ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Präimplantationsdiagnostik: Gespaltene Gesellschaft

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Präimplantationsdiagnostik: Gespaltene Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2314 / B-2002 / C-1966

Jachertz, Norbert; Richter-Kuhlmann, Eva

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Der CDU-Parteitag votierte nur knapp für ein Verbot der PID. Auch die Kirchen und die Ärzteschaft sind uneins.

Auf das christliche Menschenbild beriefen sich sowohl Gegner als auch Befürworter der Präimplantationsdiagnostik (PID) beim CDU-Parteitag in Karlsruhe am 16. November. Gemeinsam suchten sie nach einer Lösung für eine gesetzliche Regelung der PID. Die CDU fand letztlich keine. Nach einer dreieinhalbstündigen sachlichen und doch hochemotionalen, von gegenseitigen Respektsbezeugungen gekennzeichneten Debatte kam es zwar zu dem Beschluss, PID zu verbieten, doch der fiel denkbar knapp aus: 408 Delegierte forderten das Verbot, 391 befürworteten eine Zulassung in engen Grenzen. Abgestimmt hatten 814 Delegierte, das entspricht somit 51 beziehungsweise 49 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Foto: dpa [m]
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich in ihrer auf konservativ und christlich eingestimmten Rede auch zur PID geäußert und für ein Verbot ausgesprochen, „weil ich Sorge habe, dass wir die Grenzen nicht definieren können“. Später hatte sie mit einem rigorosen Eingriff in die Tagungsleitung dafür gesorgt, dass das Thema ohne Begrenzungen von Redezeit und Rednerliste diskutiert werden konnte. Das Ergebnis enttäuschte die Befürworter eines Verbots der PID und ließ die Befürworter einer Zulassung „in engen Grenzen“ nicht unzufrieden zurück. Von der FDP kam alsbald ein Signal in ihrem Sinne: Sie sehe, so die stellvertretende Vorsitzende und gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Ulrike Flach, „für unsere Position, eine eingeschränkte Zulassung der PID zu erreichen, jetzt eine sehr gute Chance auf eine Mehrheit im Parlament“. Ähnlich Carola Reimann (SPD), die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Bundestages: Sie gab sich „zuversichtlich, dass wir für unsere Position einer eng begrenzten Zulassung der PID eine Mehrheit im Bundestag bekommen“.

Die Kirchen suchen Lösungen

Auf die Kirchen können sich die Christdemokraten in Sachen PID kaum verlassen. Bekennende Protestanten wie Peter Hintze plädierten für die „engen Grenzen“, andere, so Thomas Rachel namens des evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, für ein Verbot. Beim ökumenischen Gottesdienst vor Beginn des Parteitags erinnerte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitzsch, an die unveränderte katholische Position: Das menschliche Leben beginne mit der Verschmelzung von Eizelle und Samen. Die Konsequenz: PID ist unzulässig, weil sie dazu führt, menschliches Leben zu „verwerfen“. Einen Monat zuvor hatte der neue Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Nikolaus Schneider, hingegen „seine Sympathie für das Bestreben, die PID unter eng gefassten Bedingungen zuzulassen“, kundgetan.

So auch die PID-Befürworter bei der CDU. Allerdings konnten sie auf dem Parteitag nicht darlegen, wie und wo die „engen Grenzen“ zu ziehen sind. Auch wichen sie der Frage aus, ob nicht mit der Auswahl nach gesund oder erblich belastet, eine Bewertung von lebenswertem oder nicht lebenswertem Leben getroffen wird. All jene, die PID zulassen wollen, haben vielmehr die individuellen Schicksale betroffener Frauen und Paare im Blick. Und sie haben Bilder von betroffenen Frauen zur Hand, die sich sehnlich ein gesundes Kind wünschen, aber befürchten, eine genetische Belastung weiterzutragen. Bundesarbeitsministerin Dr. med. Ursula von der Leyen vermochte aus ihrer ärztlichen Erfahrung heraus mit bewegenden Schilderungen das Plenum zu rühren. Den PID-Befürwortern kommt zudem entgegen, dass über den Beginn menschlichen Lebens kein Einvernehmen herrscht. Familienministerin Kristina Schröder zum Beispiel, die PID zulassen möchte, setzte den Beginn mit der Einnistung an. Der Embryo in der Petrischale bereitet ihr deshalb keine ethischen Probleme.

„Wenn das Leben ein Geschenk Gottes ist, dann ist es nicht unter Bedingungen gegeben“, meint Julia Klöckner. Volker Kauder weist auf die Entwicklung der medizinischen Indikation der Abtreibung hin und fürchtet bei der PID ähnliche Ausweitungen. Foto: dd
„Wenn das Leben ein Geschenk Gottes ist, dann ist es nicht unter Bedingungen gegeben“, meint Julia Klöckner. Volker Kauder weist auf die Entwicklung der medizinischen Indikation der Abtreibung hin und fürchtet bei der PID ähnliche Ausweitungen. Foto: dd

Wiederholt wurde auf dem Parteitag der vermeintliche oder tatsächliche Widerspruch zwischen einer womöglich verbotenen PID und der erlaubten Pränataldiagnostik (PND) bemüht. Sei es nicht widersinnig, den Test des Embryos in der Petrischale zu verbieten, PND im Mutterleib mit der möglichen Folge einer Spätabtreibung aber zu gestatten?, fragten die PID-Befürworter. Die Antwort der Gegner: PID sei ein nüchtern geplanter Vorgang, während PND und Spätabtreibung mit einem schweren Konflikt bei der Mutter einhergingen. Das eine könne mit dem anderen nicht verglichen werden.

