ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 5/2010E-Training: Von Trainings- zu Patientendaten

SUPPLEMENT: PRAXiS

E-Training: Von Trainings- zu Patientendaten

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): [10]

Meister, Sven

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Innerhalb von Prävention und Rehabilitation sind bei einer Nutzung von Trainingsdaten für die ärztliche Behandlung neue Kooperationen zwischen Fitness und Medizin denkbar.

Foto: Ergo-Fit
Foto: Ergo-Fit

Sport und Fitness liegen im Trend – immer mehr Menschen nehmen ihre Gesundheit in die eigene Hand. Sie trainieren in Fitnessstudios, nutzen Ernährungsprogramme oder besuchen Sportkurse. Hierbei ist die Bereitschaft zur Eigeninvestition in die Gesunderhaltung und Gesundwerdung entscheidend. Der Markt berücksichtigt diesen Umstand mit immer neuen Angeboten für Lifestyle-medizin, Lifestyleprodukte oder Medical-Wellness. Zusammengefasst werden solche neuen Gesundheitsdienstleistungen unter dem Begriff des „zweiten Gesundheitsmarktes“.

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Doch wie sieht es mit der Qualität und der klinischen Evidenz der erbrachten Leistungen aus, und wie viel Gesundheit muss in einer Gesundheitsdienstleistung mindestens enthalten sein? Antworten hierauf können nur gemeinsam mit den klassischen medizinischen Versorgern des „ersten Gesundheitsmarkts“, etwa Ärzten und Pflegepersonal, erarbeitet werden. Auch die Kostenträger des ersten Gesundheitsmarktes, allen vor- an die Krankenkassen, spielen eine entscheidende Rolle. In diesem Zusammenspiel aus Akteuren des ersten und zweiten Gesundheitsmarktes und den Kostenträgern liegen große Potenziale zur Sicherung einer hohen Qualität der Gesundheitsversorgung für jedermann. Denn der Rückgang von Einnahmen, Budgetrestriktionen und der demografische Wandel werden künftig einen enormen Druck auf das Verhältnis zwischen Kosten und Versorgungsqualität ausüben.

Kooperation der Märkte

Durch den finanziellen Druck wird die intersektorale Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsmärkten immer wichtiger. Erste Modelle in der Prävention und Rehabilitation zeigen, dass die Zusammenarbeit beider Märkte innerhalb des gesetzlichen Rahmens (§ 20, § 65 a Sozialgesetzbuch V, § 44 Sozialgesetzbuch IX) funktioniert. Hierbei werden zum Beispiel Rehabilitationsleistungen durch spezialisierte Rehabilitationszentren erbracht. Auch die Prävention bietet ein großes volkswirtschaftliches Potenzial, wie der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit e.V. nachweist. Die kalkulatorisch inaktivitätsbedingten Kosten belaufen sich hiernach auf circa elf bis 22 Milliarden Euro jährlich, die durch gezieltes Fitnesstraining kompensiert werden könnten.

Kooperation bedeutet letztendlich auch, Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund haben die Firma Ergo-Fit, ein Fitnessgerätehersteller aus Pirmasens, und das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) ein gemeinsames Projekt gestartet. Ziel ist es zu demonstrieren, wie Prävention und Rehabilitation über ein gerätebasiertes Training möglich sind, ohne dass dabei die Qualität vernachlässigt wird.

Der gerätebasierte Ansatz bietet durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Fitnessgeräte-Sensorik vielseitige Möglichkeiten zur Trainingsüberwachung an. So kann neben Vitalwerten auch die Trainingsausführung über laserbasierte Systeme überwacht werden. Ob Bewegungsauslenkung oder das richtige Gewicht – der Patient wird schon vorher vor kritischen Situationen geschützt. Die eigentliche Auswertung der Daten und die Trainingssteuerung können nur durch eine geschulte Person adäquat erbracht werden. Im Fokus stehen insbesondere Ärzte und Sportwissenschaftler. Doch wie werden aus Fitnessdaten des zweiten Gesundheitsmarktes relevante Patientendaten für den ersten Gesundheitsmarkt? Hier kommt der IT-Einsatz ins Spiel.

IT-Unterstützung

Kommunikation ist das wichtigste Werkzeug zur Vernetzung und zum Informationsaustausch. Ärzte besprechen untereinander die weitere Behandlung eines Patienten. Pflegekräfte tauschen Informationen über den aktuellen Zustand eines Pflegebedürftigen aus. Voraussetzung für diese Kommunikation ist eine gemeinsame Sprache. Informationstechnologie kann Kommunikation unterstützen.

