ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Von schräg unten: Junger Mann

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Junger Mann

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): [108]

Böhmeke, Thomas

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Auch unsereins muss sich gelegentlich Aufgaben des Haushalts widmen, die nichts mit betriebswirtschaftlichen Auswertungen zu tun haben. Ich stehe am Ende einer langen Reihe von Kunden vor der Supermarktkasse, als sich hinter mir eine ältere Dame in besagte Schlange einfädelt. „Junger Mann, lassen Sie mich nach vorne!“ Im Grunde bin ich ein höflicher Mensch und würde dem geäußerten Wunsch umgehend nachkommen, aber die Bezeichnung „junger Mann“ in Bezug auf meine Person kann ich schon seit längerem nicht mehr leiden. Schließlich haben gefühlte hundert Jahre in der Gesundheitsversorgung unseres schönen Landes tiefe Falten an prekären Stellen meines Gesichts hinterlassen, unzählige Nachtdienste Furchen eingegraben.

„Junger Mann!“ Auch die Tatsache, dass ich mich viele Jahre im Haareausraufen geübt habe, kann man als Nichtmediziner angesichts meines überaus spärlichen Kopfschmucks zweifelsfrei diagnostizieren. Ich möchte, da längst in der zweiten Hälfte des Lebensjahrhunderts angekommen, wenigstens entsprechend meines klar erkennbaren fortgeschrittenen Alters mit Anstand behandelt werden. „Lassen Sie mich nach vorne!“ Auch ich habe schon viel zu viele Geburtstage erlebt und bin im Zeitalter der fortschreitenden Gebrechlichkeit angelangt, wo die Schärfe der Sehkraft abnimmt und die Schärfe des degenerativ bedingten Gelenkschmerzes zunimmt.

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„Junger Mann!“ Diese Bezeichnung untergräbt meine in jahrzehntelanger mühseliger Arbeit angehäufte medizinische Kompetenz, schwingt darin doch die Unerfahrenheit und Unberechenbarkeit Minderjähriger mit, die Medizin mit Methamphetamin verwechseln. Nein, damit kann ich mich keinesfalls identifizieren, ich bin stolz darauf, dass die Zeichen äußerlicher Verwitterung auch ein Ausweis für eine lange berufliche Erfahrung sind. „Hören Sie schlecht? Lassen Sie mich endlich nach vorne!“ Ja, auch der Hörsinn lässt zunehmend zu wünschen übrig, wie es bei Älteren bedauernswerterweise häufiger auftritt. Der Wortführerin müsste eigentlich der immanente Widerspruch ihres eben vorgetragenen Wunsches auffallen.

„Sie da, junger Mann!“ Es reicht. Ich kann nicht anders, ich muss Paroli bieten. Freundlich erläutere ich der Dame, dass mein vermeintlich jugendliches Aussehen den extensiven Bemühungen versierter Chirurgen der ästhetischen Fachrichtung geschuldet ist, einschließlich regelmäßiger Botox-Applikationen, ich aber in Wirklichkeit ihre Anzahl an Lebensjahren längst überholt hätte. Und daher keine Veranlassung sehe, ihr das Recht der Älteren auf einen Bypass vor der Supermarktkasse einzuräumen. „Lassen Sie mich nach vorne!“ Bitte verzeihen Sie mir, dass ich in dieser Situation zu meinem allerletzten, Ruhe stiftenden Argument greife, das mein Gegenüber in wortloser Verblüffung zurücklässt: Alle Schönheitsoperationen wurden von meiner gesetzlichen Krankenkasse bezahlt!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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