ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010HIV-Infektion: Die Antwort auf die Pandemie muss neu konzipiert werden

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HIV-Infektion: Die Antwort auf die Pandemie muss neu konzipiert werden

Dtsch Arztebl 2010; 107(47): A-2330 / B-2015 / C-1980

Piot, Peter

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Zum Weltaidstag veröffentlicht das „aids2031 Consortium“, ein Zusammenschluss von 500 internationalen HIV-Experten und Meinungsbildnern, einen dringenden Maßnahmenkatalog zur Eindämmung der Epidemie. Das Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht vorab exklusiv Auszüge aus „AIDS: Taking a Long-Term View“.

Die Welt befindet sich am Scheideweg in der sich weiter entfaltenden Geschichte von Aids. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre mit HIV wurde vieles erreicht: wissenschaftliche Durchbrüche, eine beispiellose globale finanzielle Unterstützung und ein neues Modell für Menschenrechte und öffentliche Gesundheitspolitik. Viel wichtiger ist jedoch, dass Millionen von Menschenleben gerettet wurden. Trotz dieser Erfolge verlieren wir in diesem Kampf an Boden:

AIDS: Taking a Long-Term View; The aids2031 Consortium, 224 Seiten, Verlag: Finan cial Times Science Press, Print ISBN-10: 0-13- 217259-3 Print ISBN-13: 978-0-13-217259-2, 34,99 USD
AIDS: Taking a Long-Term View; The aids2031 Consortium, 224 Seiten, Verlag: Finan cial Times Science Press, Print ISBN-10: 0-13- 217259-3 Print ISBN-13: 978-0-13-217259-2, 34,99 USD
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Die Antwort auf die Pandemie hinkt der Infektionskurve hinterher. Täglich infizieren sich 7 000 Personen neu mit HIV – das ist mehr als die doppelte Zahl von Menschen, die jeden Tag eine antiretrovirale Therapie beginnen.

Dennoch: wir haben die Fähigkeit, die Pandemie in den Griff zu bekommen – mit mehr und besserer Wissenschaft, intelligenteren politischen Maßnahmen, effizienteren und effektiveren Programmen, angemessener Finanzierung und Strategien zur Behebung von toten Winkeln in unseren bestehenden Bemühungen. Schwierige Entscheidungen müssen gefällt werden, um langfristig eine drastische Reduzierung von Aids zu erzielen.

In den kommenden Jahren werden die sich verändernden sozialen, politischen, technologischen und ökonomischen Verhältnisse die Pandemie und unsere Bemühungen um eine Antwort weiterhin beeinflussen. Einige Veränderungen können große Herausforderungen schaffen. Die weitere Globalisierung und anhaltende Klimaveränderung werden vermutlich die Migrationsbewegungen erhöhen – und somit die Ausbreitung der Krankheit. In einigen Regionen – darunter auch die reichsten Länder der Welt – ist ein Wiederaufleben des Risikoverhaltens ersichtlich; und neue Kombinationen von Risikofaktoren treten in einigen Dritte-Welt- und Schwellenländern auf.

Der Fortschritt in der Bekämpfung von sexueller oder geschlechtsabhängiger Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung, die Frauen und Mädchen einer unverhältnismäßig hohen Infektionsgefahr aussetzen, bleibt ungenügend. Politische Instabilität und wirtschaftliche Zusammenbrüche können zusätzlichen Druck schaffen und die Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie aus dem Augenmerk der Öffentlichkeit rücken.

Peter Piot, Direktor des „Institute for Global Health“ am Imperial College in London, war von 1996 bis 2008 Direktor von UNAIDS. Am 9. Oktober war er Gast einer Diskussionsrunde beim Deutschen Ärzteblatt in Berlin. Foto: Steffen Kugler
Peter Piot, Direktor des „Institute for Global Health“ am Imperial College in London, war von 1996 bis 2008 Direktor von UNAIDS. Am 9. Oktober war er Gast einer Diskussionsrunde beim Deutschen Ärzteblatt in Berlin. Foto: Steffen Kugler

Eine geschätzte Weltbevölkerung von mehr als acht Milliarden Menschen im Jahr 2031 wird die Gesundheitsfinanzierung in zunehmenden Maß belasten. Das Bevölkerungswachstum wird zudem beträchtlich zur künftigen Zahl von HIV-infizierten Menschen beitragen, selbst wenn die Übertragungsrate abnimmt.