Ein Rückblick auf die Entwicklungen von Telemedizin und Telematik der vergangenen Jahre verdeutlicht jedoch auch, dass IT nur dann erfolgreich ist, wenn die eingesetzten Softwareprodukte ebenfalls eine gemeinsame Sprache sprechen. Die Standardisierung von IT-Systemen ist hierbei entscheidend. An dieser Stelle setzt das ISST mit seiner Expertise aus dem Projekt „elektronische Fallakte (eFA)“ und einer Vielzahl von Telemedizinprojekten an. Das Ziel: aus den Fehlern im ersten Gesundheitsmarkt lernen und schon frühzeitig die Standardisierung und Interoperabilität von IT-Systemen des zweiten Gesundheitsmarktes fordern und fördern.

Hierzu wurde das „eTraining“-Programm entwickelt, das erstmals auf der Medica 2010 vorgestellt wurde. Hierbei handelt es sich um ein auf HL7 CDA basierendes Datenmodell eines Trainingsplans. HL7 steht für Health Level 7 und ist der internationale Standard zum IT-basierten Austausch von Daten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen. CDA steht für „Clinical Document Architecture“ und bezeichnet einen auf HL7 basierenden Standard zur Beschreibung von Dokumenten wie etwa Arztbriefen. Nahezu sämtliche IT-Systeme für Arztpraxen und Krankenhäuser bieten mittlerweile Schnittstellen zum Datenempfang per HL7 an. Mittels „eTraining“ können Trainingsdaten standardisiert zwischen den Gesundheitsmärkten transportiert werden (Grafik).

Ist ein Fitnessstudio an das „eTraining“-System angeschlossen, könnte es ein externes Rehabilitationszentrum für ein Krankenhaus sein, so dass das Krankenhaus diese Leistung nicht mehr selbst vorhalten müsste. Auch für den niedergelassenen Arzt bieten sich über die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) neue Ansätze für Geschäftsmodelle, zum Beispiel zur individuellen Trainingsplanerstellung, an. Durch das direkte Zusammenspiel der Akteure des ersten mit denen des zweiten Gesundheitsmarkts wird eine Steigerung der Qualität präventiv-therapeutischer Trainings ermöglicht (siehe auch die Anwendungsszenarios).

Für die Zukunft ist geplant, gemeinsam mit Medizinern und Sportwissenschaftlern szenarienbasierte Qualitätsparameter zu erarbeiten, die durch ein Training erhoben werden können. Zu diskutieren ist darüber hinaus mit den Kostenträgern, ob und wie eine Teilsicht auf trainingsbasierte Daten als freiwilliger Nachweis der Inanspruchnahme von Präventionsdienstleistungen und zur Qualitätssicherung eingesetzt werden kann. Sven Meister

Kontaktadresse: Sven Meister, Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST, Emil-Figge-Straße 91, 44227 Dortmund, E-Mail: sven.meister@isst.fraunhofer.de

Anwendungsszenarien

Szenario 1: Gezieltes Training im Alter

Eine immer älter werdende Gesellschaft erfordert vom ersten und zweiten Gesundheitsmarkt neue Formen der Prävention und Rehabilitation, gerade im Bereich altersspezifischer Probleme wie Oberschenkelhalsbrüchen, Osteoporose oder des Einsatzes eines künstlichen Kniegelenks. Verschreibt der Arzt physiotherapeutisches Training, so kann ein Sportwissenschaftler in einer Rehaeinrichtung einen gezielten Trainingsplan erstellen, anhand dessen der ältere Patient trainiert. Während des Trainings kann der Patient mit eTraining vom Arzt überwacht werden.

Dazu werden im Rahmen des hier beschriebenen Projekts die von den Fitnessgeräten erhobenen Trainingsdaten zunächst im studioeigenen Softwaresystem gespeichert. Von dort aus können die Daten über die Datenschnittstelle im HL7(Health Level 7)-Standard in das Arztsystem übertragen werden.

In einer nächsten Ausbaustufe des Projekts soll es möglich sein, dass Arzt und Sportwissenschaftler auch wechselseitig über das System direkt mitein-ander kommunizieren und die Behandlung planen können.

Szenario 2: Sportbegeisterter Herzpatient

Im Rahmen der individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) können Ärzte heute ihren Patienten zahlreiche Zusatzservices anbieten, die diese privat bezahlen. Kooperiert ein Arzt mit einem an das „eTraining“-System angeschlossenen Fitnessstudio, so kann er beispielsweise einen Herzpatienten, der gerne weiterhin seinen Sport in einem Studio absolvieren möchte, überwachen und sicherstellen, dass dieser sich weder überanstrengt noch zu sehr schont. Dazu dienen ihm zum Beispiel die via eTraining übermittelten Informationen zur Herzfrequenz bei einer bestimmten Übungsart und -intensität.

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