ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2010Dermatologische Versorgung in Kambodscha: Vom Rhein an den Mekong

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Dermatologische Versorgung in Kambodscha: Vom Rhein an den Mekong

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2413 / B-2093 / C-2053

Kubisch, Bernd

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Per Anzeige im Deutschen Ärzteblatt wurde 1994 ein medizinischer Koordinator für das nationale Lepraprogramm in Kambodscha gesucht. Christoph Bendick bewarb sich, bekam die Stelle und hat diese Entscheidung nicht bereut. Fotos: Bernd Kubisch
Per Anzeige im Deutschen Ärzteblatt wurde 1994 ein medizinischer Koordinator für das nationale Lepraprogramm in Kambodscha gesucht. Christoph Bendick bewarb sich, bekam die Stelle und hat diese Entscheidung nicht bereut. Fotos: Bernd Kubisch

Ein deutscher Dermatologe und Ethnologe bildet am Mekong die ersten Hautärzte Kambodschas aus.

Dr. med. Christoph Bendick fährt gern Tuk Tuk. So heißen die luftigen, knatternden Dreiradtaxis in Phnom Penh. Das Vehikel stoppt vor einem Schild, auf dem im einheimischen Khmer und in Englisch blau auf weiß steht: Dr. Mey Sithach, Dermatologist and Venerologist, University Münster, Germany. Der Hautarzt begrüßt Bendick herzlich und sagt stolz: „In Münster habe ich studiert und promoviert. Aber ohne meinen Kollegen und Freund wäre ich beruflich nicht geworden, was ich heute bin.“ Der Deutsche winkt bescheiden ab und erläutert dann: „Dr. Mey ist der erste einheimische Hautarzt nach internationalem Standard. Ich habe ihn in Phnom Penh ausgebildet, bevor er von 1999 bis 2004 an der Universitätshautklinik in Münster seinen ,richtigen‘ Facharzt machte.“ Andere ehrgeizige kambodschanische Ärzte sollen das mit Hilfe deutscher und französischer Institutionen nun auch schaffen. Bendick, in Brilon im Sauerland geboren, sorgt als „Senior Advisor“ und Dozent an der Universität für Gesundheitswissenschaften in Phnom Penh auch mit praktischer Ausbildung dafür, dass das südostasiatische Land eigene qualifizierte Dermatologen bekommt. Der Deutsche entwickelt im Auftrag des kambodschanischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums einen umfangreichen „Masterplan Dermatologie“.

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Schon seit 1994 arbeitet Bendick am Mekong. „Damals wurde ein medizinischer Koordinator für das nationale Lepraprogramm gesucht. Diese Anzeige im Deutschen Ärzteblatt hatte mich fasziniert“, erzählt der heute 56-Jährige. „Dermatologie, Tropenkrankheiten, Völkerkunde – meine wichtigsten Interessen kamen hier alle zusammen.“ Zum Glück sei die Lepra in dem kriegsgeschundenen Land, dem es nun ganz allmählich wirtschaftlich und medizinisch besser geht, nach den Kriterien der Welt­gesund­heits­organi­sation inzwischen eliminiert.

Während Mey einen Patienten behandelt, erzählt der Deutsche im Wartezimmer von früheren Zeiten. Lust auf ferne Länder bekam Bendick schon, als ihm sein Großvater aus einem Buch über den Fernen Osten vorlas. Und als ihn die Lehrerin bei der Einschulung in Wuppertal nach dem Berufswunsch fragte, entschied er sich für „Arzt“. Bendick schmunzelt: „Da hatte ich wohl meinen sympathischen Kinderarzt im Hinterkopf.“ Wegen seines eher mäßigen Abiturs musste er fünf bis sechs Jahre warten mit dem Medizinstudium: Bendick: „Ich wollte die Wartezeit so gut wie möglich nutzen.“ Er machte Zivildienst im Krankenhaus in Hückeswagen und jobbte als Briefträger in Radevormwald, um mit dem so verdienten Geld dann 18 Monate quer durch den amerikanischen Kontinent zu reisen. In Sao Paulo bekam er 1980, sechs Jahre nach dem Abitur, einen Anruf: „Junge, komm schnell nach Hause, du hast einen Studienplatz in Bonn“, zitiert Bendick seine Mutter. In Bonn und Köln studierte er Medizin und Ethnologie und erhielt in der Domstadt seine Approbation.

Ab 1987 arbeitete Bendick als Assistenzarzt an der Universitätshautklinik in Köln. Er erinnert sich gern an die „sehr lebendigen Vorlesungen“ des damaligen Klinikdirektors, Prof. Dr. med. Gerd Klaus Steigleder. Der hatte hier bereits 1984 eine Aidsambulanz eröffnet, die Bendicks großes Interesse für diese Infektiologie weckte.

