ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Ambulant tätige Chirurgen – Studie: Höhere Kosten

POLITIK

Ambulant tätige Chirurgen – Studie: Höhere Kosten

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2316 / B-2004 / C-1968

Rieser, Sabine

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Der Berufsverband der Chirurgen hat rechnen lassen und herausgefunden: Die ambulant tätigen Kollegen haben zu wenig Geld für Investitionen und Personal.

Die Kosten in chirurgischen Praxen sind deutlich höher, als bisher von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angenommen. Das schließt der Berufsverband Deutscher Chirurgen (BDC) aus Ergebnissen einer Umfrage unter seinen Mitgliedern.

Demnach müssen niedergelassene Chirurgen je nach Berechnungsvariante zwischen 20 000 und 30 000 Euro mehr aufbringen, als bislang in Kostenstudien veranschlagt. „Das Geld fehlt bereits jetzt spürbar für Investitionen. Zudem sind Ärzte gezwungen, Personal einzusparen – ein Rückgang von gut 3 500 Arbeitsstellen für junge Frauen“, hieß es in einer ersten Reaktion des BDC.

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Unter dem Strich veranschlagt der Verband eine durchschnittliche Kostenbelastung von circa 60 Prozent für eine Praxis und einen durchschnittlichen Überschuss aus der Behandlung von gesetzlich Krankenversicherten von 78 000 Euro im Jahr. Zusammen mit Einnahmen aus der privaten Kran­ken­ver­siche­rung und der Berufsgenossenschaft ergibt sich ein Überschuss von durchschnittlich 140 000 Euro. Die KBV erklärte auf Anfrage, sie habe die Studie unterstützt, indem sie beispielsweise Abrechnungsdaten zur Verfügung gestellt habe. Man müsse jedoch die Ergebnisse erst noch genau prüfen, bevor man sie einschätzen könne.

Für die Kostenanalyse wurden von der Firma Primenetworks im Auftrag des BDC Daten aus circa 300 Praxen beziehungsweise von etwa 500 ambulant tätigen Chirurgen ausgewertet. Das entspricht einem Anteil von 15 Prozent dieser Arztgruppe. Für ein Drittel der 300 Praxen liegt das Testat eines Steuerberaters vor.

Forderung: Kleine, unrentable Praxen sollen kooperieren

Für eine durchschnittliche Praxis kommt der BDC danach für das Jahr 2008 auf Kosten von knapp 227 000 Euro. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2007 waren es hingegen rund 200 100 Euro. Der Anteil der Personalkosten liegt nach BDC-Berechnungen bei fast genau 50 Prozent. Im Vergleich zu den Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes von 2003 und 2007 arbeitet jedoch eine Mitarbeiterin weniger in jeder Praxis. Die Daten lassen nach Angaben von Primenetworks zudem den Schluss zu, dass wirtschaftlich unter Druck stehende Praxisinhaber ihre Medizinischen Fachanstellten teilweise durch geringer qualifiziertes Personal ersetzt haben.

BDC-Vizepräsident Dr. med. Jörg-Andreas Rüggeberg wies bei der Bewertung der Ergebnisse darauf hin, dass man für eine praxisnahe Kostenanalyse im Grunde sehr kleine Praxen aus der Bewertung ausschließen müsse. Sehr geringe Investitionen in einer solchen Praxis verzerrten nämlich die Angaben zum durchschnittlichen Investitionsbedarf von Praxen, hieß es, ebenso wie andererseits hohe Kostenanteile pro Patient die durchschnittliche Kostenbelastung. Kleine Praxen müssten kooperieren, forderte Rüggeberg. Denn bei einer Abrechnung von weniger als 750 Scheinen von gesetzlich Krankenversicherten pro Quartal arbeite ein ambulanter Chirurg defizitär.

Dass seriöse Kostenanalysen grundsätzlich Honorarverhandlungen erleichtern können, hat die KBV im Rahmen der EBM-Reform 2008 angeführt. Damals hatten beispielsweise Analysen in radiologischen Praxen ergeben: Die bisherigen Abschreibungen waren zu niedrig angesetzt.

Markus Henkel, Geschäftsführer des Berufsverbandes der Radiologen, bestätigt dies. Er verweist allerdings darauf, dass man für eine Berufsgruppe wie die der Radiologen eine Vielzahl von Praxistypen berücksichtigen müsse, „und das macht jede Erhebung vom Aufwand und den Kosten her zu einem sehr aufwendigen Projekt“. Gleichwohl erhebt der Verband intern derzeit erneut Daten, um die Kalkulationsgrundlagen zu verbessern. Dass man dadurch automatisch das gesamte Honorarvolumen vergrößern könne, sei wohl allerdings eine Illusion, fürchtet Henkel: „Wenn im derzeitigen System eine Fachgruppe mehr möchte, muss sie es einer anderen wegnehmen.“

Sabine Rieser

DAS PROJEKT ZI-PRAXISPANEL

Zu alt, zu ungenau, zu interessengeleitet – kritisiert werden Kostenstrukturdaten aus Arztpraxen von allen Seiten. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) arbeitet deshalb an einem neuen Praxispanel. Geplant ist, langfristig die Kosten- und Leistungsstrukturen von etwa 7 000 Praxen zu analysieren. Die Daten für die Jahre 2006 bis 2008 liegen bis zum Jahresende vor. 2011 sollen die Daten für 2009 abgefragt und möglicherweise eine Art Frühinformation installiert werden.

Nach Angaben des ZI beteiligen sich bislang circa 6 100 Praxen. Wer teilnimmt und das geforderte Testat des Steuerberaters vorlegt, erhält 200 Euro und bekommt von 2011 an Feedbackberichte, um seine Praxiskosten und -leistungen mit denen der Fachgruppe zu vergleichen.

Mit Hilfe des Praxispanels können nicht nur Leistungs- und Kostenunterschiede in einer Fachgruppe analysiert werden, sondern auch regionale Unterschiede der Kostenstrukturen. Zudem lässt sich in Verbindung mit den Angaben zur Praxisausstattung zeigen, welche Bereiche der Patientenversorgung im Zeitablauf teurer werden. Kostenveränderungen sollen bei Honorarverhandlungen für 2013 wieder eine Rolle spielen.

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