ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2010Medizinstudium: Neue Fakultät in Oldenburg
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Der Wissenschaftsrat hat dem Konzept der „European Medical School Oldenburg-Groningen“ zugestimmt. Die Studenten können dort entweder mit dem deutschen Staatsexamen oder einem niederländischen Master abschließen.

Ein Dammbruch ist es für die einen, ein zukunftsweisender Weg in die ärztliche Ausbildung für die anderen: Erstmalig in Deutschland können Studierende eine Medizinerausbildung mit einem niederländischen Bachelor- und Masterabschluss und einem deutschen Staatsexamen absolvieren – wenn auch zunächst nur zur Probe. Grünes Licht „auf Zeit“ gab der Wissenschaftsrat (WR) dem Gründungskonzept der „European Medical School Oldenburg-Groningen“ nach monatelangen Beratungen schließlich auf seiner Herbstsitzung Mitte November. Es sei grundsätzlich überzeugend und für die standortspezifische Ausgangssituation förderlich, heißt es in der Stellungnahme des Rates.

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Bachelorabschluss möglich

Dies liest sich leicht, doch der Weg zu der Entscheidung des Wissenschaftsrats, die bereits im Sommer erwartet worden war, war steinig: ,„Ein schwieriger interner Austauschprozess auf Bundes- und Landesebene ist ihr in der Tat vorausgegangen“, räumte Prof. Dr. Peter Strohschneider, WR-Vorsitzender, ein. Knackpunkt der Auseinandersetzungen waren die geplanten Bachelor-/Masterabschlüsse, die es erstmals für die Medizin in Deutschland geben sollte. Gegen diese hatte sich unter anderem das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gestellt. Nun hat man sich auf einen Kompromiss geeinigt: Studierende erhalten am Ende des sechsjährigen Studiums die Möglichkeit, entweder mit einem niederländischen Master of Science in Geneeskunde oder mit dem in Deutschland üblichen Staatsexamen abzuschließen. Dagegen habe das Ministerium offensichtlich nichts, betonte Strohschneider. Beide Abschlüsse befähigten nach europarechtlichen Anerkennungsrichtlinien zur Ausübung der ärztlichen Tätigkeit in allen Staaten der Europäischen Union (EU). „Der Ärzteschaft wird offenbar auch gerade bewusst, dass es ein Europarecht gibt“, sagte Strohschneider. Der an der European Medical School außerdem nach drei Jahren Studium angebotene Bachelor of Science soll dem Rat zufolge nur für medizinnahe Berufsbereiche qualifizieren, nicht jedoch für die ärztliche Tätigkeit. Er trage dazu bei, neue Möglichkeiten zur inhaltlichen und zeitlichen Flexibilisierung der deutschen Medizinerausbildung zu erproben.

Konkret sieht das Konzept den Aufbau eines neuen medizinischen Standorts an der Universität Oldenburg unter Einbeziehung von drei Oldenburger Krankenhäusern als Lehrkrankenhäuser sowie eine enge Kooperation mit der Nachbaruniversität in Groningen vor (siehe Kasten). Erprobt werden sollen vor allem neue Wege in der medizinischen Lehre, die in Groningen bereits seit mehreren Jahren erfolgreich umgesetzt werden. „Das in den Niederlanden etablierte problemorientierte und kompetenzbasierte Lernen, in dem von Beginn an die Patienten im Zentrum stehen und gleichzeitig wissenschaftliches Arbeiten trainiert wird, bietet wichtige Impulse für die hochschulmedizinische Ausbildung in Deutschland“, erläuterte Strohschneider.

Kritik der BÄK

Trotzdem kann sich die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) für dieses Modell nicht erwärmen: „Eine modulare Ausbildung Bachelor/Master ebnet den Weg zu Medizinschulen, die der bisherigen Qualität der deutschen Hochschulausbildung nicht entsprechen können“, kritisierte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Die Aufteilung in ein zweistufiges Studiensystem fuße auf dem Verständnis, dass man ein berufsfeldbezogenes und ein wissenschaftliches Studium nacheinander absolvieren könne. Dies konterkariere die deutsche Approbationsordnung, deren Ziel es sei, vom ersten bis zum letzten Semester eine tiefgreifende Verzahnung von theoretischen Grundlagen und klinischer Anwendung zu erreichen.

Was die klinischen Inhalte angeht, hat auch der Wissenschaftsrat noch seine Bedenken. Nicht in allen für die Lehre erforderlichen medizinischen Bereichen sei eine ausreichende wissenschaftliche Expertise ersichtlich. Deshalb knüpft er sein positives Votum an einige Bedingungen: So müsse der personelle Aufbau einzelner Fächer verbessert werden. Betroffen seien vor allem die Mikrobiologie/Virologie, Pharmakologie/Toxikologie sowie die Infektiologie/Immunologie. Auch der Planungsstand zur Gründung eines rechtlich selbstständigen Universitätsklinikums sei ebenso wie die Aufbaufinanzierung „unzureichend“. Ausdrücklich behält sich der WR daher vor, nach einer „Erprobungsphase“ den Aufbau der Universitätsmedizin in Oldenburg im Jahr 2017 zu begutachten. Er betont, dass das Konzept „keinen verallgemeinbaren Modellcharakter für die Universitätsmedizin in Deutschland“ besitze, sondern lediglich in einem standortspezifischen Kontext verstanden werden könne.

