ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Fibromyalgie wird häufig falsch behandelt

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Fibromyalgie wird häufig falsch behandelt

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2312 / B-2000 / C-1964

Zylka-Menhorn, Vera

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Die Fibromyalgie wird häufig falsch behandelt. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse von Versorgungsdaten der Barmer-GEK. „Das Ergebnis ist ernüchternd. Offenbar ist die Leitlinie zur Behandlung dieser komplexen chronischen Schmerzerkrankung noch längst nicht in der Versorgungsrealität angekommen“, teilte Dr. med. Ursula Marschall mit. Fehl- und Überversorgung seien die Regel. Basis der Studie sind ambulante Abrechnungsdaten von etwa 15 000 Patienten, die zwischen 2007 und 2008 bei der damaligen Barmer Ersatzkasse versichert waren und aufgrund der Diagnose Fibromyalgiesyndrom mindestens zweimal ambulant behandelt wurden. Außerdem wurden die Arzneimittelverordnungen und stationären Behandlungsdaten zwischen Juli 2008 und Juni 2009 ausgewertet, so dass weitere 5 000 Personen in die Analyse einbezogen werden konnten.

Im Bereich der Medikamentenverordnungen liegen Versorgungsrealität und Behandlungsleitlinie besonders weit auseinander: 48 Prozent der Patienten erhielten Antirheumatika, wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen, elf Prozent sogar starke Opiate – entgegen der ausdrücklichen Leitlinienempfehlung. Bedenklich stimmt auch der breite Einsatz von Psychopharmaka, die 56 Prozent der Patienten erhielten. Acht Wirkstoffe sind in der Leitlinie empfohlen, verordnet wurden 85. Auch im stationären Bereich dominieren die medikamentöse Therapie und ein eher organisch ausgeprägtes Schmerzverständnis. Von den zehn häufigsten schmerztherapeutischen Prozeduren im Krankenhaus sind 60 Prozent interventionelle Verfahren, also Injektionen oder Infusionen von Medikamenten, auch in die Wirbelsäule. Lediglich 14 Prozent entfallen auf die leitliniengerechte Behandlung mit einer multimodalen Schmerztherapie.

Die Leitlinie empfiehlt auch im ambulanten Bereich keine Durchführung von invasiven Verfahren. Dennoch findet etwa Akupunktur als alleinige Therapie breite Anwendung. Kritisch ist zudem wegen deren passiven Charakters die hohe Zahl von Physiotherapie-Verordnungen. Für den nachhaltigen Therapieerfolg erscheinen Massageverordnungen und Kälte-Wärme-Anwendungen ungeeignet. Den schweren Stand für eine evidenzbasierte Behandlung erklärt Marschall mit drei Faktoren: „Die Fehlversorgung mit invasiven Maßnahmen wird durch Abrechnungsanreize ausgelöst. Hinzu kommen der Patientenwunsch nach Beschwerdelinderung und vergebliche ärztliche Versuche, einen chronischen Schmerz in mehreren Körperregionen lokal zu behandeln.“ zyl

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