ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/201017. Deutscher Psychotherapeutentag in Hannover: „Wir müssen unsere Probleme selbst lösen“

POLITIK

17. Deutscher Psychotherapeutentag in Hannover: „Wir müssen unsere Probleme selbst lösen“

PP 9, Ausgabe Dezember 2010, Seite 535

Bühring, Petra; Meißner, Marc

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Die Delegierten verabschiedeten mit großer Mehrheit einen Entwurf zur Reform der Psychotherapieausbildung. Kernpunkte sind ein einheitlicher Beruf „Psychotherapeut“ sowie der Masterabschluss als Zugangsvoraussetzung zur Ausbildung.

Fotos: Jörg Hermann
Fotos: Jörg Hermann

Während die Castorbehälter unter Protesten durchs niedersächsische Wendland getrieben wurden, trafen sich am 13. November in der Landeshauptstadt Hannover die Delegierten der Landespsychotherapeutenkammern zum 17. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT). Der Atommüll, den man seit 1984 im äußersten Nordosten Niedersachsens – am Rande der damaligen Bundesrepublik – zwischenlagert, liegt heute sehr zentral mitten in Deutschland. Darauf wies Gertrud Cormann-Bergau, Präsidentin der niedersächsischen Landeskammer hin. „Wir Psychotherapeuten wissen, dass Verstecktes und Unerwünschtes immer wieder zum Vorschein kommt.“ Die Bürger der Gemeinde Gorleben im Wendland fürchten eben genau das.

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Der Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem Gorleben liegt, beherbergt 20 Psychotherapeuten, die für 100 000 Einwohner zur Verfügung stehen. Mit einem Versorgungsgrad von 463,2 Prozent gehört Lüchow-Dannenberg – nach den Maßgaben der Bedarfsplanung – zu den ersten zehn der überversorgten Planungsbereiche. Trotzdem seien die Wartezeiten auf einen Therapieplatz lang, kritisierte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), im Bericht des Vorstands und sprach damit ein Projekt an, das Psychotherapeuten und Ärzte gleichermaßen in den nächsten Jahren beschäftigen wird: die Reform der Bedarfsplanung. Die Bedarfsplanung gehe davon aus, dass Menschen auf dem Land seltener psychisch krank werden als in der Stadt. Auf dem Land werde daher bereits mit einem Psychotherapeuten auf circa 23 000 Einwohner ein Versorgungsgrad von 100 Prozent erreicht – in Kernstädten müssen sich nur 2 600 Menschen einen Therapeuten teilen.

„Die Versorgungsgrade der Bedarfsplanung sagen nichts über die reale Versorgung aus“, betonte Richter. 390 von 395 Planungsbereichen gelten als mit Psychotherapeuten überversorgt. Im Durchschnitt stehe in Deutschland ein Psychotherapeut für etwa 6 000 Einwohner zur Verfügung – mit großen Schwankungen je nach Stadt oder Land, Osten oder Westen. „Objektiv vorhersagen lässt sich der Bedarf derzeit für keinen Planungsbereich“, erklärte der BPtK-Präsident. Dafür müsse die regionale Versorgungssituation mittels der Versicherungs- und Leistungsdaten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sektoren- und berufsübergreifend erfasst werden. Nur so könne Unterversorgung sichtbar gemacht werden. „Wenn kein Psychotherapeut zur Verfügung steht, werden psychisch Kranke vermehrt medikamentiert oder in eine Klinik eingewiesen“, skizzierte Richter die Folgen von Unterversorgung für die Patienten. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler habe in einem Gespräch deutlich gemacht, dass er von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer belastbare Daten erwarte, wie viele Psychotherapeuten wo benötigt werden.

