ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Ärztemangel: Schluss mit der Schuldfrage

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Ärztemangel: Schluss mit der Schuldfrage

Hibbeler, Birgit

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Mit dem Ärztemangel ist es wie mit dem Klimawandel. Gefühlt ist er längst da, viele Daten sprechen dafür, doch es gibt ganz unterschiedliche Prognosen und Szenarien. Und wenn man eine Diskussionsveranstaltung zu dem Thema besucht, dann stellt mit Sicherheit irgendwann einer der Anwesenden die Frage: „Haben wir überhaupt einen Ärztemangel?“

Tatsächlich gab es in Deutschland noch nie so viele Ärztinnen und Ärzte wie heute. Ein Argument, das im Übrigen die Krankenkassen gern vorbringen. Dabei verschweigen sie allerdings, dass der Bedarf an Köpfen gestiegen ist – etwa weil mehr Ärzte in Teilzeit arbeiten und sich die Arbeitszeitgesetzgebung geändert hat. Beklagt wird oft: Der Nachwuchs wandert ins Ausland oder andere Berufe ab. Fakt ist, dass die Krankenhäuser ihre Stellen nicht besetzen können und Niedergelassene keine Nachfolger für ihre Praxen finden.

Die Stimmung unter den Ärzten ist mies. Umso erstaunlicher ist das enorme Interesse am Medizinstudium. Die Universitäten verzeichnen Bewerberrekorde. Wo also geht der Nachwuchs verloren? Liegt es am zu theoretischen Studium? Schreckt die unstrukturierte Weiterbildung ab? Ist es die Arbeit in der Klinik: zu viele Dienste, zu wenig Wertschätzung? Werden schon in den ersten Jahren aus motivierten Nachwuchsmedizinern ausgebrannte Zyniker? Oder gibt es gar nicht zu wenige Ärzte, sondern sind sie nur falsch verteilt?

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Wie unterschiedlich die Sichtweisen auf diese Fragen sind, wurde auf dem Herbstforum des Medizinischen Fakultätentages (MFT) und des Verbandes der Universitätsklinika deutlich. Ein wahres Feuerwerk an Zahlen wurde dem Besucher präsentiert. Hitzig diskutiert wurde das Thema „Schwundquoten“. Die aktuelle Arztzahlstudie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) kommt auf eine Abbrecherquote im Studium von 18 Prozent. Noch einmal zwölf Prozent der Absolventen entscheiden sich gegen eine kurative Tätigkeit. Völlig anders ist die Einschätzung der Hochschulvertreter. Sie sprechen von „falschen Behauptungen, problematischen Datengrund-lagen und fragwürdigen Prognosen“ und fordern ein unabhängiges Monitoring der Fachkräfteentwicklung. Eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes im Auftrag des MFT beziffert den Anteil der Studienabbrecher auf aktuell unter zehn Prozent.

In der Tat ist es merkwürdig, wenn die Zahlen derart voneinander abweichen. Der Öffentlichkeit dürfte das kaum vermittelbar sein. Will man zum Beispiel die Zahl der Studienplätze erhöhen, muss dies aufgrund valider Daten geschehen – nicht aufgrund von Annahmen. Wenig hilfreich ist es da, dass noch nicht einmal alle Bundesländer die Zahl der Approbationen erheben.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Während man noch über Zahlen streitet, geht leider wertvolle Zeit verloren. In vielen Punkten gibt es kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Und so ist Dr. med. Annette Güntert, BÄK, zuzustimmen, wenn sie sagt: „Jeder sollte die Probleme in seinem Bereich pragmatisch anpacken.“ Was spricht schließlich dagegen, Weiterbildung und Studium zu verbessern oder die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben?

Der Ärztemangel – oder auch die Ärzteunzufriedenheit – ist ein komplexes Problem, für das es nicht nur eine Ursache gibt. Wer immer nur die Schuld beim anderen sucht, macht es sich zu einfach. Die Lösung kann nur darin liegen, dass jeder endlich einmal anfängt, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu tun.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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