ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2010Menschenbilder: Spannender transdisziplinärer Diskurs

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Menschenbilder: Spannender transdisziplinärer Diskurs

Koch, Joachim

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Spannend sind viele der mehr als 30 Aufsätze des Sammelbandes, der eine Tagung dokumentiert, die im Jahr 2008 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld stattgefunden hat. Kriminal-, Human-, Gesellschaftswissenschaften, Geschichts- und Gesundheitswissenschaften führen in einem weit gespannten Spektrum einen transdisziplinären Diskurs mit den Neurowissenschaften. Es geht um aktuelle Entwicklungen von Hirnforschung und bildgebenden Verfahren und deren Verwendung zu weit reichenden kriminalpolitischen sowie kriminologischen Aussagen, zum Beispiel über die Vorhersagbarkeit kriminellen Verhaltens mithilfe von Magnetresonanztomografie. Die Forschungsresultate legen nahe, dass es nicht mehr nur um die Frage der Dominanz einer Disziplin in der Fundierung gesellschaftlichen Umgangs mit Kriminalität gehen kann, sondern um die grundsätzliche Frage des Verhältnisses von Staat und Individuum und um das Menschenbild in der heutigen globalisierten Gesellschaft. Hier spielt die Anlage-Umwelt-Diskussion weiter eine wichtige Rolle und die Frage nach der Verantwortung der Täter für ihre Straftaten im Rahmen der Willensfreiheitsdebatte.

Der Titel des Buches lässt zuerst an gefährliche Menschen denken, an solche, die anderen Menschen gefährlich werden können, diese vielleicht existenziell bedrohen. Auf den zweiten Blick – und das ist auch auf der Tagung diskutiert worden – bezieht sich der Begriff auf die Bilder, die man sich von Menschen macht. Man kann sich auch Bilder von gefährlichen Menschen machen, von Kriminellen und Straftätern, und ihnen das Menschsein absprechen. Diesen hochproblematischen Umgang mit der Bewertung von Menschen thematisieren Friedemann Pfäfflin und Franziska Lamott in ihrem Beitrag mit dem Titel „Von tierischen und menschlichen Raubtieren“. Es wird verdeutlicht, dass die Rede von Straftätern als Bestien oder Raubtieren eine längere Tradition hat. An ausgewählten Beispielen demonstrieren Pfäfflin und Lamott entsprechende Zuspitzungen und hinterfragen sie bezüglich ihrer Funktion. Die Autoren untersuchen Tiermetaphern für Menschen und besonders auch die US-amerikanischen predator laws (Raubtier-Gesetze), die sich gegen Sexualstraftäter richten. Sexualstraftäter haben keine Möglichkeit in die Gesellschaft reintegriert zu werden. Mit dem 1990 verabschiedeten „Sexual Violent Predator Act“ wird erlaubt, als gefährlich eingestufte Sexualstraftäter unbefristet unterzubringen.

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Aus entwicklungs- beziehungsweise persönlichkeitspsychologischer Sicht behandelt Jens B. Asendorpf langfristige Konsequenzen früher Aggressivität auf antisoziales Verhalten im frühen Erwachsenenalter. Der Autor beschäftigt sich mit der Bedeutung von Genetik und Umwelt für Aggressivität und Delinquenz. Er skizziert ein Entwicklungsmodell für antisoziale Tendenzen und zeigt anhand einer 20-jährigen Längsschnittstudie, dass sich aggressives und delinquentes Verhalten im Alter zwischen 18 und 23 Jahren aus Erzieherurteilen im Kindergarten statistisch überzufällig vorhersagen lässt.

Eine Schwäche hat dieser Sammelband – auch wenn Lorenz Böllinger die doch unterschiedlichen Beiträge in einer Einleitung zusammenbindet –, es handelt sich um viele kurze Beiträge, die vom Leser fordern, sich immer wieder auf neue andere Aspekte einzustellen. Das lässt den Wunsch nach einem Thema und einem längeren zusammenhängenden Text wachsen. Joachim Koch

Lorenz Böllinger, Michael Jasch, Susanne Krasmann, Arno Pilgram, Cornelia Prittwitz, Herbert Reinke, Dororthea Rzepka (Hrsg.): Gefährliche Menschenbilder. Biowissenschaften, Gesellschaft und Kriminalität. Nomos, Baden-Baden 2010, 441 Seiten, kartoniert, 79 Euro

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