ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Langzeitarbeitslose: Zurück in die Zukunft

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Langzeitarbeitslose: Zurück in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2324 / B-2010 / C-1974

Korzilius, Heike

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Warten auf eine zweite Chance: In Deutschland leben zurzeit knapp eine Million Langzeitarbeitslose von Arbeitslosengeld II (Hartz IV). Foto: Keystone
Warten auf eine zweite Chance: In Deutschland leben zurzeit knapp eine Million Langzeitarbeitslose von Arbeitslosengeld II (Hartz IV). Foto: Keystone

Wieder selbstbestimmt am (Erwerbs-)Leben teilnehmen – für viele Hartz-IV-Bezieher bleibt dieses Ziel unerreichbar. Denn psychische Belastungen und Arbeitslosigkeit beeinflussen sich gegenseitig.

Anja B.* arbeitet wieder, zwar „nur“ Teilzeit, auf 400-Euro-Basis. Aber die Arbeit tut ihr gut. „Die Kolleginnen sind nett. Und das Arbeiten lenkt mich von meinen Problemen ab“, sagt die 39-jährige Verkäuferin. Davon hat Anja B. reichlich. Sie hat früh zwei Kinder bekommen, war jahrelang nicht berufstätig, weil der Ehemann das so wollte. Der trank und hat sie misshandelt. Sie hat Jahre gebraucht, um sich von ihm zu trennen, und ist darüber psychisch krank geworden.

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Lebensläufe wie der von Anja B. sind für die Fallmanager bei der ARGE Mayen-Koblenz nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist höchstens, dass Anja B. wieder arbeitet. Denn häufig brächten gute und teuere Maßnahmen zur Wiedereingliederung in den Beruf nicht den gewünschten Erfolg, erklärt Rolf Koch, Geschäftsführer der ARGE Mayen-Koblenz. Zu dieser Arbeitsgemeinschaft haben sich im Zuge der Hartz-IV-Reformen im Jahr 2005 die Agenturen für Arbeit und der Landkreis zusammengeschlossen, um diejenigen Menschen bei der beruflichen Integration zu unterstützen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Einen Grund für die Vermittlungsprobleme sieht Koch darin, dass die ARGE viele Menschen mit psychischen Belastungen betreut.

Dem Geschäftsführer war schnell klar, dass man einen neuen Ansatz brauchte, der Aspekte der Gesund­heits­förder­ung und der Arbeitsmarktintegration kombiniert. Denn, so die Ausgangsthese, psychische Beeinträchtigungen und Arbeitslosigkeit beeinflussen sich gegenseitig. Mit dem Institut für Resilienz und Recovery (IRR) in Koblenz fand man einen Kooperationspartner, der psychologischen und psychiatrischen Sachverstand in die Arbeit mit Hartz-IV-Beziehern einbringen konnte. Eine erste positive Bilanz ihrer inzwischen zweijährigen Zusammenarbeit zogen die Projektpartner Anfang November in Vallendar.

Nach dem Motivations-Volitions- Belastungsfähigkeits-Konzept (MVB) versuchen Fallmanager der ARGE, Klienten zu einem ausführlichen Gespräch mit einem Psychologen („Coach“) des IRR zu motivieren, wenn klassische Qualifizierungsmaßnahmen wie Bewerbungstrainings nicht weiterhelfen. Erörtert werden in diesem ersten Gespräch sowohl erwerbsrelevante Themen als auch für die Gesund­heits­förder­ung wichtige private Aspekte. Ausgehend von dem MVB-Bericht suchen Coach, Klient und Fallmanager dann nach pragmatischen Interventionsmöglichkeiten. Außerdem haben die Klienten die Möglichkeit, an Einzel- und Gruppencoachings teilzunehmen. Neu ist bei dem Konzept aus Sicht des IRR der umfassende Ansatz: Nicht die Förderung erwerbsrelevanter Fähigkeiten steht im Vordergrund, sondern Empowerment (Selbstermächtigung) und Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit angesichts von Problemen).

Anja B. hat davon profitiert. Sie nimmt am Gruppencoaching von IRR-Mitarbeiterin Erika Sander teil und betreibt inzwischen mit drei weiteren Mitgliedern den Aufbau einer Selbsthilfegruppe, darunter Sabine S.* (41). Sie sagt: „Das Coaching ist eine ganz tolle Sache. Das kann ich nur jedem empfehlen.“ Wichtig sind für Sabine S. die therapeutische Unterstützung und „diese positive Einstellung, dass es weitergeht“, nicht mehr allein zu sein mit den Problemen.

„Was wir hier anbieten, ist eine Art psychischer Selbstverteidigungskurs“, erklärt Therapeutin Sander. Das Coaching ziele in erster Linie darauf ab, die Resilienzfähigkeit und das Selbstwertgefühl der Teilnehmer zu stärken. „Wenn es den Klienten nicht gelingt, ihre Opferrolle zu verlassen, gibt es keine Weiterentwicklung. Sie werden dann auch keine Verantwortung übernehmen können“, so Sander. Im Idealfall beginne die Gruppe irgendwann, sich selbst zu coachen, eigene Kompetenzen zu erkennen und weiterzugeben. Die Therapeutin hat die Gründung der Selbsthilfegruppe gefördert und unterstützt. „Eine solche Gruppe kann auch dabei helfen, Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken“. Denn die Vermittlung psychisch kranker Klienten in ambulante Einrichtungen gestalte sich äußerst schwierig.

Das Konzept hat auch das rheinland-pfälzische Ge­sund­heits­mi­nis­terium überzeugt, das neben dem Europäischen Sozialfonds und der ARGE Mayen-Koblenz das Projekt finanziert. „Der Gesundheitszustand ist einer der wichtigsten Indikatoren für eine Rückkehr auf den Arbeitsmarkt“, betont Ministeriumsvertreterin Roswitha Augel in Vallendar. Angesichts der Sparvorgaben der Bundesregierung gibt es Finanzzusagen zurzeit nur für das nächste Jahr. ARGE-Geschäftsführer Koch will jetzt mit den Krankenkassen über eine Kostenbeteiligung bei der Behandlung psychisch kranker Klienten verhandeln.

Heike Korzilius

*Namen von der Redaktion geändert

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