ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Haiti nach dem Erdbeben: Ein Land liegt am Boden

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Haiti nach dem Erdbeben: Ein Land liegt am Boden

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2328 / B-2013 / C-1978

Blettner, Annette

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Bis heute leben in Haiti circa eine Million Erdbebenopfer in behelfsmäßigen Lagern. Schon vor der Katastrophe galt der Karibikstaat als gescheitert. Die Bevölkerung wird deshalb noch lange am Tropf der internationalen Hilfe hängen.

Warten auf Hilfe: ein Choleraopfer im größten Slum der Hauptstadt Port-au-Prince. Foto: dpa
Warten auf Hilfe: ein Choleraopfer im größten Slum der Hauptstadt Port-au-Prince. Foto: dpa

Die 28-jährige Ilemise Joseph war gerade im ersten Stock ihres Hauses in Port-au-Prince, als die Erde bebte. Trümmer des einstürzenden Dachs zerfetzten ihr Bein. „Tagelang irrte ich durch die Stadt, und als ich endlich ein Krankenhaus fand, das mich behandeln konnte, musste das Bein amputiert werden“, erinnert sich die junge Frau.

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Das Beben am 12. Januar dieses Jahres traf Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, mit voller Wucht. Innerhalb von zwei Minuten stürzten schätzungsweise 250 000 Wohnhäuser, Ministerien, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser ein, mindestens 200 000 Menschen verloren ihr Leben, mehr als eine Million ihr Zuhause, Zehntausende Kinder wurden zu Waisen, 10 000 Menschen zu Amputierten.

Besonders hart traf es die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince mit ihren schon vor dem Beben überfüllten Elendsvierteln, der mangelhaften Infrastruktur und Verwaltung und den unzähligen stinkenden Müllbergen. Auf jedem freien Flecken dieser Hafenstadt, an Müllhalden und Abhängen, auf Grünflächen und selbst auf den Mittelstreifen von Straßen entstanden in der Folge Lager aus Zelten, Pappkartons und Wellblech. Bis heute leben dort zwischen den Trümmern etwa eine Million Erdbebenopfer.

Mitarbeiter von zahllosen Hilfsorganisationen und Zehntausende US-amerikanische Soldaten strömten gleich nach dem Beben ins Land, um Leben zu retten und das Leben in den Lagern erträglicher zu machen, darunter auch das Team vom deutschen „Technischen Hilfswerk“ (THW). „Unsere Helfer schufteten rund um die Uhr in den Lagern, bereiteten Trinkwasser auf, reinigten Latrinen und zogen bei sengender Hitze Kanäle, um die Lager für die Hurricansaison sicherer zu machen und den Ausbruch von Seuchen zu verhindern“, erklärt THW-Mitarbeiter Morris Viertel. Doch alle Bemühungen der Helfer konnten den Ausbruch der Cholera nicht verhindern. Circa 1 000 Haitianer sind bereits an der Seuche gestorben, 10 000 Krankheitsfälle wurden offiziell registriert, die Dunkelziffer soll nach Angaben von Caritas international viermal so hoch liegen.

Die Lage stabilisieren: Soldaten der Vereinten Nationen patrouillieren in den Straßen der Cité de Soleil. Foto: Picture Aliance
Die Lage stabilisieren: Soldaten der Vereinten Nationen patrouillieren in den Straßen der Cité de Soleil. Foto: Picture Aliance

Die Menschen müssten dringend aus den Zeltlagern heraus, sind sich die Helfer einig. Doch der Wiederaufbau verzögert sich, weil dringend benötigtes Material wie Bauholz nur schleppend ins Land gelangt. Das liegt an bürokratischen Zollbestimmungen, von der die Regierung auch angesichts der katastrophalen Lage im Land nicht abweichen will. So müssen sich die Hilfsorganisationen in Haiti registrieren lassen, was bisweilen bis zu sechs Monate dauert. Erst danach dürfen sie ihre Hilfsgüter zollfrei ins Land holen. Für das beim Zoll lagernde Material streicht die Regierung aberwitzige Lagergebühren ein. „Die Lagerhallen am Hafen von Port-au-Prince sind völlig überfüllt. Inzwischen werden die Güter gar nicht mehr ins Land gelassen, sondern stapeln sich in Jamaika“, kritisiert THW-Mitarbeiter Viertel.

Besonders prekär ist die Lage der 300 000 Kindersklaven

Ein weiteres Problem sind die ungeklärten Besitzverhältnisse, da Katasterämter fehlen. Außerdem konnten bislang erst knapp fünf Prozent des Schutts beseitigt werden, weil geeignete Fahrzeuge fehlen und ein zügiger Abtransport des Bauschutts den Verkehr auf den schon jetzt ständig verstopften Straßen von Port-au-Prince komplett zum Erliegen bringen würde.

Besonders prekär ist die Lage der vielleicht 300 000 Kindersklaven, die zusammen mit ihren „Gasteltern“ ihr Heim verloren haben und mit diesen nun oft in Zelten unter noch härteren Bedingungen ihr Dasein fristen müssen, wie Christalion (10), Natascha (13) und Eldena (14). Für ein Dach über dem Kopf und ein paar magere Essensreste schuften die drei Kindersklaven von früh bis spät, schleppen Wasser, fegen, putzen, kochen und waschen. Ihre Eltern, arme, haitianische Bauern, gaben sie für ein paar Dollar an Menschenhändler. Die versprachen, die Kinder bei guten Gastfamilien unterzubringen, wo sie für ein wenig Hilfe im Haushalt eine solide Schulbildung erhalten sollten. Stattdessen erwartet die meisten Kinder bei den sogenannten Tanten und Onkeln, wie sich die Gasteltern nennen, weder Schule noch gutes Essen. Statt dessen werden die Kinder wie Sklaven ausgebeutet, verprügelt und bisweilen auch vergewaltigt. „Oft nähert sich mir mein ,Cousin‘ sexuell, und wenn ich mich bei der ,Tante‘ beschwere, schreit sie, ich würde lügen, und dann schlägt sie mich“, sagt Eldena.

