ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Kreieren geht über Kopieren

MEDIZIN: Aus der Redaktion

Kreieren geht über Kopieren

Spotlight on Plagiarism

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(49): 863-5; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0863

Mertens, Stephan

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Aus einem Buch abschreiben, ist ein Plagiat, aus zweien ein Essay, aus dreien eine Dissertation (in Anlehnung an [1]). Diese scherzhafte Definition verdeutlicht, dass ein Plagiat nicht immer fassbar ist. Das Spektrum reicht von der wörtlichen Übernahme aus bereits Veröffentlichtem bis zur Aneignung von Hypothesen und Argumentationen. Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz definiert Plagiat als „unbefugte Verwertung [geistigen Eigentums] unter Anmaßung der Autorschaft“ (2). Dem Rezipienten wird der tatsächliche Verfasser mit der Intention verschwiegen, die intellektuelle Leistung anderer als die eigene darzustellen. Gelegenheiten zum Abkupfern gibt es viele: zu begutachtende Artikel oder Forschungsanträge, Kongressvorträge oder andere Veröffentlichungen. In der Wissenschaft wird Plagiieren als Fehlverhalten betrachtet, das zur Aberkennung akademischer Titel und beruflicher Positionen führen kann.

Man unterscheidet das Autoplagiat, bei dem Passagen und Daten aus vorhergehenden eigenen Arbeiten einfließen, vom Fremdplagiat, in dem das intellektuelle Eigentum Anderer ohne deren Nennung verbreitet wird. Umfragen und die persönliche Wahrnehmung deuten darauf hin, dass Autoplagiate wesentlich häufiger sind als Fremdplagiate und in gewissem Ausmaß vom wissenschaftlichen Umfeld toleriert werden. Im Gegensatz dazu werden Fremdplagiate einhellig verurteilt, aber leider nicht immer sanktioniert.

Es ist anzunehmen, dass nur ein Teil der Plagiate angesichts der vielen Zeitschriften und Publikationen aufgedeckt wird. Durch das Internet ist die Versuchung, Texte für die eigene Veröffentlichung zu kopieren, gewiss noch gestiegen. Gleichzeitig ist jedoch auch die Gefahr gestiegen, entdeckt zu werden.

Häufigkeit von Plagiaten schwer abschätzbar

Im Prinzip lässt sich die Häufigkeit von Plagiaten durch Befragung von Autoren oder durch den Abgleich publizierter Artikel, Forschungsanträge oder Bücher ermitteln. Bei einer anonymen Befragung gaben fast 5 Prozent der US-amerikanischen Wissenschaftler an, identische Daten mehrfach veröffentlicht zu haben. Ideen anderer verkauften 1,4 Prozent als die eigenen, und 1,7 Prozent nutzten vertrauliche Informationen für ihre eigene Forschung (3). Diese Zahlen basieren auf einer Erhebung bei mehr als 3 000 Wissenschaftlern aus dem Jahr 2002. Bei der Befragung, mit einer Rücklaufquote von annähernd 50 Prozent, unterschied man Forscher in der Mitte ihrer Karriere von jungen Wissenschaftlern. Erstere publizierten signifikant häufiger vertrauliche Informationen oder bereits veröffentlichte Daten als junge Forscher. Da bei Befragungen erfahrungsgemäß eigenes unerwünschtes Verhalten nicht immer angegeben wird, kann man aber davon ausgehen, dass es sich um eher konservative Zahlen handelt.

Wissenschaftler von der Universität Texas versuchten, mit einem Texterkennungsprogramm Plagiatoren auf die Schliche zu kommen. Sie durchforsteten Datenbanken, um gleichlautende Passagen in verschiedenen Dokumenten zu identifizieren. Hierbei ermittelten Errami et al., dass 0,04 Prozent von über 60 000 Medline-Abstracts wahrscheinliche Duplikate anderer Autoren waren (4). 1,3 Prozent der Autoren aus dieser Stichprobe schrieben bei sich selbst ab. Die Duplikate fand man dreimal so häufig in Zeitschriften ohne Impact-Faktor, und sie wurden auch seltener zitiert.