Die Befürworter eines Verbots der PID argumentierten nicht mit dem Einzelfall, sondern grundsätzlich. Sie befürchten, die Grenzen würden sich nicht festlegen lassen, menschliches Leben werde qualifiziert, Behinderte diskriminiert. Sie gehen davon aus, dass menschliches Leben mit der Verschmelzung beginne und unterschiedslos von Anbeginn zu schützen sei.

Diese Haltung deckt sich mit der geltenden Beschlusslage des Deutschen Ärztetages, dessen Delegierte sich bereits im Jahr 2002 für ein Verbot der PID ausgesprochen haben. Doch auch innerhalb der Ärzteschaft gehen – ähnlich wie innerhalb der politischen Parteien und der Kirchen – die Ansichten, ob die PID gesetzlich verboten werden sollte, weit auseinander. Konsens gibt es jedoch in einem Punkt: dem Wunsch nach Rechtssicherheit für die betroffenen Eltern und für die verantwortlichen Ärztinnen und Ärzte. „Am Ende dieser Debatte müssen klare gesetzliche Regelungen stehen, ob überhaupt, und wenn ja, in welchem Umfang, die PID in Deutschland anwendbar ist oder nicht“, fordert Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Persönlich hält der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) die PID für ethisch nicht vertretbar. „Als Bürger nehme ich aber zur Kenntnis, dass sich wahrscheinlich eine Mehrzahl der Menschen die Möglichkeit der PID für eng begrenzte Indikationen wünscht. Wenn es also nicht zu einem Verbot kommt, sondern zu einer Zulassung der PID, müssen wir Ärzte bereitstehen, einen ausufernden Missbrauch durch klare Regeln der Anwendung zu verhindern.“

„Keine PID ohne In-vitro-Fertilisation“: Ursula von der Leyen hält das Verfahren für derart belastend, dass es den beschworenen „Dammbruch“ geradezu verhindere. Foto: action press
„Keine PID ohne In-vitro-Fertilisation“: Ursula von der Leyen hält das Verfahren für derart belastend, dass es den beschworenen „Dammbruch“ geradezu verhindere. Foto: action press

Umstritten: Indikationsliste

Vorschläge, wonach die BÄK einen Katalog derjenigen Indikationen ausarbeiten soll, bei denen eine Verwerfung des Embryos zulässig wäre, lehnt Montgomery jedoch als nicht zielführend ab, da er die Träger dieser Erbmerkmale stigmatisieren würde. „Ich bevorzuge eine Lösung wie bei der Lebendspende im Transplantationsgesetz. Wir sollten Einzelfallentscheidungen durch von der Ärztekammer eingesetzte Kommissionen vorsehen“, erklärte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Nach seiner Ansicht sollten diese Kommissionen aus Ärzten, Juristen, Psychologen und Religionswissenschaftlern bestehen und sowohl die psychologische Situation des Paares betrachten als auch die Möglichkeiten und Alternativen zur PID ausloten.

Eine ähnliche Lösung präferiert der Gynäkologe und langjährige PID-Befürworter Prof. Dr. med. Klaus Diedrich, Universität zu Lübeck. „Die Paare sollten nach ausführlichen Informationsgesprächen entscheiden können, ob sie eine PID beantragen möchten. Die letztliche individuelle Entscheidung darüber, ob diese vorgenommen wird, sollte jedoch eine interdisziplinäre Kommission treffen, die bei der Bundes­ärzte­kammer angesiedelt ist und ihrer strengen Kontrolle unterliegt“, erläuterte er dem Deutschen Ärzteblatt. Es dürfe weder eine Indikationsliste noch eine „Ausweitung durch die Hintertür“, beispielsweise auf sich spät manifestierende Erkrankungen, geben. „Die PID kann in bestimmten Fällen hilfreicher als die PND sein“, betonte Diedrich. „Von allen schwierigen und zum Teil schlechten Lösungen ist sie immer noch die beste.“ Das bewiesen auch die internationalen Zahlen zur Anwendung der PID: „Es findet kein Dammbruch statt“, sagte der Gynäkologe. Das knappe Votum des CDU-Parteitages deutet er – obwohl es etwas mehr zu einem Verbot tendierte – als positives Signal: „Der Deutsche Bundestag wird im nächsten Jahr für eine begrenzte Zulassung der PID plädieren“, hofft er.

Eine Freigabe der PID fordern auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Berufsverband der Frauenärzte. „Ein Verbot der PID würde eine Entmündigung der Frauen und der Paare bedeuten, die eine erhebliche genetische Belastung in ihre Elternschaft mitbringen und die häufig bereits behinderte Kinder zu Hause betreuen“, schreiben sie in einem offenen Brief an die BÄK. Diese Frauen müssten eine neue Schwangerschaft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit beginnen, dass diese später durch einen Abbruch beendet werde. Die Organisationen setzen sich deshalb für eine Beratungsregelung und eine selbstverantwortliche Entscheidung der Eltern ein. Gleichzeitig schlagen sie vor, eine PID-Indikationsliste und gegebenenfalls Aktualisierungen in die Hände einer bei der BÄK angesiedelten Ethikkommission zu legen.

Norbert Jachertz
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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