ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2010Traumaforschung: Unterschiedliche Formen der Erinnerung

BÜCHER

Traumaforschung: Unterschiedliche Formen der Erinnerung

PP 9, Ausgabe Dezember 2010, Seite 559

Eichenberg, Christiane

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Sind Erinnerungen an traumatische Ereignisse realitätsgerecht oder entsprechen sie eher Fantasien? Ist es therapeutisch unerheblich, ob eine Erinnerung realistisch ist oder nur subjektiv vorhanden? Können aufgrund der Form der Erinnerung an traumatische Erfahrungen diagnostische Aussagen gemacht werden? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Erinnerung und der indizierten Behandlungstechnik?

Die Autorin geht in ihrem Buch diesen Fragen nach und untersucht auf der Grundlage von Forschungsergebnissen aus der Gedächtnispsychologie, der Neurobiologie und eines in einer vorangehenden Untersuchung entwickelten „Integrationsmodells traumatischer Erfahrungen“, welche unterschiedlichen Formen der Erinnerung sich im Verlauf einer Traumabearbeitung zeigen. Das von ihr entwickelte Modell gliedert sich in zwei Phasen: In der ersten Phase geht es um die Kenntnisnahme – das psychische Realisieren – der traumatischen Geschehnisse. Erst in der zweiten Phase können die subjektive Bedeutung der erlebten Traumata und die daraus resultierenden Konflikte aufgearbeitet werden. Innerhalb dieser Phasen übernimmt der Vorgang des Erinnerns eine jeweils unterschiedliche Funktion. Anhand von Fallbeispielen beschreibt die Autorin anschaulich, welche Formen der Erinnerung zu Beginn der Traumabearbeitung vorherrschen und wie diesen dissoziierten Fragmenten der traumatischen Erfahrung eine symbolische Fassung gegeben werden kann, damit sie in ein autobiografisch kohärentes Narrativ integriert werden können.

Anzeige

Auch die Frage, ob eine erfolgreiche Traumabehandlung sich auf eine Bearbeitung der „psychischen Realität“ traumatisierter Patienten beschränken könne, versucht die Autorin mittels Forschungsergebnissen und Fallvignetten aus Traumatherapien zu beantworten. Wenn im Einzelfall, zum Beispiel bei einer diagnostischen Untersuchung, die Frage geklärt werden soll, ob die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis realistischen Charakter hat oder nicht, stellt das „Integrationsmodell der traumatischen Erfahrung“ differenzierte Kriterien zur Verfügung, die Aussagen darüber ermöglichen, in welchem Stadium der Traumaverarbeitung sich die Patienten befinden und welche Funktion die Erinnerung in der jeweiligen Traumabearbeitungsphase hat. Die Antworten auf diese Fragen haben unmittelbare Konsequenzen für die Therapie. Aufgrund der Form der Erinnerung wird es nicht nur möglich, Aussagen darüber zu machen, wie weit traumatische Erfahrungen psychisch integriert werden konnten, sondern auch welche Behandlungstechnik entsprechend der Art der Erinnerung angewendet werden sollte. Unterschiedliche, insbesondere für Traumabehandlungen entwickelte Techniken werden dementsprechend auf der Grundlage des veränderungstheoretischen Wissens des Integrationsmodells der Traumaverarbeitung diskutiert und deren Bedeutung in den unterschiedlichen Behandlungsphasen aufgezeigt. Christiane Eichenberg

Rosemarie Barwinski: Die erinnerte Wirklichkeit. Zur Bedeutung von Erinnerungen im Prozess der Traumaverarbeitung. Asanger, Kröning 2009, 172 Seiten, 24,50 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema