ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Praxisführung: Visionen als Korrektiv

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Praxisführung: Visionen als Korrektiv

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2359 / B-2043 / C-2007

Klatt-Braxein, Torsten

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Was ist mir neben meiner Arbeit noch wichtig? Gelingt es nicht, sich ab und an dem Sog des Alltags zu entziehen, drohen gesundheitliche Schäden. Foto: Eberhard Hahne
Was ist mir neben meiner Arbeit noch wichtig? Gelingt es nicht, sich ab und an dem Sog des Alltags zu entziehen, drohen gesundheitliche Schäden. Foto: Eberhard Hahne

Von Zeit zu Zeit ist es für jeden Arzt wichtig, die sichere „Höhle der Realität“ zu verlassen und nach Perspektiven und Werten für die Zukunft Ausschau zu halten.

Helmut Schmidt sagte einmal: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Wirklich?

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Der Altkanzler hat recht, wenn er diejenigen zum Arzt schickt, die nur im Morgen und nicht im Heute leben. Er hat recht, wenn Menschen sich nicht festlegen wollen. Ja, und er hat recht, wenn jemand Vision mit Realität verwechselt. Schmidts Ausspruch ist aber nicht allgemeingültig. Visionen sind überlebenswichtig, gerade im anspruchsvollen Beruf des Arztes. Bleibt ein Arzt nur im Alltagsgeschäft, kümmert er sich nur immer um das, was praktisch vor ihm liegt, läuft er Gefahr, vom Sog des Alltags und des eigenen Engagements für den Patienten mitgenommen zu werden. Er funktioniert dann nur noch und fühlt sich fremdbestimmt. Die Folgen reichen vom Unbehagen im Beruf bis hin zum Burn-out.

Visionen oder auch Ausblicke und Perspektivwechsel sind an dieser Stelle ein wichtiges Korrektiv. Von Zeit zu Zeit ist es für jeden Mediziner wichtig, die sichere „Höhle der Realität“ zu verlassen und nach den eigenen Perspektiven, Werten und Überlegungen für die Zukunft Ausschau zu halten, um selbstbestimmt, gesund und auch realistisch im Umgang mit sich selbst zu bleiben.

In diesem Zusammenhang berichtete mir kürzlich Dr. Frank (Name geändert), Facharzt an einer Thüringer Klinik, ein drastisches Beispiel: Ein niedergelassener Kollege, 65 Jahre alt, hatte für sich und seine Frau vor ein paar Jahren ein schönes großes Haus im Grünen gekauft. Der Kollege fühlte sich gesundheitlich nicht mehr so fit, wollte jetzt kürzertreten und mehr Zeit mit seiner Frau verbringen. Deshalb versuchte er seit zwei Jahren seine Praxis zu verkaufen. Erfolglos. Mit dem letzten, ernsthaft interessierten Kollegen hatte er lange über die finanziellen Konditionen für eine Praxisübernahme verhandelt, sich dann aber entschieden, weiterzuarbeiten und die Praxis nun vorerst doch nicht aufzugeben. Zwei Monate später war er dann in seiner Praxis gestorben. Er war einfach so umgefallen, während der Arbeit.

Diese Geschichte habe ihn sehr berührt, sagte Dr. Frank: „Ich will mich auch niederlassen. Aber da sind so viele Fragen, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Werde ich mich so an die Arbeit gewöhnen, dass ich nicht mehr von ihr lassen kann? Werden die wirtschaftlichen Zwänge mein ärztliches Selbstverständnis korrumpieren? Wie viel will ich überhaupt arbeiten? Kommt immer erst die Arbeit und dann ich? Wie will ich leben?“

Ich bestärkte Dr. Frank darin, diese Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Das ist der Schlüssel für Selbstbestimmtheit und Gesundheit. Ganz richtig sagte Dr. Frank aber auch: „Na ja, ich möchte nicht immer darauf warten müssen, bis mich ein schlimmes Ereignis wachrüttelt und mir hilft, mich neu auszurichten oder Schwerpunkte für mein Leben zu setzen. Im Alltag geht das doch schnell unter. Gibt es keinen Präventionskurs? Woran merke ich, dass es mal wieder Zeit wird, intensiv über die eigenen Lebensziele nachzudenken?“

Ich erläuterte ihm, dass es da kein allgemeingültiges Rezept gebe. Mit Bestimmtheit ist eine länger anhaltende berufliche Unzufriedenheit oder Überlastung, die auch mit allen möglichen körperlichen oder psychischen Begleiterscheinungen einhergehen kann, ein ganz klare Indikation für eine Neuorientierung. Belastende, schwierige oder sich stark verändernde familiäre Situationen können ebenfalls einen Impuls zur Reflexion der eigenen Werte und Ziele auslösen. Ebenso können auch Situationen, in denen lang erstrebte und erarbeitete Ziele Wirklichkeit werden, zu neuen Überlegungen auffordern. Mit sich selbst lässt sich das manchmal nicht regeln. Die Wahrheit, die einem hilft, kann man sich bekanntlich nicht selbst sagen. Daher fragen Menschen in solchen Lebenssituationen Familienangehörige oder Freunde, die ein offenes Ohr hierfür haben. Sie unternehmen eine Reise ins Unbekannte und ins Risiko. Fremde Orte, Menschen, Sitten und das Gefühl des „Unbehaustseins“ können dazu einladen, die eigenen Lebensprämissen auf den Prüfstand zu stellen. Für manche sind ein paar Tage Kloster oder die Konsultation eines Geistlichen hilfreich.

Wem das nicht hilft oder für wen das nicht infrage kommt, der sucht sich Seminare, die sich mit den Themenkreisen Zeit- und Selbstmanagement, Work-Life Balance und Gesundheit im Arztberuf beschäftigen. Hier gibt es oft schon wertvolle Impulse für die Klärung von Lebensfragen. Eine weitere Möglichkeit ist eine professionelle Beratung oder ein Coaching – nicht nur in kritischen Situationen, sondern von Zeit zu Zeit, um Abstand und Orientierung zu bekommen. Coaching ermöglicht ein bewusstes Heraustreten aus der Dynamik des Alltags, um Bewegung in offene Fragen zu bringen. Mit einer Mischung aus mobilisierenden Fragen, der Vermittlung von neuem Handwerkszeug, Perspektivwechsel und Anregungen zur Selbsthilfe werden für konkrete Fragestellungen auch konkrete und tragfähige Antworten erarbeitet.

Dr. Frank jedenfalls hat in einem Gespräch Ideen und Visionen für seine berufliche Zukunft entwickelt: Er will kein Alleinkämpfer sein und will sich mit einem Kollegen zusammenschließen. Er möchte in erster Linie Arzt für den Patienten sein, nicht nur ein effizienter ärztlicher Dienstleister. Er wird einen Stammtisch mit niedergelassenen Fachkollegen initiieren. Und er hat beschlossen, sehr viel Wert auf ein gut strukturiertes Patientenmanagement in der neuen Praxis zu legen.

Torsten Klatt-Braxein

E-Mail: info@torsten-klatt.com

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