ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2010Illegale Drogen und Drogensucht in Deutschland und Europa: Cannabiskonsum bleibt stabil

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Illegale Drogen und Drogensucht in Deutschland und Europa: Cannabiskonsum bleibt stabil

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2382 / B-2063 / C-2025

Bühring, Petra

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Die EU-Drogenbeobachtungsstelle gibt bekannt: Cannabis ist am weitesten verbreitet, der Heroinkonsum bleibt problematisch, der Kokainkonsum steigt. Gewarnt wird vor neuen synthetischen Drogen.

Cannabis ist weiterhin die am weitesten verbreitete illegale Droge in Europa – am häufigsten konsumiert von 15- bis 24-Jährigen. Das ist ein Ergebnis des Jahresberichts der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD), den die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), in diesem Jahr anstelle eines eigenen Drogenberichts 2009 vorstellte. Der Verzicht auf den alljährigen Drogenbericht wird von den Bundestagsfraktionen Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke im Übrigen als unverständlich kritisiert.

In Deutschland ist ein leicht rückläufiger Trend beim Cannabiskonsum zu beobachten. Die Drogenbeauftragte führt dies auf „erfolgreiche und vorbildliche Projekte im breitausgebauten Drogen- und Suchthilfesystem“ zurück. Dem gegenüber steht jedoch die Anzahl der intensiven Cannabiskonsumenten, die offensichtlich unverändert bleibt. Besonders problematisch ist der hohe Anteil vor allem männlicher Jugendlicher, die regelmäßig Cannabis konsumieren. Dyckmans will diese Gruppe deshalb gezielt in den Blick ihrer Präventionsanstrengungen nehmen.

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Auf die „sehr gefährliche Mischung“ von Cannabis und Alkohol, wies Dr. Tim Pfeiffer-Gerschel, Leiter der Deutschen Referenzstelle für die EBDD am Institut für Therapieforschung in München, hin: 47 Prozent der 15-Jährigen konsumierten Cannabis zusammen mit Alkohol. Auch bei der Nachfrage ambulanter Behandlungsangebote sind Cannabiskonsumenten die zweitgrößte Gruppe, direkt nach den Konsumenten von Heroin. Letztere stellten zwar noch die größte Gruppe in Behandlung dar, der Trend sei jedoch rückläufig, betonte Pfeiffer-Gerschel. Nur noch fünf Prozent derjenigen, die sich erstmalig in Behandlung begäben, seien opiatabhängig.

Foto: Photothek
Foto: Photothek

Hoher Heroinkonsum in Russland und der Ukraine

In Europa insgesamt stelle der Heroinkonsum „nach wie vor ein schwerwiegendes Problem dar“, konstatierte Wolfgang Götz, Direktor der EBDD, Lissabon. 1,35 Millionen Menschen in Europa sind heroinabhängig – die Zahlen bleiben stabil. Besonders hoch ist der Heroinkonsum in der russischen Föderation und in der Ukraine. „Das Suchthilfesystem dort ist völlig unzureichend“, sagte Götz.

Der Kokainkonsum ist in mehreren Westeuropäischen Ländern stark gestiegen – vor allem in Großbritannien und Spanien. Jährlich würden circa 1 000 mit Kokain in Zusammenhang stehende Todesfälle in Europa gemeldet, berichtet die EBDD. Der Konsum in Deutschland dagegen ist vergleichsweise gering. Allerdings müsse bei Kokainkonsumenten von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen werden, sagte Pfeiffer-Gerschel. Probleme aufgrund des Konsums von Amphetaminen oder Ecstasy spielen unter Klienten, die erstmalig in einer ambulanten Beratungsstelle betreut werden, eine größere Rolle als Kokain. In den Ländern östlich und nördlich von Deutschland sind Amphetamine ebenfalls populärer als Kokain.

Die europäische Drogenbeobachtungsstelle warnt vor den Gefahren neuer synthetischer Drogen: 2009 seien 24 neue psychoaktive Substanzen in Europa identifiziert worden, unter anderem synthetische Cathinone, von denen Mephedron wegen seiner Verbreitung und der gesundheitlichen Gefahren in Deutschland und 17 anderen EU-Ländern seit Anfang des Jahres verboten und unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt wurde. Neue, bislang nicht verbotene synthetische Substanzen, die im Internet als „Legal Highs“ vertrieben würden, stellten eine weitere Herausforderung für die Kontrolle dar, betonte Götz. Dies sind Kräutermischungen, die mit synthetischen Cannabinoiden versetzt werden und dadurch eine psychoaktive Wirkung entfachen.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium warnt schließlich aktuell vor Ecstasy-Tabletten mit dem Wirkstoff Methoxyamphetamin und Paramethoxymethylamphetamin, die sich äußerlich nicht von anderen Ecstasy-Tabletten unterscheiden. „Die besondere Gefahr dieser Stoffe liegt in der verzögerten, etwa eine Stunde später einsetzenden Wirkung“, erklärte die Drogenbeauftragte. Weltweit und auch in Deutschland habe dies bereits zu Todesfällen geführt. Werde wegen der vermeintlich ausbleibenden Wirkung eine weitere Tablette genommen, könne dies zu Herzrhythmusstörungen, krampfartigen Anfällen, Atemlähmung bis hin zum Multiorganversagen führen.

Petra Bühring

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