Visionen für die Zukunft

Selbstverständlich besteht die Chance einer gänzlich anderen Entwicklung – die Entdeckung eines wirksamen Impfstoffs oder sogar eines Heilmittels für die HIV-Infektion. Ohne diese beiden werden wir jedoch wahrscheinlich nie in der Lage sein, Aids zu eliminieren. Doch mit neu entworfenen Strategien zur Optimierung von gegenwärtig verfügbaren Mitteln und zur Unterstützung der Einführung von neuen Mitteln ist es möglich, die Zahl der HIV-Neuinfektionen zu reduzieren.

  • Neues Wissen muss kontinuierlich generiert und in der biomedizinischen Forschung ebenso angewandt werden wie in konsequenteren, feldbasierten Auswertungen und Studien. Die Forschung muss sich auf Wirksamkeit und Wirkungskraft konzentrieren. Wir müssen Veränderungen im Auge behalten und Strategien, Programme und Richtlinien anpassen, damit sie für die sich kontinuierlich entwickelnden Epidemien relevant bleiben.
  • Entscheidungsträger müssen von Lippenbekenntnissen zu sinnvollen Maßnahmen zur HIV-Prävention übergehen und diese als Hauptstütze einer nachhaltigen Reaktion priorisieren. Eine kühne Führung ist erforderlich, um Richtlinien und Praktiken zu vermeiden, die Gruppen oder Personen mit hohem Infektionsrisiko stigmatisieren oder ausgrenzen. Präventionsbemühungen sollten spezifischer auf die Bevölkerungen und Umgebungen ausgerichtet sein, wo sie am meisten benötigt werden.
  • In Südafrika ist weiterhin eine außergewöhnliche Antwort auf die HIV-Infektion notwendig. Politische Führung und Rechenschaftspflicht sind unbedingt erforderlich, um die sozialen Antriebsfaktoren der HIV-Übertragung in den Griff zu bekommen. Eine kompromisslose Präventionskampagne ist notwendig; sie sollte gezielte Strategien für junge Frauen und ausgegrenzte Gruppen wie Gastarbeiter, Homosexuelle und injizierende Drogenkonsumenten umfassen.
  • aids2031 schlägt einen Mindestrechtsrahmen für alle Länder vor, der Folgendes umfasst: Entkriminalisierung des HIV-Status, sexueller Beziehungen und Praktiken zwischen Gleichgeschlechtlichen; Entfernung von Barrieren für die Bereitstellung von schadensbegrenzenden Diensten für injizierende Drogenkonsumenten; Entstigmatisierung und Gleichberechtigung von HIV-Infizierten sowie Gleichheit vor dem Gesetz für Männer und Frauen.
  • Zusätzliche Schritte müssen unternommen werden, um Behandlungsmethoden zu verbessern und ihre Verfügbarkeit für alle von HIV betroffenen Menschen sicherzustellen. Historische Erfolge bei der Erweiterung des Behandlungszugangs dürfen uns nicht blind gegenüber der Realität machen, dass das gegenwärtige Behandlungsmodell untragbar ist. Trotz signifikanter Preisrückgänge bei Arzneimitteln sind standardmäßige antiretrovirale Behandlungsmethoden weiterhin zu teuer und komplex, um eine lebenslange Therapie für mehrere zehn Millionen Personen selbst unter den ressourcensparendsten Bedingungen zu realisieren.
  • Während Ressourcen weiter mobilisiert werden, wird die Verbesserung der Effizienz kritisch dafür sein, mehr Menschen mit den notwendigen Präventions- und Behandlungsdiensten zu erreichen. Synergien zwischen Prävention und Behandlung müssen maximiert werden.
  • Nichts ist wichtiger als gute Führung. Seit langem kritisieren Aidsexperten Zwangsgesetze und -richtlinien, die eine zweckdienliche Antwort auf die Epidemie behindern; sie verlangen, dass diejenigen Zielgruppen finanziert werden, die die Dienste am meisten brauchen. Führende Politiker, die sich Zwangsrichtlinien zu eigen machen oder Bevölkerungen mit dem höchsten Risiko ignorieren, sind nur selten zur Rechenschaft gezogen worden. Das muss sich ändern. Internationale Einrichtungen, zivile Gesellschaftsgruppen, die Medien und andere Interessenvertreter müssen mit größerer Bereitschaft diejenigen kritisieren, die wirksame Maßnahmen gegen Aids untergraben oder behindern.