Weiter analysierte Richter die Auswirkungen des GKV-Finanzierungsgesetzes, das am Tag vor dem 17. DPT im Bundestag verabschiedet wurde, auf psychisch Kranke. Das Gesetz erleichtert Gutverdienenden den Wechsel in die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV). Künftig soll der Wechsel bereits möglich sein, wenn das Jahreseinkommen ein Jahr lang über der Versicherungspflichtgrenze liegt, statt wie bisher drei Jahre. Die GKV kann dies bis zu einer Milliarde Euro kosten. „Der Wechsel in die PKV ist ein Angebot nur an gesunde Versicherte. 20 Prozent der Versicherungsunternehmen lehnen die Aufnahme selbst dann ab, wenn eine psychische Erkrankung bereits erfolgreich therapiert wurde“, erklärte Richter. Die PKV entziehe sich der Versorgung psychisch Kranker weitgehend, indem sie mithilfe der Risikoprüfung aussortiere. Gleichzeitig steigen die direkten Kosten für psychische Erkrankungen, weil diese beständig zunehmen. Die Ausgabensteigerungen müssten von den GKV-Versicherten fast allein getragen werden. Richter forderte deshalb: „Wir müssen dafür sorgen, dass es eine starke GKV gibt.“

Kritisch beurteilte der BPtK-Präsident auch den Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung der GKV. „Man sollte die Arbeitgeber nicht aus der Finanzierung entlassen.“ Knapp elf Prozent der Fehltage der Arbeitnehmer gingen 2008 auf psychische Erkrankungen zurück. Diese verursachen zudem überdurchschnittlich lange Fehlzeiten: bei BEK-Versicherten beispielsweise 5,5 Wochen pro Krankschreibung. „Wir wissen, dass Erwerbstätige bei einer Kombination aus hohen Anforderungen und geringem Einfluss auf den Arbeitsprozess häufig psychische Erkrankungen entwickeln“, sagte Richter. Auch geringe Anerkennung im Beruf gefährde die psychische Gesundheit. „Der Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung entlässt die Unternehmen ein Stück weit aus ihrer Verantwortung, gesundheitsverträgliche Arbeitsplätze zu gestalten“, urteilte der Kammerpräsident.

Das GKV-Finanzierungsgesetz tritt zum 1. Januar 2011 in Kraft – ebenso der neue Operationen- und Prozedurenschüssel (OPS) in Krankenhäusern, den das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information am 27. Oktober veröffentlicht hat. Erwähnenswert für den Vorstandsbericht fand Richter dabei die Neuerung, dass die Leistungen ärztlicher und psychologischer Berufsgruppen sowie der Pflegekräfte künftig gemeinsam erfasst werden. Dadurch werde deutlich, dass sich die Leistungen von Ärzten und Psychologen in psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen inhaltlich und im Aufwand nicht wesentlich voneinander unterschieden. Ausgenommen von dieser Änderung seien die Leistungen im psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexcode, die weiterhin getrennt voneinander erfasst werden. „Das ist inhaltlich nicht nachvollziehbar und muss als Ergebnis erfolgreicher Standespolitik der Ärzte gewertet werden“, kritisierte Richter. Darüber hinaus hatte die BPtK sich dafür eingesetzt, auch die Tätigkeiten von Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) im OPS abzubilden. „Es ist uns leider nicht gelungen, diese im OPS zu codieren“, erklärte Richter. Derzeit arbeiten in Krankenhäusern knapp 6 200 PP und KJP und etwa 6 800 Ärzte mit entsprechenden Weiterbildungen. Angesichts dieser Zahlen müsse man sich fragen, weshalb PP und KJP häufig noch keine Leitungsfunktionen übernehmen können.

Gesetzesinitiative zügig auf den Weg bringen

Der 16. Deutsche Psychotherapeutentag im Mai hatte nach intensiver und schwieriger Diskussion entschieden, künftig nur noch einen Beruf „Psychotherapeut“ mit zwei Spezialisierungen vorzusehen. Während der Psychotherapieausbildung erfolgt eine Grundqualifizierung für die Behandlung aller Altersgruppen. Darauf aufbauend soll ein Schwerpunkt mit vertiefter Qualifizierung entweder für die Behandlung von Erwachsenen oder von Kindern und Jugendlichen gesetzt werden. Voraussetzung soll ein Masterstudiengang sein, der klinische Psychologie, Pädagogik und Sozialarbeit zusammenfasst.

