ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2010Telemedizinstudie: Patientenauswahl ist wichtig

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Telemedizinstudie: Patientenauswahl ist wichtig

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2378 / B-2060 / C-2022

Krüger-Brand, Heike E.; Osterloh, Falk

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Die Studie zu dem weltweit beachteten Projekt „Partnership for the Heart“ ist nun beendet. Ihr Ergebnis: Einige Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz profitieren von einer telemedizinischen Betreuung. Aber nicht alle.

Von den telemedizinischen Anwendungen attestierten Experten bislang vor allem dem Telemonitoring von Herzinsuffizienzpatienten gute Aussichten für die Aufnahme in die Regelversorgung. Langzeitstudien, die die medizinische und wirtschaftliche Überlegenheit einer telemedizinischen Mitbetreuung gegenüber der Standardtherapie bei chronischer Herzinsuffizienz nachweisen konnten, gab es jedoch bislang kaum. Jetzt hat die seit Januar 2008 laufende Telemedizinstudie TIM-HF („Telemedical Interventional Monitoring in Heart Failure“), besser bekannt unter dem Projektnamen „Partnership for the Heart“, erste medizinische Ergebnisse vorgelegt, die die hohen Erwartungen bestätigen – wenn auch mit Einschränkungen (www.partnership-for-the-heart.de).

Foto: Bosch Healthcare
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„Die Gesamtsterblichkeit der telemedizinisch betreuten Patienten wurde nicht verringert“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité, Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, bei der Präsentation der Studienergebnisse in Berlin. „Aber wir wissen jetzt, welche Patienten von dieser Technologie profitieren.“ Bei Patienten, die bereits mit einer kardialen Dekompensation stationär behandelt wurden, deren Herzleistung nicht zu schwach war (NYHA II bis III, mit einer linksventrikulären Auswurfleistung von mindestens 25 und maximal 35 Prozent) und die keine Symptome einer Depression aufwiesen, habe die kardiovaskuläre Mortalität um 52 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe gesenkt werden können, berichtete Einhäupl. Zudem sei die Lebensqualität dieser Patienten signifikant gestiegen, und sie hätten seltener in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssen.

Auch die Politik ist mit den Ergebnissen der Studie zufrieden. „Das Projekt ist ein voller Erfolg“, erklärte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), dessen Haus „Partnership for the Heart“ mit sieben Millionen Euro gefördert hatte. Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz könnten dank der neuen Technologie in ihrer gewohnten Umgebung leben und müssten seltener ins Krankenhaus. „Das ist nicht nur gut für die Patienten, sondern auch für unser Gesundheitssystem“, sagte Brüderle. Allein die Verringerung von Kranken­haus­auf­enthalten könne den Kostenaufwand für Telemedizin kompensieren und darüber hinaus sogar Einsparungen ermöglichen.

Präzise Reaktion auf eine Zustandsverschlechterung

An der Studie waren 710 Patienten (337 im Raum Stuttgart und 373 in Berlin-Brandenburg) aus dem ländlichen und städtischen Raum eingeschlossen, die je zur Hälfte in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Die Kontrollgruppe wurde nach den medizinischen Leitlinien therapiert, während die Interventionsgruppe zusätzlich durch ein Telemedizinzentrum betreut wurde. Die Patienten übermittelten täglich EKG, Sauerstoffsättigung des Blutes, Blutdruckwerte, Gewicht und eine Selbsteinschätzung ihres gesundheitlichen Zustands. Die biometrischen Messwerte wurden weitgehend automatisiert mittels PDA (Personal Digital Assistant) übertragen und in einer elektronischen Patientenakte gespeichert, auf die das medizinische Personal in den telemedizinischen Zentren der Berliner Charité und des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart zugreifen konnten. Wenn sich die Werte verschlechterten, sprachen die Mitarbeiter mit den Patienten, passten gegebenenfalls die Medikation an, verständigten den Hausarzt oder riefen einen Notarzt. Über ein Hausnotrufsystem konnte der Patient zudem durch einen Knopfdruck eine Sprachverbindung mit dem Telemedizinischen Zentrum aufbauen.

