ArchivDeutsches Ärzteblatt48/20103 Fragen an... Rebecca Skloot, Autorin

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3 Fragen an... Rebecca Skloot, Autorin

Dtsch Arztebl 2010; 107(48): A-2389

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Ihr Buch dokumentiert unter anderem die Sprachlosigkeit zwischen weißen Ärzten und schwarzen Patienten. Hat sich daran inzwischen etwas geändert?

Skloot: Wissenschaftler sind meist nicht besonders gut darin, über ihr Fach mit Nichtwissenschaftlern zu sprechen. Die Spannung, die zwischen weißen Wissenschaftlern und schwarzen Patienten herrscht, verstärkt die Kluft noch. Dass Schwarze für medizinische Versuche benutzt wurden, ohne dass sie davon wussten oder ihr Einverständnis erteilten, hat in den USA eine lange Geschichte. Deshalb dieses Misstrauen. Selbst wenn Schwarze behandelt werden müssen, weil sie krank sind, fürchten sie sich vor dem Arzt. Die Mediziner sind inzwischen dafür sensibilisiert und tun eine Menge dafür, das Vertrauen ihrer schwarzen Patienten wiederzugewinnen.

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Welche Bedeutung hatten Armut und mangelnde Bildung in der Beziehung der Familie Lacks mit ihren Ärzten?

Skloot: Es ist so, dass ich beim Schreiben nie recht wusste, ob es hier um ein Klassen- oder ein Rassenproblem geht. Meist ist Armut das grundlegende Problem, auch die Hautfarbe, aber nie nur die Hautfarbe.

Als zum Beispiel die Wissenschaftler die erste Maus-Mensch-Hybridzelle herstellten, stellte sich Henriettas Tochter Deborah vor, dies sei ein Wesen, halb Maus, halb ihre Mutter. Nein, es gehe nur um Zellen, erklärte man ihr. Aber was kann jemand damit anfangen, der gar nicht weiß, was eine Zelle ist?

An einer Stelle habe ich mich allerdings auch gegruselt. Sie beschreiben, wie ein Arzt die Krebszellen von Henrietta Lacks versuchsweise in die Arme von Krebspatienten injiziert. Mit dem Ergebnis, dass sie Henriettas Krebs entwickelten und schneller starben.

Skloot: Das war tatsächlich ein unglaubliches und bizarres Kapitel in der Geschichte der HeLa-Zellen. Der Krebsforscher Chester Southam injizierte Strafgefangenen und Krebspatienten in den 1960er Jahren HeLa-Zellen, weil er vermutete, dass Krebs von einem einzigen Virus hervorgerufen würde. Die Krebspatienten entwickelten Gebärmutterkrebs-Geschwülste dort, wo immer er ihnen HeLa gespritzt hatte. Er fragte sich, ob das wohl passiert sei, weil sie krank waren. Und er begann, Henriettas Krebszellen auch gesunden Menschen zu spritzen – ohne dass die etwas davon wussten. Für mich war das Erstaunlichste an der Geschichte, dass er das jahrelang tun konnte. Er war an großen, renommierten Krankenhäusern in New York, und er machte das zu einem gewissen Zeitpunkt bei jeder Frau, die die gynäkologische Abteilung dort betrat. Niemand hat ihm die Frage gestellt: Meinen Sie nicht, Sie sollten die Frauen fragen, bevor Sie sie mit Krebszellen infizieren? Bis zu dem Moment, wo er anfing, das auch in einem jüdischen Krankenhaus in Brooklyn zu tun. Da haben sich sofort einige jüdische Ärzte quergestellt und gesagt: Das ist ja wie bei den Nazis. Sie brachten es an die Öffentlichkeit, die Medien griffen das auf. Ein Großteil der US-Patientenschutzgesetze kommt aus dieser Zeit.

Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks. Irisiana-Verlag, 512 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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