ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2010Medikamentöse Prophylaxe gegen HIV-Infektion erfolgreich

AKTUELL: Akut

Medikamentöse Prophylaxe gegen HIV-Infektion erfolgreich

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2366 / B-2050 / C-2014

Meyer, Rüdiger

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Die regelmäßige Einnahme eines antiretroviralen Kombinationspräparats hat in einer randomisierten klinischen Studie die Rate von Neuinfektionen mit dem menschlichen Immunschwächevirus (HIV) in einer Hochrisikogruppe in etwa halbiert (NEJM 2010; doi: 10.1056/ NEJMoa1011205). An der „Preexposure Prophylaxis Initiative“ hatten fast 2 500 Männer oder Transsexuelle aus Brasilien, Ecuador, Peru, Südafrika und den USA teilgenommen. Alle wurden über die Gefahren einer HIV-Infektion informiert, erhielten kostenfrei Kondome, und es wurden ihnen Tabletten ausgehändigt – entweder mit der Kombination Emtricitabin plus Tenofovir (FTC-TDF) oder Placebo. Nach median 1,2 Jahren hatten sich 100 Teilnehmer neu mit HIV infiziert, davon 64 im Placebo- und 36 im FTC-TDF-Arm. Damit hat die Präexpositionsprophylaxe (PREP) das Infektionsrisiko um 44 Prozent gesenkt. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 15 bis 63 Prozent ein signifikantes Ergebnis, wie Robert Grant von den David Gladstone Institutes der Universität San Francisco, USA, mitteilt. Das Ergebnis wäre bei guter Compliance wohl noch besser ausgefallen. Diese war nicht gegeben, denn nur drei von 34 HIV-Infizierten (neun Prozent), bei denen das Blut untersucht wurde, hatten entgegen anderer Angaben tatsächlich die Tabletten eingenommen.

Bei einer Gruppe von HIV-negativ gebliebenen Teilnehmern hatte immerhin jeder zweite das Medikament mehr oder weniger zuverlässig eingenommen. Unter den Teilnehmern mit nachweisbaren Wirkstoffspiegeln senkte FTC-TDF das Risiko einer HIV-Infektion um den Faktor 12,9 (1,7–99,3). Wenn Personen mit rezeptivem Analverkehr aus der Auswertung herausgenommen werden, beträgt die Risikoreduktion sogar 95 Prozent (70 bis 99 Prozent). Dennoch ist klar: Die PREP bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Nelson Michael vom Walter Reed Army Institute of Research in Rockville/Maryland weist im Editorial (NEJM 2010; doi: 10.1056/ NEJMe1012929) auf die Gefahr einer Resistenzentwicklung bei HIV-Infizierten hin. Dass dies keine theoretischen Bedenken sind, zeigen zwei Teilnehmer im FTC-TDF-Arm der Studie, die – ohne dies zu wissen – vor Beginn der Studie bereits infiziert waren. Beide hatten später eine Resistenz auf FTC. 

Auch die Nebenwirkungen müssen bei einer präventiven Therapie anders beurteilt werden als bei einer therapeutischen Indikation. TDF schädigt die Nierenfunktion, und ein chronisches Nierenversagen wäre sicherlich ein hoher Preis für eine Präinfektionsprophylaxe. Rüdiger Meyer

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