„Wir Psychotherapeuten wissen, dass Verstecktes und Unerwünschtes immer wieder zum Vorschein kommt.“ Gertrud Cormann-Bergau, Präsidentin der niedersächsischen Landeskammer
„Wir Psychotherapeuten wissen, dass Verstecktes und Unerwünschtes immer wieder zum Vorschein kommt.“ Gertrud Cormann-Bergau, Präsidentin der niedersächsischen Landeskammer

Der Vorstand legte nun einen detaillierten Entwurf zu einer Ausbildungsreform vor, die eine Novellierung des Psychotherapeutengesetzes und der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung nach sich zieht. Der Entwurf ist in den wesentlichen Punkten im Kasten „Kernpunkte der Ausbildungsreform“ zusammengefasst. Rainer Richter appellierte an die Delegierten, den Vorstandsentwurf zu verabschieden, um unverzüglich eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen zu können. Denn: „Wir müssen unsere Probleme selbst lösen, andere werden es nicht für uns tun.“ Es gebe keine gemeinsame Linie der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder und des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums. Letzteres hatte zudem gerade in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen deutlich gemacht, vorerst keine Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung auf den Weg bringen zu wollen. Richter sieht eine Chance, die Reform noch in dieser Legislaturperiode umzusetzen. „Wir müssen der Gefahr entgegenwirken, dass der Bachelor für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten hoffähig wird“, begründete er die Eile.

Vor der Umstellung auf Bachelor und Master an den Universitäten konnte die KJP-Ausbildung mit einem Fachhochschuldiplom in einem pädagogischen Fach oder Soziale Arbeit begonnen werden. Diese Abschlüsse wurden durch die Bologna-Reform dem Bachelor gleichgesetzt, weshalb mehr als die Hälfte der Landesprüfungsämter diese niedrigere Qualifikation als Voraussetzung für die Ausbildung anerkennen. Richter stellte klar, dass deshalb einheitliche Vor- aussetzungen für die psychotherapeutische Ausbildung notwendig sind.

Der Vorschlag der BPtK sieht vor, dass für die Ausbildung zum Psychotherapeuten – unabhängig von der Spezialisierung auf KJP oder PP – weiterhin verschiedene Fachrichtungen wie Klinische Psychologie, Erziehungswissenschaften oder Soziale Arbeit offenstehen sollen. Für eine Zulassung zur Ausbildung sollen künftig entsprechende Lehrinhalte aus dem Studium nachgewiesen werden. Vor allem der hohe Anteil psychologischer Inhalte wurde auf dem 17. DPT kontrovers diskutiert. „Wenn auch Nichtpsychologen der Zugang erhalten bleiben soll, verstehe ich den Vorschlag nicht“, sagte Prof. Dr. Michael Borg-Laufs von der Hochschule Niederrhein. Es würden sechs Semester Psychologie verlangt. „Kann es denn ein Studium geben, das fast nur Psychologie enthält, aber nicht Psychologie heißt?“ Sozialpädagogische Studiengänge seien nicht in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen, betonte Borg-Laufs. Auch Dr. Heiner Vogel, Delegierter aus Bayern, befürchtet, dass damit ein breiter Zugang zur Ausbildung gefährdet ist: „Ich glaube weiterhin, dass die Psychologie die Grundlage der Psychotherapie ist. Aber Grundlage muss nicht 100 oder 80 Prozent sein. Das können auch 70 Prozent sein. Wir haben damals zwei Berufe geschaffen und können heute nicht sagen, der eine ist Käse, den lassen wir weg.“ Prof. Dr. Ursula Luka-Krausgrill, Delegierte aus Rheinland-Pfalz, und Barbara Lubisch aus Nordrhein-Westfalen sprachen sich dagegen für einen hohen Psychologieanteil als Zulassungsvoraussetzung aus. „Nach unserer Meinung muss die Psychologie eine wesentliche Rolle spielen“, stellte Luka-Krausgrill im Namen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie fest. Die Beschlüsse des 16. DPT seien bereits ein Kompromiss gewesen.

