ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2010Ambulante Kodierrichtlinien: KBV reagiert auf wachsende Kritik

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Ambulante Kodierrichtlinien: KBV reagiert auf wachsende Kritik

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2372 / B-2062 / C-2024

Rieser, Sabine

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Die Umsetzung der neuen Kodierrichtlinien rückt näher – und der Widerstand wächst. Um bei Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten die Akzeptanz zu erhöhen, gibt es eine Übergangsfrist und zahlreiche Einstiegshilfen.

Angesichts der Beschlüsse mehrerer Kassenärztlicher Vereinigungen (KVen), die Ambulanten Kodierrichtlinien (AKR) nicht umsetzen zu wollen, hat Dr. med. Andreas Köhler am 29. November in Berlin erneut für das Regelwerk geworben: „Nur mit einer möglichst detaillierten Kodierung lässt sich die Morbidität der Versicherten verlässlich darstellen. Sie ist die unverzichtbare Grundlage für die Verhandlungen mit den Krankenkassen, um die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung ab 2013 weiterentwickeln zu können“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Die AKR sind damit bares Geld wert.“

Foto: Fotolia [m]
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In Abstimmung mit den Krankenkassen hat die KBV beschlossen, dass die AKR zum 1. Januar 2011 bundesweit eingeführt werden. Das Regelwerk legt fest, wie Diagnosen von ambulant behandelten Patienten für die Abrechnung zu kodieren sind. Basis ist die ICD-10-GM, die im Rahmen der Kodierrichtlinien erläutert und präzisiert wird. Um Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten den Einstieg zu erleichtern, gilt von Januar an eine sechsmonatige Übergangsphase, während der Kodierfehler nicht beanstandet werden. Die AKR sind, so die KBV, rechtsverbindlich und müssen angewandt werden.

Dennoch erklären immer mehr KVen ihren Widerstand. So haben jüngst die Ver­tre­ter­ver­samm­lungen in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen beschlossen, das Regelwerk nicht umsetzen zu wollen. Die KV Nordrhein hat Schulungen gestoppt. Auch der Deutsche Hausärzteverband und Medi Baden-Württemberg lehnen die AKR ab.

Keine Honorargarantie

Ihre Argumente: Die AKR verursachten einen bürokratischen Aufwand von bis zu 1,2 Milliarden Euro pro Jahr, bildeten die Versorgungsrealität in hausärztlichen Praxen nicht gut genug ab, und eine Gewissheit, dass korrektes Kodieren zu mehr Honorarvolumen führe, gebe es auch nicht. Der Vorstand der KV Hessen warnt zudem vor möglichen Konsequenzen für Patienten: Würden sehr viel mehr Diagnosen als bisher an Krankenkassen übermittelt, könne sich das zum Beispiel beim Abschluss von Lebensversicherungen nachteilig auswirken.

„Eine bereits therapierte Gastritis oder ein vor Jahren kodierter Verdacht auf eine Alkoholabhängigkeit werden nicht mitgeschickt, sofern sie für die Behandlung im aktuellen Abrechnungsquartal nicht von Bedeutung waren“, stellte KBV-Vorstand Köhler klar. Andererseits könnten Dauerdiagnosen auch künftig gespeichert und in die aktuelle Abrechnung übernommen werden, wenn sie Anlass für eine Behandlung waren oder in Zusammenhang mit erbrachten Leistungen standen.

Probleme in Bayern

Köhler gestand den Kritikern allerdings zu, dass die AKR-Testphase in Bayern tatsächlich Probleme aufgezeigt habe. So sei der Klassifikationscode ICD-10-GM nicht wirklich geeignet, die hausärztliche Tätigkeit abzubilden. „Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung arbeitet daran, die ICD-10-GM für diesen Bereich schnellstmöglich anzupassen“, versicherte Köhler. Ziel ist es, eine stärker symptombezogene Kodierung einzubauen.

In Bayern haben circa 100 Vertragsärzte und -psychologen die neuen Regeln im dritten Quartal 2010 für ein Honorar von 500 Euro getestet. Den AKR-Angaben zur Unterstützung bei der ICD-Kodierung gaben sie die Note drei. Bei etlichen Testärzten trat nach Angaben der KBV ein Problem auf, das vermutlich auch andere Kollegen beschäftigen wird: Sie haben bislang nur die Kodiertools ihrer Praxisverwaltungssoftware benutzt. Zahlreiche Erläuterungen und Hinweise befanden sich jedoch nur in der ICD-Buchfassung. Nun, da diese in die Ambulanten Kodierrichtlinien eingearbeitet wurden, erscheinen sie Nutzern als völlige Neuerung.

Sabine Rieser

@Umfassende Infos auf: www.kbv.de/kodieren.html. Darüber hinaus bieten die KVen Schulungen zu den AKR an.

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