ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2010Evangelischer Medienkongress: Ein Augenblick des Mitfühlens

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Evangelischer Medienkongress: Ein Augenblick des Mitfühlens

Dtsch Arztebl 2010; 107(46): A-2296 / B-1986 / C-1950

Klinkhammer, Gisela

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Trauernde in Duisburg in der Nähe des Loveparade-Geländes. Foto: ddp
Trauernde in Duisburg in der Nähe des Loveparade-Geländes. Foto: ddp

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt es oft. Journalisten und Theologen gingen der Frage nach, ob dies wirklich immer so sein muss.

Informieren und orientieren ist Aufgabe der Journalisten. Doch wie tun sie beides im Krisen- und Katastrophenfall? Wie informiert man seriös über eine Massenpanik wie nach der Loveparade in Duisburg oder nach Anschlag und Absturz, Flut und Dürre? Diesen Fragen ging Ende Oktober der Erste Evangelische Medienkongress unter dem Titel „Bad news are good news? Medial trösten und seriös informieren“ in Köln nach.

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Als Beispiel für eine seriöse Berichterstattung wurden dort die Publikationen in unterschiedlichen Medien über den Tod von Säuglingen an der Mainzer Universitätsklinik im August vorgestellt. Und das sei vorwiegend der Verdienst der Ärzte gewesen, meinte der Waiblinger Kriminaldirektor Ralf Michelfelder. Sie hätten von Anfang an der Bevölkerung klargemacht, dass sie selbst daran inter- essiert seien, die Wahrheit zu finden, und seien auch bereit gewesen, Emotionen zu zeigen. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann teilte diese Einschätzung: „Noch bevor die Ursache für den Tod der Babys klar war, hat sich der Chefarzt vor die Presse gestellt und mitgeteilt, dass er allein aufgrund der Tatsache, dass dies in seiner Abteilung passiert ist, bereit sei, die Verantwortung mitzutragen.“

Dennoch könne man die Vorgänge in Mainz nicht mit Gewaltverbrechen, wie dem Amoklauf in Winnenden, oder der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg vergleichen. Über diese Ereignisse hätten nach Auffassung von Prof. Dr. Christian Schicha, Düsseldorf, zahlreiche Medien „unseriös und sogar skandalös“ berichtet. So seien kurz nach der Katastrophe von Duisburg zahlreiche dramatische Bilder gezeigt worden, bei denen Menschen versucht hätten, sich aus der Enge im Tunnel zu befreien. „Ich frage mich, warum derartige Bilder gezeigt werden? Verfügen sie über einen Informationswert? Tragen sie zur Aufklärung des Geschehens bei? Ich glaube nicht.“

Zurückhaltende Information

Selbstverständlich sei es richtig gewesen, über Rettungsmaßnahmen zu berichten und auch zu dokumentieren, dass es Tote gegeben habe. Es hätte aber ausgereicht, die Opfer so darzustellen, dass sie nicht erkannt werden konnten. Richtig wäre nach Auffassung Schichas eine möglichst zurückhaltende Information durch die Presse gewesen. Bevor Bilder, Schlagzeilen oder Bewertungen publiziert werden, sollten zunächst die Geschehnisse angemessen verstanden und eingeordnet werden. Falsche Schuldzuweisungen könnten fatale Folgen für die Betroffenen haben. Auch bei Spendenaufrufen sollte auf eine gewisse journalistische Distanz geachtet werden. „Dass durch derartige Aktionen eine problematische Nähe zwischen den Akteuren erzeugt werden kann, die eine kritische und unabhängige Berichterstattung erschweren kann, sollte ebenfalls erwähnt werden,“ sagte der Medienexperte.

Empfehlungen des Presserates

Nach der Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden habe der Deutsche Presserat 90 Beschwerden erhalten. Daraufhin habe dieser Empfehlungen vorgelegt, in denen unter anderem geraten wird, zu überprüfen, unter welchen Umständen öffentliche Bilder von Tod und Sterben moralisch zu rechtfertigen sind und welche Auswirkungen die mediale Behandlung des Todes auf die Gesellschaft, die Wahrnehmung des Todes sowie die Achtung der Menschenwürde besitzt.

Und wie geht man medial richtig mit Emotionen um? „Einer der Beiträge zum Unglück von Duisburg fing ganz persönlich an mit dem Satz: ,Ich war im Tunnel, jetzt nachträglich. . .’ Das hat mich sofort angesprochen,“ berichtete Angelika Obert, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. Eine Kollegin habe in einem Beitrag zum Amoklauf in Winnenden einfach nur die Situation abends in der Kirche geschildert. Auf diese Weise sei wenigstens einen Augenblick lang ein Verweilen im Mitgefühl erlaubt worden.

Gisela Klinkhammer

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