ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2010Philosophische Praxis: Sich kümmern um ratlos Gesunde

BÜCHER

Philosophische Praxis: Sich kümmern um ratlos Gesunde

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

1981 eröffnete der Philosoph Gerd Achenbach in Bergisch Gladbach die erste philosophische Praxis. Heute arbeiten philosophische Praxen weltweit, ein Verzeichnis enthält für den deutschsprachigen Raum etwa 180 Einträge. Seit 2009 gibt es einen Berufsverband. Der Autor hat Philosophie studiert und ist in personenzentrierter Psychotherapie ausgebildet. In seiner Studie fragt er zunächst nach dem jeweils Eigenen von Psychotherapie und philosophischer Praxis; in einem dritten Teil bezieht er beide Begriffe aufeinander.

Verglichen mit der Philosophie ist „Psychotherapie“ ein junger Begriff, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals verwendet wird. Sämtliche Versuche zu definieren, was genau Psychotherapie sei, bleiben unzulänglich und werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Ihre Verortung „zwischen Konfession und Profession“ (Klaus Grawe), also zwischen einem Dogmatismus verschiedener Schulen und einem Reduktionismus, der unvermeidbar scheint, wenn Psychotherapie sich lediglich als angewandte Wissenschaft begreift, spiegelt das Dilemma wider: Dienst am Seelischen, die heilsame Pflege einer kranken Seele ist immer mehr als wissenschaftliche Psychotechnik.

Anzeige

Demgegenüber ist philosophische Praxis im Verständnis ihres Begründers „ganz entschieden keine Therapie“, „philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen“, „individuell zum Ausdruck gebrachte Philosophie“, „freies Gespräch“ – eine Einrichtung für Menschen, die sich zwar im Alltag bewähren, denen es jedoch ein Anliegen ist, sich über ihr Leben Rechenschaft zu geben.

Da liegt eine pragmatische Trennung nahe: Psychotherapie kümmert sich um psychisch Kranke, philosophische Praxis um ratlos Gesunde. Brandt widersteht dieser Versuchung und begreift beide als Momente derselben Wirklichkeit. Damit sind sie keine Alternativen – denn keine kann die andere einfach ersetzen –, sondern konkurrieren um eine gemeinsame Mitte.

Ein bedenkenswertes Buch. Eine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten bleibt indes schwierig. Ob und wie Psychotherapie und philosophische Praxis voneinander lernen werden, muss sich zeigen. Dass man angesichts verschiedener Richtungen von Psychotherapie kaum anders als im Plural sprechen kann, leuchtet ein. Doch philosophische Praxis im Singular den Psychotherapien gegenüber zu behaupten, erscheint nicht gerechtfertigt. Dazu unterscheiden die einzelnen Praxen sich zu sehr und sind geprägt von Persönlichkeit und Ausbildung des jeweiligen Praktikers. Christof Goddemeier

Daniel Brandt: Philosophische Praxis. Ihr Begriff und ihre Stellung zu den Psychotherapien. Alber, Freiburg 2010, 211 Seiten, kartoniert, 29 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote