ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2010Synästhesie: Etwas Ganzheitliches schaffen

KULTUR

Synästhesie: Etwas Ganzheitliches schaffen

Heidenreich, Uta

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In „Wadenkrampf“ versucht Michael Haverkamp darzustellen, wie der Schmerz bei ihm Farben und Formen auslöste. Foto: Michael Haverkamp
In „Wadenkrampf“ versucht Michael Haverkamp darzustellen, wie der Schmerz bei ihm Farben und Formen auslöste. Foto: Michael Haverkamp

Trompetenklänge verströmen den Duft von Lavendel. Für Synästhetiker sind solche Empfindungen ganz normal.

Das Dröhnen der Vuvuzelas ging vielen Fans schon kurz nach dem Start der Fußballweltmeisterschaft auf die Nerven. Einige traf es jedoch härter als andere. „Für mich schmeckt der Klang einer Vuvuzela nach etwas, das ich am ehesten als total überzuckerte, stark alkoholische Süßigkeit beschreiben würde. Also nicht besonders angenehm“, schildert Daniel Richter seine Wahrnehmung. Als Synästhetiker gehört er einer Minderheit an, die nach Schätzungen vier bis fünf Prozent der Bevölkerung ausmacht.

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Synästhesie, das ist eine Vermischung der Sinne. Wird ein Sinn durch einen Reiz stimuliert, zum Beispiel das Hören durch ein Geräusch, kommt es zusätzlich zu der Wahrnehmung mindestens einer anderen Sinnesqualität, wie etwa eines Geruchs oder einer Farbe. Mit Hilfe von funktioneller Kernspintomographie wird das Phänomen an der Medizinischen Hochschule Hannover von der Arbeitsgruppe um Markus Zedler wissenschaftlich untersucht.

Wie die Kopplung zwischen den Sinnen zustande kommt, dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Zedler vertritt die Theorie, dass eine Verknüpfung über das limbische System aufgebaut wird, also dem Areal im Gehirn, in dem Gefühle generiert werden. Andere Kollegen halten es dagegen für wahrscheinlicher, dass bei Synästhetikern eine Desinhibition vorliegt. Das heißt, ihre Nervenverbindungen verlaufen genau wie bei Nichtsynästhetikern. Wo jedoch Signale normalerweise gehemmt werden, passiert dies bei Synästhetikern nicht. In einem Punkt herrscht allerdings Einigkeit: Synästhesie ist keine Krankheit.

Bei vielen Synästhetikern ist eine rasche und sichere Intuition zu beobachten, speziell bei Gefühlssynästhetikern, die ihre Gefühle in Formen und Farben sehen. Häufig scheinen Synästhetiker auch eine kreative, künstlerische Begabung zu haben. Michael Haverkamp, Synästhetiker und Künstler aus Köln, hält nicht nur die Formen und Farben, die er beim Hören von Musik wahrnimmt, bildnerisch fest, er spielt auch selbst Flöte und Saxofon in einer Improvisationsgruppe.

Synästhetische Verknüpfungen tauchen in diversen Kunstformen immer wieder auf. Die Herausforderung, etwas Ganzheitliches, alle Sinne Vereinendes zu schaffen, scheint Künstler unterschiedlichster Sparten zu faszinieren. In manchen seiner Werke versucht Michael Haverkamp seine Wahrnehmung möglichst genau abzubilden, wie zum Beispiel in „Wadenkrampf“. Auch Schmerz löst bei ihm die Wahrnehmung von Farben und Formen aus. „Wadenkrampf“ zeigt, was sich vor seinem inneren Auge abspielte, als er einmal nach einer längeren Fahrradtour nachts von genau diesem heimgesucht wurde. Die nächtliche Dunkelheit habe das Bild sehr deutlich erscheinen lassen, da er seine synästhetischen Farben und Formen ohnehin vor dunklem Hintergrund wahrnehme, erklärt Haverkamp. Dass er wie viele Synästhetiker zahlreiche unterschiedliche Interessen pflegt, hält er für eine Folge von synästhetischer Begabung.

So lässt sich Haverkamp beim Malen besonders gern von Musik inspirieren. Ein schmales Bild, das leuchtend helle Pinselstriche in klaren Linien vor dunklem, ebenso geometrisch gestaltetem Hintergrund zeigt, trägt den Titel „Vibraphonsolo“. Zwar ändere sich beim Hören eines Konzerts das Bild in seinem Kopf mit fortlaufender Musik ständig, am Ende eines Stücks bleibe aber nicht nur ein klanglicher, sondern auch ein bildlicher Gesamteindruck zurück.

Uta Heidenreich

Buchtipp: Michael Haverkamp: Synästhetisches Design. Kreative Produktentwicklung für alle Sinne, 440 Seiten, vierfarbig, mit CD und 4 Tastseiten auf Spezialpapier, 99 Euro

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