ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Pharmagrosshandel: Eine Branche unter Druck

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Pharmagrosshandel: Eine Branche unter Druck

Prenzel, Petra

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Eine logistische Mammutaufgabe: Jeden Tag beliefern die Pharmagroßhändler in Europa 150 000 Apotheken mit Arzneimitteln. Foto: picture-alliance
Eine logistische Mammutaufgabe: Jeden Tag beliefern die Pharmagroßhändler in Europa 150 000 Apotheken mit Arzneimitteln. Foto: picture-alliance

Der Bundestag verordnet den Logistikern hohe Einsparungen.

Täglich verlassen in Europa mehr als 5 000 verschiedene Medikamente die Werke von 3 000 Pharmaherstellern und werden an 150 000 Apotheken geliefert. Diesen Job übernehmen die Pharmagroßhändler. Jetzt setzen Sparmaßnahmen der Bundesregierung das deutsche Geschäftsmodell zunehmend unter Druck. 2011 müssen die Großhändler 170 Millionen Euro sparen, indem sie einen Zwangsabschlag von 0,85 Prozent auf alle rezeptpflichtigen und erstattungsfähigen Medikamente leisten. Das sieht das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz vor, das der Bundestag Mitte November verabschiedet hat.

Auf den Zwangsabschlag könnten die Großhändler mit einer deutlichen Kürzung der bisher gewährten Rabatte an Apotheker reagieren, erwartet Thomas Maul, Experte für den Pharmagroßhandel bei der DZ-Bank: „Ein neuer Preiskrieg zwischen den Großhändlern ist nicht auszuschließen.“ Zuletzt hätten die Großhändler mit verschreibungspflichtigen und freiverkäuflichen Medikamenten einen Rohertrag von 1,2 Milliarden Euro erzielt und davon circa 600 Millionen Euro als Rabatte an die Apotheker durchgereicht, analysiert die DZ-Bank. Das Marktvolumen des deutschen Pharmagroßhandels beträgt zurzeit etwa 25 Milliarden Euro – im Jahr 2000 betrug der Umsatz 17,8 Milliarden Euro. Allerdings wurden die größten Zuwächse bis zum Jahr 2003 erzielt. Seitdem stagniert das Wachstum nahezu.

Aber nicht nur der Zwangsabschlag setzt die Branche unter Druck. Bisher beträgt die durchschnittliche Handelsspanne etwa sechs Prozent. Das sei zu wenig, klagt die Branche. Die Vorsteuermargen vieler Anbieter lägen unter einem Prozent, sagt Thomas Trümper, Chef des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels Phagro. „Diese Umsatzrendite ist üblich“, sagt dagegen DZ-Bank-Experte Maul. Das Geschäft des Pharmagroßhandels sei ein Volumengeschäft. Deswegen streben alle nach Größe und versuchen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. So betreibt beispielsweise der größte deutsche Pharmahändler Phoenix ebenso wie der Konkurrent Celesio im europäischen Ausland eigene Apothekenketten. In Deutschland verbietet das Fremd- und Mehrbesitzverbot den Großhändlern den Aufbau eigener Apotheken.

Drang nach Größe

Zuletzt wurde die Branche von der Übernahme des deutschen Händlers Anzag durch den britischen Pharmagroßhändler Alliance Boots im Oktober aufgeschreckt. Alliance Boots ist dadurch mit einem Jahresumsatz von etwa 25 Milliarden Euro zum größten europäischen Pharmagroßhändler aufgestiegen. Anzag hat hierzulande einen Marktanteil von circa 16 Prozent, ebenso wie Celesio und Sanacorp. Phoenix steht mit einem Anteil von 30 Prozent an der Spitze. Die zu den Apotheken gehörende genossenschaftlich organisierte Noweda erzielt 14 Prozent. Die restlichen acht Prozent entfallen auf kleinere Unternehmen.

Möglicherweise steht aber schon bald die nächste Übernahme an: Der größte US-Pharmagroßhändler McKesson wird als Interessent für Celesio gehandelt, das noch mehrheitlich der Familie Haniel gehört. Haniel-Chef Jürgen Kluge würde sich wohl gerne von Celesio trennen, denn das Unternehmen ist mit mehr als zwei Milliarden Euro verschuldet.

Bis März dieses Jahres galt der Großhändler Phoenix, der zur Merckle-Gruppe gehört, als Übernahmekandidat. Seit der Verkauf des Generikaherstellers Ratiopharm an den israelischen Konzern Teva viel Geld in die Familienkasse gespült hat, will sich Konzern-Chef Ludwig Merckle jedoch nicht mehr von Phoenix trennen.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht für die Pharmagroßhändler: Seit August darf die Pharmaindustrie den Großhandel nicht mehr umgehen, selbst wenn sie Apotheken direkt mit ihren Medikamenten beliefern will. Die Arzneimittelhersteller müssen die Großhändler ebenfalls mit den Medikamenten aus dem Direktgeschäft bedienen. Das sieht die 15. Novelle des Arzneimittelgesetzes vor. Das Direktgeschäft der Pharmahersteller mit den Apotheken hatte dem Marktforschungsinstitut IMS zufolge mehr als 17 Prozent des Großhandelsumsatzes erreicht. Den Pharmahändlern entgehen dadurch insbesondere bei hochpreisigen Produkten attraktive Margen, mit denen sie die oft nicht kostendeckende Logistik für billige Medikamente quersubventionieren. Denn der sogenannte vollsortierte Großhandel versorgt Apotheken mit allen Medikamenten. Die Großhändler übernehmen die Vorfinanzierung, die Lagerung und den Transport.

Petra Prenzel

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