Leistungen in Anspruch nehmen würden.

Empathische Zuwendung

Hier sei man inzwischen deutlich weiter. An der Charité gebe es nun beispielsweise die Möglichkeit, im Rahmen des neuen Modellstudiengangs Kenntnisse zur integrativen Medizin zu verankern. Die Medizinstudierenden sollten zumindest mit den Argumenten, die dafür und dagegen sprechen, vertraut gemacht werden. Damit einhergehen müsse eine stärkere Berücksichtigung der empathischen Zuwendung; die Studierenden müssten in der Ausbildung wieder mehr lernen, die Bedürfnisse der Patienten zu erkennen.

„Wir können stolz sein, in den vergangenen zehn Jahren bereits so viel bewirkt zu haben“, bilanzierte Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Er plädierte für eine verstärkte Förderung der Forschung zur integrativen Medizin. Bedauerlicherweise habe sich der Bund nach einigen hoffnungsvollen Ansätzen in den 90er Jahren seit langem wieder aus der Forschungsförderung in der Komplementärmedizin zurückgezogen. Es gebe kein Interesse der pharmazeutischen Industrie, in diesen alternativen Forschungsbereich zu investieren.

Thomas Gerst

Integratives Ziel

Seit zehn Jahren bemüht sich das „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“, die Kooperation zwischen konventioneller Medizin und komplementären medizinischen Richtungen zu fördern. Das Dialogforum ist ein Zusammenschluss von ausgewiesenen Ärzten und Wissenschaftlern, die unter Mitwirkung des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer statt des traditionellen Gegeneinanders ein vernünftiges Miteinander unterschiedlicher medizinischer Denk- und Handlungsansätze verfolgen. Die Grabenkämpfe zwischen der sogenannten Schulmedizin und der sogenannten Komplementärmedizin sollen zugunsten einer integrativen Medizin überwunden werden.

Dass Pluralismus in der Medizin nicht mit Beliebigkeit im Umgang mit Patienten gleichzusetzen ist, haben die Mitglieder des Dialogforums mit dem kürzlich im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Beitrag „Was ist seriöses Therapieren“ (DÄ, Heft 12/2010) deutlich gemacht.

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