Die deutsche Kindernothilfe hat im größten Slum der Stadt, der „Cité de Soleil“, für die Kindersklaven einen Zufluchtort geschaffen. „Bei uns lernen die Kinder ein wenig lesen, schreiben und rechnen, unsere Betreuer singen und tanzen mit ihnen, und jeder bekommt ein warmes Essen – für viele die einzige Mahlzeit am Tag“, berichtet Projektleiterin Katja Anger. Dazu kommt eine basismedizinische Versorgung.

Nur wenige finden im verarmten Land eine Arbeit, dazu kommen die Hoffnungslosigkeit und der Mangel an Privatsphäre. Und nur die wenigsten konnten bislang in eigens gefertigte Holzhäuser umziehen. „Viele Lagerinsassen leiden am posttraumatischen Stresssyndrom, was sie wiederum oft aggressiv werden lässt. Vergewaltigungen sind häufig“, erklärt die Allgemeinärztin Dr. med. Valerie Chadic. Die junge Ärztin leitet das Caritas-Gesundheitszentrum in der rund 40 Kilometer von Port-au-Prince entfernten Stadt Leogan, wo das Epizentrum des Erdbebens lag und die als zu 90 Prozent zerstört gilt. Chadic kümmert sich mit einem Team von Krankenschwestern vor allem um die Frauen in den Lagern. 125 Opfer von Vergewaltigung hat sie bis heute registriert, die meisten davon sind Mädchen unter 16 Jahren. Viele haben die Eltern verloren und leben schutzlos allein in einem Zelt, andere werden zu Opfern, wenn sie die vom Camp entfernten Latrinen oder Duschen aufsuchen. „Erst kürzlich habe ich zwei 16 und 19 Jahre alte Frauen medizinisch behandelt, die beide von einem 40-jährigen bewaffneten Mann im Lager Dufort vergewaltigt wurden. Sie weinten die ganze Zeit, weil ihnen trotz ihrer Schreie niemand zu Hilfe kam. Gemeinsam ging ich mit ihnen zur Polizei, doch die hat bis heute nichts unternommen, um die Frauen zu schützen“, erläutert die Caritas-Ärztin.

Von Darbonne aus, einer Streusiedlung etwa 30 Minuten von Leogan entfernt, besucht Dr. med. Alexis Aristide mit Team im Auftrag von Malteser International mit einer mobilen Klinik verschiedene Dörfer, um die Einwohner der bettelarmen Gegend, zumeist einfache Bauern, kostenfrei medizinisch zu versorgen. Weil ein Krankenhaus und Straßen fehlen, müssen Schwangere, Schwerkranke und Verletzte oft stundenlang zu Fuß auf simplen Türen über unwegsame Trampelpfade und durch Flüsse bis zur nächsten Straße getragen werden. Die Malteser sorgen dann für den Weitertransport in die nächste Klinik. „Am häufigsten haben wir mit Malariaerkrankungen, Atemwegsinfektionen und Infektionen der Haut zu tun, dazu kommen infolge des Erdbebens Stresserkrankungen wie Kopfschmerzen, Magengeschwüre und Bluthochdruck. Weil Latrinen durch das Beben zerstört wurden, dringen Fäkalien ungefiltert in den Boden und verschmutzen das Trinkwasser. Deswegen gibt es auch viele Probleme mit Genitalinfektionen und Durchfallerkrankungen“, erklärt der erschöpfte Arzt.

Die Regierung ist völlig überfordert

Aufgrund ihrer Verletzungen, die sie beim Erdbeben davongetragen haben, mussten bis zu 10 000 Haitianern Gliedmaßen amputiert werden. Die Amputierten leben am Rande der Gesellschaft. Sie werden aus Scham von ihren Familien versteckt, oft werden sie von ihren Partnern verlassen. Die Folge sind psychosomatische Erkrankungen wie Kopfschmerzen, Depressionen, Ängste. In Leogan kümmert sich ein Team von Krankenschwestern, Psychologen und Orthopädietechnikern der Johanniter speziell um Amputierte. „Wir erklären ihnen, dass sie mit ihren Ängsten und Problemen nicht alleine dastehen, sondern viele weitere ihr Schicksal teilen, und wir entwickeln mit ihnen gemeinsam Strategien, ihr Schicksal besser zu akzeptieren und zu lernen, mit der Behinderung im Alltag umzugehen“, sagt Orthopädietechnikerin Cornelia Koehler.

Da die haitianische Regierung von der Katastrophe völlig überfordert ist, viele Verwaltungsbeamte bei dem Beben ihr Leben verloren haben und das Land auch schon vor der Katastrophe als „failed state“ galt, als gescheiterter Staat mit unzureichendem Gesundheitssystem, zu wenigen Schulen und schwacher Infrastruktur, werden die Haitianer noch lange am Tropf der internationalen Hilfe hängen, sind sich Experten einig.

Annette Blettner

  • Haiti: Hoffnung
    Dtsch Arztebl 2011; 108(4): A-169 / B-132 / C-132
    Kemmer, Willy

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