Doch trotz der Kritikpunkte im Gutachten des Wissenschaftsrats: Für die Initiatoren ist das Votum zunächst einmal ein Riesenerfolg. Die Entscheidung habe man in Oldenburg überaus positiv aufgenommen, teilte Prof. Dr. med. Hans-Rudolf Raab, Klinikum Oldenburg, mit. „Wir sehen den Durchbruch für eine neue Form des Medizinstudiums“, sagt der chirurgische Chefarzt. Dabei geht es ihm aber nicht um die Frage nach dem Abschluss, sondern darum, gute Ärztinnen und Ärzte auszubilden. „Für uns sind nicht die formalen Fragen entscheidend, sondern der Inhalt des Studiums“, stellt Raab klar.

Das Studium in Oldenburg soll praxisnah sein – ohne Trennung von Klinik und Vorklinik. Formal handelt es sich um einen Modellstudiengang. Die Ausbildung werde verstärkt auch im ambulanten Bereich stattfinden, kündigt Raab an. Denn hier finde ein Großteil der Versorgung statt. „Die Studenten sollen sehen, dass die Arbeit als Hausarzt Freude machen kann“, sagt er. Auch Soft Skills und geisteswissenschaftliche Aspekte sollen Bestandteile sein. Zugleich erhalten die Studierenden eine fundierte medizinisch-wissenschaftliche Ausbildung. Auch wenn sie sich für das Staatsexamen entscheiden, müssen sie zwei wissenschaftliche Arbeiten verfassen – analog der Bachelor- und Masterarbeit in den Niederlanden. „Die Studenten sollen vor allem lernen, kritisch mit Quellen umzugehen“, erläutert Raab.

Doch auch wenn Raab die Bedeutung der Inhalte betont. Das Konzept erhitzt die Gemüter vor allem wegen seiner Struktur. So warnte die Ärztekammer Westfalen-Lippe mit Blick auf den Bachelorabschluss davor, dass ein „medizinisches Schnellstudium zu Qualitätsverlusten in der Versorgung führe“. Der Bachelor dürfe keine ärztliche Tätigkeit ermöglichen. Kammerpräsident Dr. med. Theodor Windhorst bezeichnete das Votum des WR als einen „extrem großen Schritt in die total falsche Richtung“.

Aus Raabs Sicht ist die Sorge vor Qualitätsverlusten unbegründet. Ein Bachelor sei für den Arztberuf nicht ausreichend, denn die Anforderungen der entsprechenden EU-Richtlinie würden nicht erfüllt. Ein wichtiger Punkt an dem Konzept ist für Raab die europäische Vernetzung. „Das Neue ist, dass wir das erste wirklich binationale Medizinstudium in Europa aus der Taufe heben“, sagt er. Ein Drittel des Studiums absolvieren die Oldenburger in Groningen und umgekehrt. Somit werden auch Sprach- und Kulturkenntnisse vermittelt.

Der neue Studiengang hat aber nicht nur Bedeutung für den europäischen Hochschulraum, sondern auch für die ländlich geprägte Region rund um Oldenburg. „Der Nordwesten ist ein weißer Fleck auf der Landkarte der Hochschulmedizin“, erläutert Raab. Insofern sei es richtig, hier eine neue medizinische Fakultät zu schaffen. Im Übrigen erfülle der Standort Oldenburg klinisch bereits die Aufgaben, die andernorts Universitätskliniken hätten.

In Oldenburg geht nun die Arbeit erst richtig los. Die Punkte, die der Wissenschaftsrat bemängelt habe, würden jetzt genau analysiert, teilt Raab mit. Auch bei der Finanzierung müsse man noch einmal mit spitzer Feder rechnen. Die Unterstützung durch die Politik auf Landesebene scheint dabei sicher zu sein. Ministerpräsident David McAllister (CDU) hatte bereits angekündigt, Niedersachsen gehe neue Wege in der Medizinerausbildung. „Das ist aktive Vorsorge gegen Ärztemangel und eine vorausschauende Investition in unsere künftige Gesundheitsversorgung“, sagte er.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Die European Medical School

Die „European Medical School Oldenburg-Groningen“ ist eine deutsch-niederländische Kooperation. Spätestens ab dem Wintersemester 2012/13 sollen an beiden Standorten je 40 Studierende zugelassen werden. In Groningen gibt es schon eine medizinische Fakultät, in Oldenburg nicht.

Die European Medical School bietet drei Abschlüsse an: den niederländischen „Bachelor of Human Life Sciences“ und den „Master of Science in Geneeskunde“. Die Studierenden können zudem das deutsche Staatsexamen für Humanmedizin ablegen. Für welchen Abschluss sie sich entscheiden, ist ihnen freigestellt. Ein Doppelabschluss ist möglich. Sowohl der Master als auch das Staatsexamen qualifizieren für eine ärztliche Tätigkeit in der EU.

Das Studium in Oldenburg wird die Anforderungen der deutschen Approbationsordnung für Ärzte erfüllen. Es fällt unter die Experimentierklausel für Modellstudiengänge, so dass das Physikum entfällt. Die Vergabe eines deutschen Bachelor und Master durch die Universität Oldenburg ist nicht vorgesehen. BH

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