Jürgen Golomek von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) plädierte indes dafür, sich unabhängig von Psychologie oder Pädagogik auf die notwendigen Kompetenzen zu konzentrieren. „Es sollte doch überlegt werden, welche Kenntnisse und Fähigkeiten jemand haben sollte, der am Ende seines Studiums schon eingeschränkt behandeln soll. Das kommt hier zu kurz.“

Neue Approbation erfordert Qualifizierung der KJP

Die Delegierten stimmten schließlich noch einem Antrag zu, der den Vorstand aufforderte, sich dafür einzusetzen, dass in den Bachelor- und Masterprogrammen Klinische Psychologie und Pädagogik Grundkenntnisse aller wissenschaftlicher Verfahren und Methoden gelehrt werden.

„Wir müssen dafür sorgen, dass es eine starke GKV gibt.“ Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer
„Wir müssen dafür sorgen, dass es eine starke GKV gibt.“ Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Neben den Details zu den Studieninhalten stellte der BPTK-Vorstand auch die geplanten Übergangsregelungen vor (siehe Kasten „Kernpunkte der Ausbildungsreform“). Da die neue Approbation berufsrechtlich zur Therapie von Patienten jeder Altersgruppe bevollmächtigen soll, erhalten KJP diese nicht automatisch. Der Grund: Bisher ermächtigt die KJP-Approbation lediglich zur Behandlung von Patienten, die jünger als 21 Jahre sind. Durch eine Ergänzungsqualifikation können KJP jedoch die grundlegenden Kenntnisse der Erwachsenentherapie erlangen und damit auch die neue Approbation als Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche. Für den Schwerpunkt Erwachsene ist diese Zusatzqualifikation jedoch nicht ausreichend. Um diese zu erlangen, müssen KJP eine entsprechende Weiterbildung nachweisen. Die bayerische Delegierte Gerda Gradl äußerte Bedenken: „Wenn ich es richtig verstanden habe, wird den KJPlern mit der Übergangsregelung etwas weggenommen.“ Der Vorstand der BPtK stellte klar, dass dies nicht der Fall sei. Man wolle jedoch einen Beruf, der dazu befähigt, alle Altersgruppen zu behandeln. Dies sei KJP nach der geltenden Approbation nicht erlaubt, weshalb eine Ergänzungsqualifikation notwendig sei.

Studierende sollen noch zehn Jahre die Möglichkeit haben, nach den derzeit gültigen Voraussetzungen die Ausbildung abzuschließen. Allerdings erhalten sie dann ihre Approbation auch nach den „alten“ Bedingungen. Wenn sie die fehlenden Studieninhalte während der Ausbildung nachholen, können sie diese auch mit der neuen Approbation als Psychotherapeut abschließen.

Weitere Kritik an dem Reformkonzept gab es hinsichtlich der Verkürzung der praktischen Ausbildung in einer psychiatrischen Klinik von 1 200 auf 600 Stunden. „Es ist von einer Klinik nicht zu verlangen, jemanden, der nur vier bis sechs Monate dort ist, angemessen zu begleiten und auch noch zu bezahlen“, bemängelte Dr. Gregor Peikert, OPK. „Welche Klinik kann sich das leisten?“ Während psychiatrische Kliniken in Ostdeutschland das psychiatrische Jahr oftmals vergüten, müssen angehende Psychotherapeuten anderswo diese Zeit häufig komplett selbst finanzieren.

Nicht nur Patienten, auch Babys müssen versorgt werden.
Nicht nur Patienten, auch Babys müssen versorgt werden.