Strukturierte Überprüfungen von nationalen und subnationalen Plänen müssen implementiert werden, um den Fortschritt von langfristigen Strategien, Plänen und Budgets zu überwachen. Geldgeber sollten ihre Investitionen in unabhängige zivilgesellschaftliche Kontrollinstanzen beträchtlich erhöhen, um Regierungen und andere wichtige Interessenvertreter zu überwachen. Langfristige Veränderungen erfordern ausreichend verlässliche Budgetrahmen von zehn bis 20 Jahren.

  • . . . die langfristigen Implikationen unserer Entscheidungen bedürfen einer ständigen Abwägung . . . die Entscheidungen, die zu treffen sind, werden manchmal politisch nicht beliebt sein; vor allem, weil ihr Erfolg nicht sofort zu erkennen ist . . .
  • Vieles muss noch erreicht werden, bevor künftige Generationen in einer Welt leben können, in der die Bedrohung durch Aids überwunden wurde. Soziale Veränderungen gehen weder schnell noch leicht vonstatten. HIV-infizierte Bevölkerungsgruppen können viel zu diesen Bemühungen beitragen; die jüngere Generation hat ein soziales Bewusstsein und sucht nach Möglichkeiten und Inspiration.

Zwischen der globalen Antwort auf Aids und den Antworten auf andere Krankheiten bestehen positiven Synergien. Die Globalisierung generierte auch neue Möglichkeiten für Kommunikation, technische Entwicklung und unterstützende Interaktionen zur Bildung von neuen Koalitionen.

Selbstzufriedenheit und Verneinung sind die Feinde von langfristigem Erfolg. Wenn wir die Pandemie bis 2031 verwandeln wollen, muss Aids in der globalen Agenda weiterhin ganz oben stehen.

Prof. Peter Piot für das aids2031 Consortium

Konventionelle Weisheit infrage stellen

aids2031 ist ein unabhängiges Konsortium von Partnern, die Erfahrung in der Aidsforschung, der Politikgestaltung sowie der Entwicklung und Durchführung von Programmen haben, ebenso wie Sachkenntnis und Perspektiven in verschiedenen Bereichen, wie Wirtschaft, Biomedizin, Sozialwissenschaften, internationale Entwicklung und Gemeinschaftsaktivismus.

Das Mandat des Konsortiums bestand darin, konventionelle Weisheit infrage zu stellen, neue Forschungen anzuregen, öffentliche Diskussionen zu entfachen sowie soziale und politische Trends bezüglich Aids zu untersuchen. Von UNAIDS im Jahr 2007 ins Leben gerufen, bestand der Auftrag des Konsortiums darin, neue Denkanstöße bezüglich des Dilemmas einer Pandemie zu liefern, die trotz beträchtlicher Investitionen und Bemühungen zu ihrer Eindämmung weiter wächst. Sein Fokus war darauf gerichtet, sich anzusehen, was jetzt anders getan werden sollte, um die Anzahl von Infektionen und Todesfällen bis 2031 drastisch zu reduzieren – dem Jahr, das den 50. Jahrestag der ersten Aidsmeldung markiert.

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