Wenn auch nur ein bestimmter, genau umgrenzter Teil der Patienten von Telemedizin profitiere, mache dies doch immerhin fast die Hälfte (47 Prozent) der untersuchten Gesamtpopulation aus, erklärte Prof. Dr. med. Stefan Anker von der Charité und Leiter des Steering Committees von TMF-HF. Die genaue Definition dieser Gruppe müsse nun verfeinert und in einer weiteren Studie validiert werden. Die Geschwindigkeit und Präzision, mit der die Ärzte eine drohende Verschlechterung des Gesundheitszustands aufgrund der täglich übermittelten biometrischen Daten erkennen und darauf reagieren können, sowie die Verfügbarkeit der medizinischen Betreuung auch am Wochenende und in der Nacht zählen nach Meinung des Experten zu den großen Vorteilen der Überwachung per Telemonitoring.

Aufbau und Struktur des Telemedizinprojekts „Partnership for the Heart“ im Überblick
Aufbau und Struktur des Telemedizinprojekts „Partnership for the Heart“ im Überblick

Circa drei Milliarden Euro kostet die Behandlung herzinsuffizienter Patienten derzeit jährlich, davon entfallen 85 Prozent auf Krankenhausbehandlungen. Die gesundheitsökonomische Auswertung des Projekts soll erst im Frühjahr 2011 vorliegen. Fällt sie positiv aus, sind Selektivverträge überaus wahrscheinlich, vielleicht sogar die Übernahme des Projekts in die Regelversorgung. „Die genaue Eingrenzung einer bestimmten Personengruppe ist aus unserer Sicht ein ideales Ergebnis“, erklärte Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorsitzender der Barmer-GEK, die an dem Projekt beteiligt ist. „Jetzt können wir als Krankenkasse ganz gezielt ansetzen und Versorgungsverträge und -programme entsprechend passgenau zuschneiden und anbieten.“ Es bleibe jedoch noch abzuwarten, wie die gesundheitsökonomischen Ergebnisse aussehen. „Für uns als Einzelkasse enthält das Ergebnis allerdings einen klaren Handlungsauftrag: Wir müssen individualvertraglich voranschreiten und die telemedizinische Versorgung über Selektivverträge ausbauen“, sagte Schlenker. Im Rahmen existierender Verträge zur integrierten Versorgung bestünden bereits entsprechende Partnerschaften und Versorgungsketten.

Die Studie sei eine wesentliche Voraussetzung, um eine Finanzierung für Telemedizin im Rahmen der Regelversorgung beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss zu beantragen, heißt es darüber hinaus in einer Erklärung der Konsortialpartner Aipermon, Bosch, Intercomponentware, Charité und Robert-Bosch-Krankenhaus. An dem Projekt beteiligt waren zudem die Deutsche Telekom und neben der Barmer-GEK auch die Bosch BKK.

„Ärzte nicht ersetzen, sondern unterstützen“

Weltweit ist die in Deutschland durchgeführte randomisierte kontrollierte Studie hinsichtlich Methodik, Laufzeit und Patientenzahl einzigartig. „Das untermauert die Bedeutung der ermittelten Ergebnisse“, betonte Anker. „Die System- und Endgeräte waren mehr als zwei Jahre sicher im Einsatz“, erläuterte Dr. Ulrich Behner von Bosch Healthcare. Die Studie habe den Nachweis erbracht, dass Telemedizin technisch funktionsfähig und flächendeckend einsetzbar sei. Die Versorgung in Stadt und Land sei gleichwertig und effizient möglich. Die Patienten bewerteten die Technik als zuverlässig, leicht nachvollziehbar und einfach zu bedienen.

Anker wies jedoch darauf hin, dass auch bei Telemedizin genau zwischen den telemedizinischen Systemen und den Rahmenbedingungen unterschieden werden müsse: „Die Daten, die man mit einem System erhebt, gelten auch nur für dieses System. Das ist wie bei Arzneimitteln.“ Anker verwies zudem auf den speziellen Ansatz der Studie, der eine enge sektorenübergreifende Kooperation zwischen den telemedizinischen Zentren und den niedergelassenen Haus- und Fachärzten sowie eine intensive Interaktion mit den Patienten einschloss. „Wir brauchen diese humane Interaktion in den Telemedizin“, hob er hervor. Und auch der Leiter des Projekts, Dr. med. Friedrich Köhler von der Charité, unterstrich: „Es geht in keiner Weise darum, die Ärzte zu ersetzen, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Heike E. Krüger-Brand, Falk Osterloh

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