Nicht durchsetzen konnte sich ein Antrag mit der Forderung, dass künftig bereits die vertiefte Ausbildung in jedem der wissenschaftlich anerkannten Verfahren regelhaft zur Eintragung in das Arztregister führen soll. Die Antragsteller beriefen sich auf die Position, dass das Sozialrecht dem Berufsrecht folgen solle. „Wir würden uns selbst ein Bein stellen, wenn wir mit dieser Forderung kommen“, erklärte Peter Lehndorfer, Mitglied des Vorstands.

Alfred Kappauf, Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, läutete schließlich die Abstimmung ein: „Ich bin von dem Reformvorschlag begeistert.“ Man dürfe die große Linie nicht aus den Augen verlieren. „Wenn wir heute entscheiden, setzen wir ein Signal.“ Die Reform sei deshalb noch lange nicht umgesetzt: „Die Politik wird noch genügend Kritik daran haben“, glaubt Kappauf. Der 17. DPT nahm schließlich mit der großen Mehrheit von 74 Ja-Stimmen zu 17 Nein-Stimmen den Reformvorschlag des Vorstands an.

Petra Bühring, Dr. rer. nat. Marc Meißner

Resolutionen

Chancen für die Prävention von Glücksspielsucht durch Neugestaltung des staatlichen Glücksspielmonopols nutzen

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat kürzlich in seinem Urteil über das deutsche staatliche Glücksspielmonopol die inkonsequente deutsche Suchtpolitik kritisiert. Man könne nicht auf der einen Seite ein staatliches Monopol festlegen, mit der Begründung, dass Suchtgefährdungen begrenzt werden sollen, während man auf der anderen Seite Werbung für Glücksspiele zulasse und indirekt betreibe. Glücksspiele, wie Kasino- oder Automatenspiele, die nicht dem staatlichen Monopol unterliegen, wiesen zudem ein höheres Suchtpotenzial auf. Die deutschen Behörden betrieben eine Politik, die zur Teilnahme an diesen Spielen ermuntere. Der Staat verdiene am Glücksspielmarkt in großem Umfang mit. 2009 gingen etwa 2,6 Milliarden Euro aus Lottoeinnahmen in die Landeshaushalte sowie in Sport, Kultur und soziale Projekte. Gleichzeitig betreiben circa 100 000 Menschen pathologisches Glücksspiel.

Der 17. Deutsche Psychotherapeutentag schließt sich der Kritik des EuGH an. Er fordert die Politik auf, die notwendige Neugestaltung des Glücksspielmonopols zu nutzen, um den präventiven Anspruch des Gesetzes und damit den Gesundheitsschutz in den Mittelpunkt zu stellen.

Bessere psychotherapeutische Versorgung von Migranten

Der 17. DPT fordert eine bessere psychotherapeutische Versorgung von Migranten: Ausländerbehörden sollten über mehrsprachige Informationen zu psychischen Erkrankungen und psychotherapeutischen Angeboten verfügen. Migranten brauchen muttersprachliche Psychotherapie. Deshalb sollten die Bedarfsplanungs-Richtlinien erweitert werden in dem Sinne, dass ein zusätzlicher lokaler Sonderbedarf vorliegt, wenn der Anteil von Migranten in einem Stadtbezirk mehr als zehn Prozent beträgt. Krankenhäuser sollten verpflichtet werden, in ihren Qualitätsberichten Angaben über spezifische Versorgungsangebote für Migranten zu machen. Asylsuchende sollten die gleichen Gesundheitsleistungen erhalten wie Sozialhilfeempfänger. Interkulturelle Kompetenz sollte verbindlich in die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung der Psychotherapeuten aufgenommen werden.