Für ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Ärzte und Völkerkundler in Nordpakistan unterbrach der Wahlkölner seine Weiterbildung. „In Pakistan lernte ich, wie nötig der Respekt vor traditioneller Medizin ist, gerade auch, wenn man mit schulmedizinischen Maßnahmen Erfolg haben will.“ Als frischgebackener Dermatologe versuchte es Bendick Anfang 1994 in einer Gemeinschaftspraxis. „Das war nicht mein Ding. Mich zog es ins Ausland.“ Dann las er das Inserat für Kambodscha.

Der Lehrer und sein Schüler: Mey Sithach (links) hat in Münster seinen Facharzt gemacht. Zuvor hatte ihn Christoph Bendick bereits in Phnom Penh ausgebildet.
Der Lehrer und sein Schüler: Mey Sithach (links) hat in Münster seinen Facharzt gemacht. Zuvor hatte ihn Christoph Bendick bereits in Phnom Penh ausgebildet.

Nun öffnet sich das Behandlungszimmer. Mey winkt die beiden Deutschen hinein. Ein junger Mann hat an einer Hand einen schweren Hautausschlag. Es ist Tinea manuum, zum Glück noch im recht frühen Stadium, stimmen die beiden Dermatologen überein.

Die erste Zeit in Kambodscha war für Bendick nicht ungefährlich. Beim Einsatz gegen Lepra musste er auch in entfernte ländliche Gebiete. Da trieben versprengte Soldaten des Terrorregimes von Pol Pot, dem zwischen 1975 und 1979 über zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren, in einigen Regionen noch ihr Unwesen. Unterwegs warnten die internationalen Friedenstruppen per Funk vor möglichen Truppen der Roten Khmer.

Im Auftrag des DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) und später des CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung) begann Bendick seine Aufbauarbeit für Dermatologie. Zum Unterricht von Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität in Phnom Penh zählt auch das Bedside Teaching in der Klinik. Bendick erhielt nach Abschluss seiner vom DAAD geförderten Arbeit 2002 ein Reintegrationsstipendium für Histopathologie an der Fachklinik Hornheide in Münster und arbeitete in der Hautarztpraxis eines Studienkollegen in Köln. 2005 ging es im Auftrag des CIM zurück nach Phnom Penh. Neben der Ausbildung von Postgraduierten kümmert er sich dort auch um Qualitätsmanagement, den landesweiten Aufbau von Hautkliniken und die Integrierung von dermatologischen Leistungen in die im Entstehen begriffene Kran­ken­ver­siche­rung.

Und die Sprache? „Ich könnte die angehenden Fachärzte wohl in Khmer unterrichten. Aber in dieser Sprache gibt es keine medizinische Literatur. Ich spreche an der Uni in der Regel Englisch, manchmal auch Französisch.“ Sein Kollege Mey beklagt: „Die Leistungsbereitschaft ist bei uns oft nicht so ausgeprägt.“ Denn auch medizinisch sehr qualifiziertes Personal sei drastisch unterbezahlt. „Ohne einige Privatpatienten läuft gar nichts.“ Bendick nickt zustimmend. In der staatlichen Klinik verdient ein Arzt oft nur umgerechnet 50 Euro im Monat, eine Schwester die Hälfte.

Mancher deutsche Hautarzt mag überrascht sein: In Kambodscha gibt es eher wenige „typische Tropenkrankheiten, sondern wir sehen eher ein ähnliches Spektrum wie in Europa“, betonen die beiden Dermatologen unisono. Viele Menschen unterschätzen dermatologische Erkrankungen und gehen viel zu spät zum Arzt. „Gründe sind oftmals Geldmangel und auch mangelndes Vertrauen“, sagt Mey. Atopisches Ekzem, Psoriasis oder Karzinome der Haut beispielsweise werden durch das zu lange Warten des Patienten immer ausgeprägter. Dann ist die Behandlung oft schwierig und teuer. „Leider ist die Mentalität bei vielen Khmer auch heute noch so, dass sie es als gegeben hinnehmen, krank bleiben zu müssen“, erklärt Bendick.

Seit Oktober 2010 wird der Deutsche aus Mitteln der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung unterstützt. Ihr ist es zu danken, dass das wichtige Projekt vorerst weitergehen kann. Obwohl in den letzten Jahren vieles verbessert werden konnte, hat der Deutsche sein Ziel noch nicht erreicht: „Das A und O ist es, einheimische Kompetenz zu schaffen“, sagt Bendick. Für die Umsetzung des „Masterplans Dermatologie“ werden aber wohl noch einige Jahre harter Arbeit und finanzieller Unterstützung notwendig sein.

Bernd Kubisch

Kontakt zu Christoph Bendick per E-Mail:
cambodia_derma@yahoo.de

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