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LNSLNS AIDS-Bekämpfung
Nationale
Unterschiede
Monika Steffen: The Fight Against AIDS. An international policy comparison be-tween four European countries: France, Great Britain, Germany and Italy, Presses Universitaires de Grenoble, Grenoble Cedex 9, 1996, 176 Seiten, kartoniert, 170 FF
Die AIDS-Pandemie hat die Staaten der Welt unterschiedlich hart getroffen. In den vier von der Autorin verglichenen europäischen Staaten stehen Großbritannien und Deutschland heute am besten da. Hier kam es zwischen Ende 1987 bis Ende September 1995 "nur" zu einer Verzehnfachung der AIDS-Fälle. In Frankreich stieg die Prävalenz dagegen um den Faktor 14, in Italien sogar um den Faktor 25. Große Unterschiede bestehen vor allem auch in den Risikogruppen. So kam es in Italien zu einer starken Ausbreitung unter den Drogenabhängigen. Auf sie entfielen zeitweise 65 Prozent aller AIDS-Erkrankungen. Dagegen sind in Deutschland und Großbritannien die homo- und bisexuellen Männer die hauptsächlichen Opfer der Epidemie.
Doch worauf sind die Unterschiede zurückzuführen? Einfache Antworten hat Monika Steffen nicht zu bieten. Nach der Lektüre des Buches hat man eher den Eindruck, daß nationale Besonderheiten einen größeren Einfluß auf die AIDS-Epidemie hatten als allgemein präventive Maßnahmen. So wurde in Frankreich als erstem der vier Länder der obligatorische AIDS-Test eingeführt. Die Zahl der iatrogenen Infektionen ist dennoch höher als etwa in Italien. Der Grund: In Frankreich ist Blutspenden ein Akt der Solidarität. Dies schloß vor der Einführung des Tests aus, den "patriotischen" Blutspendern Fragen nach Lebensstil und Gesundheitszustand zu stellen. In Frankreich wurde 1993 die Zahl der Infizierten auf 6 000 bis 8 000 geschätzt. Die Hälfte aller Hämophilen hatte sich angesteckt. In Italien hatte ein relativ liberales Drogengesetz von 1975, das die Eingliederung der Abhängigen in die Gesellschaft erleichtern sollte, zur Folge, daß die Zahl der Drogenkonsumenten zu Beginn der 80er Jahre höher war als in anderen europäischen Ländern. Außerdem war die gemeinsame Benutzung des Injektionsbestecks unter den italienischen Fixern ungleich populärer als in anderen Ländern. Hinzu kam, daß die Regierung das Problem erst spät erkannte. Ganz im Gegensatz zur britischen Regierung, die früh Programme zum Spritzentausch auflegte und sie auch wissenschaftlich auswerten ließ. Großbritannien profitierte nach Ansicht von Monika Steffen auch davon, daß die Drogenpolitik im Gegensatz zu Deutschland nicht in eine breite ethisch-moralische Diskussion hineingezogen wurde. Mit Erfolg: In Großbritannien hatten sich bis September 1995 nur 780 Personen (sechs Prozent der Drogenkonsumenten) infiziert. In Deutschland waren es 2 120 (13,6 Prozent).
Rüdiger Meyer, Hannover
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