Etwa drei Viertel der identifizierten Duplikate hatte Medline mit Hilfe eines hausinternen Algorithmus als für diese Arbeit besonders relevante Artikel identifiziert. Diese Zuordnung von Medline nutzten die Autoren, um weitere 7 Millionen Abstracts zu analysieren. So konnten Errami und Garner 70 000 sehr ähnliche Zusammenfassungen zuordnen (5). Aufgrund der Erfahrungen mit der zuvor erwähnten Arbeit schätzen die Wissenschaftler, dass sich hierunter 50 000 echte Duplikate befinden. Das heißt, dass etwa 0,7 Prozent der eingangs eingeschlossenen Abstracts fragwürdigen Ursprungs sind. In Bezug auf die gesamte Datenbank mit 17 Millionen Artikeln vermuten die Autoren, dass sich in Medline mehr als 200 000 Duplikate befinden. Das Verhältnis von plagiatsverdächtigen Artikeln zu regulären Publikationen im Ländervergleich illustriert die Grafik (gif ppt). Deutschland weist den viertgrößten Anteil an Medline-Publikationen auf, mit einem etwas höheren relativen Anteil potenzieller Plagiate.

Die Schätzung von 200 000 Duplikaten in Medline könnte aber zu hoch sein, wie eine Analyse einer Subgruppe der verdächtigen Artikel nahelegt. Von 65 potenziellen Dubletten erwiesen sich nach manueller Inspektion lediglich 5 als tatsächliche Duplikate und weitere 5 als Übersetzungen in eine andere Sprache (6). Die anderssprachigen Artikel hatten möglicherweise eine ähnliche englische Zusammenfassung, die die Identifizierung erlaubte. Die geringe Zahl tatsächlicher Plagiate unterstreicht, dass die elektronische Suche eine sehr hohe Rate an falschpositiven Ergebnissen zutage fördern kann und eine manuelle Überprüfung unabdingbar erscheint. Wenn diese Ergebnisse korrekt sind, dürfte die Zahl der Duplikate in Medline bei etwa 20 000 beziehungsweise 0,1 Prozent liegen. Ähnliche Zahlen präsentieren kanadische Forscher, die in der Datenbank Web of Science nach Duplikaten in allen Wissenschaftsdisziplinen gesucht haben. Wenn der Titel des Artikels, der Erstautor und die Zahl der Referenzen identisch waren, gingen die Forscher von einer Doppelpublikation aus. Mit diesem Raster entdeckten sie in Metadaten von 18 Millionen Artikeln fast 5 000 Dubletten (7), die zwischen 1980 und 2007 veröffentlicht wurden. Aufgrund der sehr engen Definition – bereits ein leicht veränderter Titel verhinderte die Entdeckung einer Dublette – gehen die Autoren von einer konservativen Aufdeckungsquote aus. Artikel aus der klinischen Medizin hatten von allen untersuchten Disziplinen am dritthäufigsten Duplikate. Die Artikelpaare erschienen in der Regel innerhalb eines Jahres. Dies lässt die Vermutung zu, dass sie gleichzeitig bei den Zeitschriften eingereicht wurden.

Geschädigte und Plagiatoren

Tara Long und Mitarbeiter wollten wissen, wie die beteiligten Zeitschriften und Autoren reagieren, wenn ein Plagiat entdeckt wird. Mit Hilfe der Datenbank Déjà vu, in der mögliche Duplikate hinterlegt sind, identifizierten sie manuell 212 Paare von Artikeln, bei denen der Verdacht auf ein Plagiat bestand (8). Die Texte waren durchschnittlich zu 86,2 Prozent identisch, die Zahl der Referenzen zu 73,1 Prozent, und bei mindestens 71,4 Prozent waren Tabellen oder Abbildungen sehr ähnlich oder identisch.

Allerdings zitierten nur 47 Plagiatoren (22,2 Prozent) die Originalquelle. Um die Reaktion auf die unlautere Zweitverwertung zu untersuchen, verschickten Long und Kollegen in 163 Fällen einen Fragebogen an die Geschädigten, die Plagiatoren und die beteiligten Zeitschriften zusammen mit den beiden Artikeln. 93 Prozent der Originalautoren wussten nichts vom Plagiat. Lediglich 37 Prozent der Plagiatoren äußerten sich in irgendeiner Form zu den Vorwürfen. Die Aufdeckung der Plagiate veranlasste die Hälfte der Redaktionen zu einer Untersuchung (Kasten gif ppt), die lediglich in 46 Fällen die Zurückziehung des Plagiates zur Folge hatte. Trotz der wissenschaftlichen und ethischen Konsequenzen unternahm die Hälfte der Redaktionen keine weiteren Schritte und insgesamt wurden nur 25 Prozent der Dubletten offiziell korrigiert. Warum dies unterlassen wurde, ist unklar. Vielleicht befürchteten die Zeitschriften einen Imageschaden. Der Impact-Faktor der Originalarbeiten war mit 3,87 signifikant höher als bei der Zweitpublikation mit 1,6 (p < 0,001). Originalartikel wurden durchschnittlich 28-mal zitiert, die Plagiate nur zweimal. Da Plagiate in der Regel aber später veröffentlicht werden, erscheinen sie bei einer Datenbanksuche aufgrund des jüngeren Publikationsdatums früher in der Trefferliste als die Originalbeiträge und werden bei flüchtiger Literaturrecherche möglicherweise eher zitiert.

Auch der Redaktion des Deutschen Ärzteblatts sind Fälle bekannt, bei denen Autoren Manuskripte eingereicht haben, die zu unterschiedlichem Ausmaß mit eigenen oder Arbeiten anderer Autoren identisch waren. Genaue Zahlen liegen uns aber nicht vor. Es ist auch durchaus möglich, dass Plagiate unentdeckt geblieben sind und veröffentlicht wurden.

Konsequenzen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und internationale Organisationen wie das International Committee of Medical Journal Editors oder das Committee on Publication Ethics fordern, dass nachgewiesene Plagiate zurückgezogen werden sollten (911). Dies betrifft nicht nur eine Korrektur im Journal, welches das Plagiat veröffentlicht hat, sondern auch entsprechende Verweise in Datenbanken. Nur so kann verhindert werden, dass die Plagiate beispielsweise in Metaanalysen einfließen und Auswirkungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse haben, indem nicht nur die Originaldaten sondern zusätzlich die plagiierten Ergebnisse berücksichtigt werden, was zu einem Publikationsbias führen kann.

Interessenkonflikt
Der Autor ist Redakteur in der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts.

Anschrift des Verfassers
Dr. sc. nat. Stephan Mertens
Deutsches Ärzteblatt
Medizinisch-wissenschaftliche Redaktion
Ottostraße 12, 50859 Köln
E-Mail: mertens@aerzteblatt.de

Spotlight on Plagiarism

Zitierweise
Mertens S: Spotlight on plagiarism. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(49): 863–5.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0863

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin http://www.plagiat.htw-berlin.de
2.
Deutsche Hochschulrektorenkonferenz http://www.hrk.de/de/beschluesse/109_422.php
3.
Martinson BC, Anderson MS, de Vries R: Scientists behaving badly. Nature 2005; 435: 737–8. MEDLINE
4.
Errami M, Hicks JM, Fisher W, et al.: Déjà vu – a study of duplicate citations in Medline. Bioinformatics 2008; 24: 243–9. MEDLINE
5.
Errami M, Garner H: A tale of two citations. Nature 2008; 451: 397–9. MEDLINE
6.
Rifai N, Bossuyt PM, Bruns DE: Identifying duplicate publications: primum non nocere: Clin Chem 2008; 54: 777–8. MEDLINE
7.
Larivière V, Gingras YY: On the prevalence and scientific impact of duplicate publications in different scientific fields (1980–2007). J Doc 2010; 66: 179–90.
8.
Long TC, Errami M, George AC, Sun Z, Garner HR: Responding to possible plagiarism. Science 2009; 323: 1293–4. MEDLINE
9.
International Committee of Medical Journal Editors. http://www.icmje.org/
10.
Committee on Publication Ethics (COPE). http://www.publicationethics.org/
11.
Office of Research Integrity. http://www.ori.dhhs.gov/
1.Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin http://www.plagiat.htw-berlin.de
2.Deutsche Hochschulrektorenkonferenz http://www.hrk.de/de/beschluesse/109_422.php
3.Martinson BC, Anderson MS, de Vries R: Scientists behaving badly. Nature 2005; 435: 737–8. MEDLINE
4. Errami M, Hicks JM, Fisher W, et al.: Déjà vu – a study of duplicate citations in Medline. Bioinformatics 2008; 24: 243–9. MEDLINE
5.Errami M, Garner H: A tale of two citations. Nature 2008; 451: 397–9. MEDLINE
6.Rifai N, Bossuyt PM, Bruns DE: Identifying duplicate publications: primum non nocere: Clin Chem 2008; 54: 777–8. MEDLINE
7.Larivière V, Gingras YY: On the prevalence and scientific impact of duplicate publications in different scientific fields (1980–2007). J Doc 2010; 66: 179–90.
8.Long TC, Errami M, George AC, Sun Z, Garner HR: Responding to possible plagiarism. Science 2009; 323: 1293–4. MEDLINE
9.International Committee of Medical Journal Editors. http://www.icmje.org/
10. Committee on Publication Ethics (COPE). http://www.publicationethics.org/
11.Office of Research Integrity. http://www.ori.dhhs.gov/

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