ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg: Konsens auf dem Papier

POLITIK

Hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg: Konsens auf dem Papier

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2424 / B-2104 / C-2064

Rieser, Sabine

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Hausärzteverband, Medi und Kinder- und Jugendärzteverband in Baden-Württemberg haben sich schriftlich auf einen fairen Umgang miteinander verständigt. Doch die Konflikte sind nicht wirklich bereinigt.

Die Überschrift klingt gut. „Haus- und Kinderärzte beenden Streit um hausarztzentrierte Versorgung“, melden der Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Hausärzteverbands (HÄV) und Medi Baden-Württemberg am 5. November. Verwiesen wird auf ein Konsenspapier zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen, das die Verbände und der Landesverband des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) unterschrieben haben. Dafür hatte das moderierende Landessozialministerium über Wochen Gespräche geführt und Entwürfe abgestimmt.

Einschreibewillige Eltern sollen fair informiert werden

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Der gesundheitliche Zustand der Kinder und Jugendlichen im Land sei „im nationalen und internationalen Vergleich sehr gut“, heißt es im Konsenspapier. Dies sei auch Ergebnis einer „erfolgreichen dualen Versorgung in der ambulanten hausärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch Allgemeinärzte einerseits und niedergelassene Kinder- und Jugendärzte andererseits“. Darüber hinaus wird betont, dass in diesem dualen System „die Versorgung bei Ärzten für Kinder- und Jugendmedizin in Regionen mit hoher Niederlassungsdichte der Regelfall“ ist. Wie bei allen Arztgruppen seien aber Ungleichverteilungen in der Niederlassungsdichte zu beobachten. Deshalb stellten vor allem im ländlichen Raum „Allgemeinärzte mit ihren Kenntnissen die alltägliche Versorgung vieler Kinder und Jugendlicher sicher“.

Eltern sollten auf der Basis einer „freien und fairen Information“ entscheiden können, welchen Arzt sie mit ihrem Kind aufsuchen und ob sie sich in einen Hausarztvertrag einschreiben, haben die drei Unterzeichner darüber hinaus festgelegt. Auf „einseitige oder tendenziöse Information und Beratung“ bei der Einschreibung will man verzichten.

Das Konsenspapier hat der Landesverband des bvkj unterschrieben, nicht jedoch an der Pressemitteilung mitgewirkt. Kein Zufall, denn wirklich zufrieden ist der bvkj-Landesvorsitzende, Dr. med. Klaus Rodens, nicht. Er hofft, dass die Abmachung zur atmosphärischen Verbesserung beiträgt. Es werde Zeit, „überhaupt wieder miteinander zu reden, ohne das Gegenüber zu vereinnahmen“, betont Rodens.

Ein 3-Säulen-Modell als Kompromissvorschlag

Das Konsenspapier ändert aus seiner Sicht nichts daran, dass seine Arztgruppe in Baden-Württemberg im Vertragsgeschäft schlechte Karten hat. Rodens bedauert, dass einer der Pioniere beim Abschluss von Hausarztverträgen nach § 73 b Sozialgesetzbuch V, die AOK Baden-Württemberg, kein Interesse daran hat, mit dem bvkj separat eine Vereinbarung zu treffen. Kinderärzte könnten am bestehenden Vertrag teilnehmen, sagt der AOK-Vorstandsvorsitzende, Dr. Rolf Hoberg: „Ein zusätzlicher Vertrag erscheint mir nicht erforderlich.“

Zum einen sei eine gute kinderärztliche Versorgung im Rahmen des Kollektivvertrags gesichert, zum anderen sei man „vom Grundsatz her auseinander“, erläutert Hoberg. Die AOK Baden-Württemberg ist im Gegensatz zum bvkj dagegen, eine Altersgrenze zu ziehen und vorzugeben, von welchem Alter an Hausärzte den Nachwuchs behandeln dürfen. Hoberg hält zudem nichts von den bvkj-Forderungen nach mehr Einzelleistungsvergütung: „Wir sehen die Pauschalierung als richtigen Ansatz.“

