ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2010Fritz Tobergte: Auf verschlungenen Pfaden

KUNST UND SEELE

Fritz Tobergte: Auf verschlungenen Pfaden

PP 9, Ausgabe Dezember 2010, Seite 530

Telger, Klaus

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Fritz Tobergte (1913–1989) arbeitete in seiner Jugend im Betrieb seines Vaters, hatte eine gute Sütterlinschrift und interessierte sich für Philosophie und Psychologie. Empfindsam und in sich gekehrt, wie er war, machte er sich scheinbar sinnlose Notizen. Ab 1935 lebte er im Wohnbereich des Alexianer-Krankenhauses, jedoch erst im höheren Lebensalter begann seine künstlerische Entwicklung. Erste Zeichnungen liegen seit den frühen 70er Jahren vor. Mit Beginn der Kunsttherapie Mitte der 80er Jahre fand er mit einer ungewöhnlichen und ganz eigenen Bildsprache seinen persönlichen Stil.

Endlose spiralige, wellenförmige Linien gehen in Ornamente, Figuren Wörter und Sätze über.
Endlose spiralige, wellenförmige Linien gehen in Ornamente, Figuren Wörter und Sätze über.

Seine Motive und Bilder entstehen aus endlos verschlungenen, spiraligen und wellenförmigen Linien, welche immer wieder aus dem Gegenständlichen heraus in Wörter und Sätze übergehen, sich in Ornamente verwandeln oder im Nichts auflösen. So entwickelten sich Bilder mit Kreuzen, Häusern, Straßenbahnen, orthodoxen Kirchen und immer wieder mit kreuzförmigen Menschen mit Krone und Wundmalen auf riesigen, manchmal von Pfeilen durchbohrten Händen und Füßen. Philosophische Ideen, religiöse Visionen, Gebete und Liedbuchtexte verdichten sich hier zu einer eindringlichen Symbolik.

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Auch die Zeichentechnik selbst spiegelt Transzendenz wieder: Endlose Linien zwischen Zeit und Ewigkeit, Strukturen, welche entstehen und gleichzeitig zerfließen und auf meterlangen Tapetenrollen jedes konventionelle Format sprengen.

Gleichzeitig begegnet uns Tobergte in seiner Kunst als ein besonders sensibler Mensch, dessen Denken und Fühlen verwoben ist mit der Umgebung, der Religion und der Philosophie. Das ständige Hin und Her, das Schwingen und Fließen der Linien gleicht verschlungenen Lebenspfaden: Ausdruck und Abbild des Lebensgefühls und der Lebensgeschichte eines Künstlers in permanenter innerer Bewegung.

Tobergte hat beim Zeichnen und Schreiben immer vor sich hingesprochen, wie ein Schulkind beim Schreiben eines schwierigen Textes. Er konnte dabei so laut werden und zwischendurch aufstehen, dass er durchs ganze Haus zu hören war. Therapeutin und Gruppe brachten eine erstaunliche Geduld auf. Tobergte war aber ein sehr gütiger und freundlicher Mensch, auch wenn er laut war.

Dr. Klaus Telger, Alexianer-Krankenhaus Münster

Biografie
Fritz Tobergte

Geboren 1913, arbeitete Tobergte im Betrieb seines Vaters. Von 1935 bis zu seinem Tod lebte er im Wohnbereich des Alexianer-Krankenhauses.

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