ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2010Deutsches Technikmuseum Berlin: Pillen und Pipetten

KULTUR

Deutsches Technikmuseum Berlin: Pillen und Pipetten

PP 9, Ausgabe Dezember 2010, Seite 563

Theurich, Hans-Peter

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Am Beispiel des ehemaligen Schering-Konzerns informiert eine Dauerausstellung über historische und aktuelle Themen der chemischen und pharmazeutischen Industrie.

Am Molekülmodell von Kampfer gibt es eine Hörstation für Besucher der Ausstellung „Pillen und Pipetten“. Fotos: Hans-Peter Theurich
Am Molekülmodell von Kampfer gibt es eine Hörstation für Besucher der Ausstellung „Pillen und Pipetten“. Fotos: Hans-Peter Theurich

Die im Juni gestartete Dauerausstellung „Pillen und Pipetten“ im Deutschen Technikmuseum Berlin (DTMB) lockt vor allem Wissenschaftler von morgen an: Fauchend jagt eine Rakete in die Luft und explodiert am nächtlichen Himmel über dem Alexanderplatz. Begeistert mischen ein paar Gymnasiasten aus Brandenburg am Touchscreen explosive Ingredienzien. Dann wiederholen sie das virtuelle Feuerwerk per Knopfdruck auf einem riesigen Monitor – fast wie professionelle Pyrotechniker.

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Das DTMB beschreitet offenbar erfolgreich neue Wege. „Wir wollen vor allem Kinder und Jugendliche für wissenschaftliche Themen interessieren“, erklärt Kurator Volker Koesling. Am Beispiel des ehemaligen Schering-Konzerns informiert die Ausstellung über historische und aktuelle Themen der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Ein Novum in der deutschen Museumslandschaft. „Künftig soll es bei uns nicht nur um Technik gehen, sondern verstärkt auch um Wissenschaft“, sagt Dirk Böndel, Direktor der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin.

Lokomotiven, Oldtimer oder Schiffe – dafür stand das DTMB bislang. Auf 400 Quadratmetern Fläche haben die Ausstellungsmacher von „Pillen und Pipetten“ ihre These umgesetzt: „Unsere moderne Zivilisation stammt aus dem Labor!“ Ob es um Mikroliterpipetten geht oder um Ameisenmittel, die meisten Objekte stammen aus dem Scheringianum, dem Firmenmuseum, das der Schering-Stiftung übereignet wurde. „Aber wir verstehen uns nicht als verlängerter Arm eines Konzerns“, betont Koesling. Damit spielt der Chemiker auf die Übernahme von Schering durch die Bayer AG im Jahr 2006 an.

Die Schau im Technikmuseum dokumentiert den Aufstieg von Ernst Schering, der 1851 als Apotheker am Nordrand des damaligen Berlin (heute Berlin-Mitte) seine Karriere begann. In einem kleinen Labor experimentierte er mit besonders reinen Chemikalien, um die Gesundheit seiner Kunden nicht zu belasten. Wenige Jahre später gründete Schering eine chemische Fabrik. Die Belieferung der deutschen Armee mit Arzneimitteln im Krieg gegen Frankreich 1870/71 brachte für den Unternehmer den Durchbruch und die Umwandlung seiner Firma in eine Aktiengesellschaft.

Ein virtuelles Feuerwerk über Berlin können Besucher der Ausstellung „Pillen und Pipetten“ selbst inszenieren.
Ein virtuelles Feuerwerk über Berlin können Besucher der Ausstellung „Pillen und Pipetten“ selbst inszenieren.

Spannend aufbereitet ist in der Ausstellung die Geschichte von Drospirenon, das Schering entwickelt hatte. Vorklinische Tests ergaben 1976, dass dieser synthetische Arzneistoff den Blutdruck senkt – für die Entwicklung eines Herz-Kreislauf-Mittels aber nicht ausgeprägt genug, bewiesen später klinische Tests. Allerdings stellten die Wissenschaftler der Firma Schering eine gestagene Wirkung durch Drospirenon fest. Während die jahrelange Forschung an Herz-Kreislauf-Mitteln eingestellt wurde, liefen Testreihen mit Drospirenon als Gestagen für eine Antibabypille an. Es folgten klinische Studien mit diesem Wirkstoff und einem Östrogen – bis das Arzneimittel als Ovulationshemmer im Jahr 2000 auf den Markt kam.

Passend zum Thema Pillen befindet sich in dem Raum, in dem die Geschichte von Drospirenon geschildert wird, auch eine Tabletten-Rundläuferpresse, Baujahr 1984. Ihr Ausstoß lag bei 300 000 Tabletten in der Stunde. Auf Wunsch schaltet das Museumspersonal den mannshohen Kasten gern an. Überhaupt wird in der Ausstellung viel Wert auf Interaktion gelegt.

Schering entwickelte aus Kiefernharz synthetischen Kampfer. Ende des 19. Jahrhunderts konnte man endlich Billardkugeln daraus anfertigen und auf Elfenbein verzichten. „Ob es um Tierversuche oder Umweltschäden durch Pflanzenschutzmittel geht, in dieser Ausstellung kann sich jeder ein Urteil über die chemisch-pharmazeutische Industrie bilden und Vorurteile durch Informationen ersetzen“, sagt Kurator Koesling.

Informationen: Deutsches Technikmuseum Berlin, Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin-Kreuzberg, Internet: www.sdtb.de.

Hans-Peter Theurich

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