Kernpunkte der ausbildungsReform

  • Ausbildungsziel ist der Beruf „Psychotherapeut“, dessen Kompetenzprofil in der Approbationsordnung definiert ist. Die von Psychotherapeuten ausgeübte Heilkunde umfasst neben der Diagnostik und Behandlung auch Prävention und Rehabilitation.
  • Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung sind ein abgeschlossener Bachelor- und Masterstudiengang oder gleichwertige Studiengänge, deren Inhalte in der Approbationsordnung festgelegt werden.
  • Bei Vorliegen der Eingangsqualifikationen und Nachweis von Praktika (die studienbegleitend abgeleistet werden können) kann die Zulassung zum schriftlichen Teil der Staatsprüfung über die heutigen Grundkenntnisse erfolgen. Diese Kenntnisse können bereits während des Studiums, aber auch zum Teil während der postgradualen Ausbildung erworben werden.
  • Nach bestandener Prüfung wird eine eingeschränkte Behandlungserlaubnis erteilt, wenn ein Vertrag mit einer anerkannten Ausbildungsstätte vorliegt. Diese ist Voraussetzung für das Absolvieren der praktischen Ausbildung und berechtigt zur Behandlung von Patienten unter Aufsicht oder Supervision im Rahmen des Ausbildungsverhältnisses und zum Führen der Bezeichnung „Psychotherapeut in Ausbildung“ (PiA).
  • Theoretische und praktische Ausbildung beinhalten einen einheitlichen Teil für die Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und einen besonderen Teil zum Behandlungsschwerpunkt Erwachsene oder Kinder und Jugendliche. Die Ausbildung hat mit 4 200 Stunden denselben Umfang wie die derzeitige Ausbildung.
  • Die theoretische Ausbildung umfasst mindestens 600 Stunden und erstreckt sich im Umfang von 100 Stunden auf erweiterte Grundkenntnisse für die psychotherapeutische Tätigkeit und im Umfang von 500 Stunden auf Spezialkenntnisse in einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren.
  • Die praktische Ausbildung besteht aus zwei Teilen und orientiert sich an einem Lernzielkatalog. Der (teil-)stationäre erste Teil dauert mindestens ein Jahr mit 1 200 tatsächlich geleisteten Stunden, von denen mindestens sechs Monate mit 600 Stunden auf eine psychiatrische Einrichtung entfallen müssen.
  • Der zweite Teil ist die vertiefte Ausbildung in einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren und umfasst mindestens 700 Behandlungsstunden in einer Einrichtung, an der ambulante psychotherapeutische Behandlungen durchgeführt werden. Mindestens die Hälfte der Behandlungsstunden ist in der ambulanten Versorgung zu erbringen.
  • Am Ende der Ausbildung erfolgt eine mündliche Prüfung über die weitergehenden Grundkenntnisse und das Vertiefungsverfahren. Anschließend kann eine Approbation als Psychotherapeut erteilt werden, die berufsrechtlich zur Ausübung von Psychotherapie mit allen Altersgruppen befugt.
  • Bei vertiefter Ausbildung in einem Richtlinienverfahren sind die Voraussetzungen für die Abrechnung von Behandlungen in dem Verfahren und dem gewählten Altersbereich zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung erfüllt, und auf Antrag kann die Eintragung in das Arztregister erfolgen. Durch Weiterbildung kann die Fachkunde für die jeweils andere Altersgruppe erworben werden.
  • Übergangsregelungen sehen vor, dass PP automatisch die Bezeichnung „Psychotherapeut mit Schwerpunkt Erwachsene“ und bei Vorlage der Fachkunde für Kinder und Jugendliche auch die Schwerpunktbezeichnung „Kinder und Jugendliche“ führen können. KJP können nach einem Anpassungslehrgang die Bezeichnung „Psychotherapeut mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche“ führen. Darauf aufbauend können sie als neue Option über eine Weiterbildung die Schwerpunktbezeichnung „Erwachsene“ erwerben. Ausbildungsteilnehmer und Studierende können die Ausbildung nach den heute gültigen Vorschriften im Laufe von zehn Jahren nach Inkrafttreten der Änderungen abschließen.
  • Eine Erprobungsklausel ermöglicht in Modellstudiengängen alternative Ausbildungskonzepte zum Psychotherapeuten.

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