Lob für ihr Konsenspapier haben die drei Verbände gleichwohl aus einer anderen Ecke Deutschlands bekommen: vom Forum Pädiatrie des HÄV-Landesverbands Westfalen-Lippe. Dessen Mitglieder beschäftigen sich mit fachlichen und gesundheitspolitischen Fragen der Pädiatrie in der Praxis von Allgemeinmedizinern. Sie sorgen sich nach Angaben eines ihrer Sprecher, Dr. med. Carsten Scholz, darum, dass Kinder- und Jugendärzte die allgemeinärztlichen Kollegen aus der Versorgung junger Patienten drängen könnten, und begrüßen deshalb Absprachen und die Suche nach Kompromissen. Pädiater und Hausärzte stünden gemeinsam in der Verantwortung, Kinder und Jugendliche zu betreuen, heißt es in einer Stellungnahme. Die Positionen des Forums hat der HÄV als die des ganzen Verbandes übernommen.

Das Forum Pädiatrie hat inzwischen ein 3-Säulen-Modell als Diskussionsgrundlage entwickelt:

  • Säule eins wäre die Grundversorgung bei akuten wie häufigen chronischen Erkrankungen. Auch Impfungen, die Vorsorgeuntersuchungen U 2 bis U 9 und J 1 übernähmen beide Berufsgruppen, Allgemein- wie Kinderärzte, nach Wahl der Eltern.
  • Säule zwei, die spezialisierte Versorgung (weitere Vorsorgen, Entwicklungsdiagnostik, komplexe Krankheitsbilder), soll in den Händen von Pädiatern und speziell fortgebildeten Hausärzten liegen. Letzteres könnte man nach Ansicht des Forums prüfen, indem diese Kollegen eine bestimmte Anzahl pädiatrischer cme-Fortbildungspunkte und pro Quartal eine bestimmte Menge an Vorsorgeuntersuchungen nachweisen müssten.
  • Säule drei, die hochspezialisierte pädiatrische Versorgung, bliebe entsprechend qualifizierten Kollegen, zum Beispiel Kardiologen oder Pneumologen, vorbehalten.

Kompromisse auf der Basis von Mindestqualifikationen sind grundsätzlich möglich, wenn man will, meinen sowohl Scholz als auch Rodens. Dieser verweist auf einen Vertrag zwischen bvkj und Techniker-Krankenkasse zu den Vorsorgeuntersuchungen U 10 und U 11, demzufolge auch Allgemeinärzte diese Leistungen erbringen können. Dann müssen sie mindestens 30 Vorsorgeuntersuchungen im Quartal nachweisen.

Sabine Rieser

@Das Konsenspapier ist nachzulesen unter: www.aerzteblatt.de/102424

3 Fragen an . . . Dr. Rolf Thelen, Sprecher Forum Pädiatrie des HÄV

In Baden-Württemberg ist ein Konsenspapier mit Grundsätzen zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen unterzeichnet worden. Was bringt das?

Thelen: Es hilft, das Gegeneinander von Hausärzte- und Kinderärzteverband aufzubrechen. Im Rahmen der Selektivverträge hat es heftige Diskussionen gegeben, wer was darf. Das Konsenspapier ist ein guter Einstieg, gemeinsam zu schauen, wie es weitergeht.

Ist es eine Hilfe für die Kollegen in den Praxen oder ein Beruhigungspapier für Funktionäre?

Thelen: Es hilft hoffentlich den Praxen. Denn die Auseinandersetzung zwischen den Verbänden bricht langsam zur Basis durch. Vor Ort gibt es gute Verbindungen zwischen Allgemein- und Kinderärzten. Aber wenn ständig von oben wechselseitig behauptet wird, man wolle den Kollegen die Kinder und Jugendlichen wegnehmen, führt das irgendwann zu Misstrauen an der Basis. Ein Signal zur Entspannung ist deshalb sinnvoll.

Warum gibt es bislang nur in Baden-Württemberg ein solches Konsenspapier?

Thelen: Es gibt noch ein Kooperationspapier zwischen den Hausärzteverbänden Niedersachsen und Braunschweig und dem niedersächsischen Kinderärzteverband. Das ähnelt dem in Baden-Württemberg. Beides geht in die richtige Richtung.

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