ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Nierenerkrankungen: Früher einen Nephrologen hinzuziehen

MEDIZINREPORT

Nierenerkrankungen: Früher einen Nephrologen hinzuziehen

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2447 / B-2118 / C-2079

Vetter, Christine

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Patienten mit manifester oder drohender chronischer Nierenerkrankung sollten den Facharzt nicht erst konsultieren, kurz bevor die Dialyse ansteht. Trotz entsprechend formulierter Richtlinien findet diese Forderung bislang jedoch kaum Gehör.

Die Mehrzahl der chronischen Nierenerkrankungen entwickelt sich nicht infolge spezifischer nephrologischer Probleme, sondern auf dem Boden eines Diabetes mellitus oder einer arteriellen Hypertonie. Damit gibt es theoretisch und praktisch gute Möglichkeiten, der Nierenschädigung entgegenzuwirken und der terminalen Niereninsuffizienz vorzubeugen.

Allerdings sehen sich die Nephrologen in einem Dilemma: Sie können einerseits die behandelnden Hausärzte in gezielten präventiven Maßnahmen unterstützen, bekommen die betroffenen Patienten in aller Regel aber erst dann zu Gesicht, wenn sich bereits eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz ausgebildet hat und eine Dialysebehandlung ansteht. Nicht zuletzt diese Verzögerung ist die Ursache dafür, dass in Deutschland 67 000 Menschen dialysiert werden.

Positionspapier fordert Behandlung durch Facharzt

Pro Jahr sind derzeit in Deutschland etwa 16 000 Menschen neu von einer terminalen Nierenerkrankung betroffen. „Würden wir Nephrologen früher hinzugezogen, so könnte manchem Patienten die Dialyse erspart oder zumindest über Jahre hinausgezögert werden“, mahnt Prof. Dr. med. Jan Galle, Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie.

Das Problem ist bereits länger bekannt und hat dazu geführt, dass sich im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Vertreter der Patienten-Heimversorgung, des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation und des Verbands Deutscher Nierenzentren ein Positionspapier erarbeitet haben (www.bundesverband-niere.de/1826/positionspapier).

Darin wird unter anderem eine „zeitgerechte Einleitung einer konsiliarischen Kooperation“ gefordert, sobald die Nierenfunktionsleistung 60 ml/min/1,73 m2 unterschreitet. Dem Nephrologen frühzeitig vorgestellt werden müssen demnach nicht nur Patienten mit einer angeborenen Nierenerkrankung (Zystenniere, Anomalie im Bereich der ableitenden Harnwege, Einnierigkeit), sondern insbesondere Hypertoniker und Diabetiker. Zwischen 20 und 40 Prozent aller Patienten mit Diabetes mellitus (definiert ab Mikroalbuminurie) entwickeln im Krankheitsverlauf eine Nierenerkrankung.

Auch Menschen mit positiver Familienanamnese für erbliche Nierenerkrankungen und Patienten mit Autoimmunerkrankung, mit rezidivierendem Harnsteinleiden und mit therapierefraktären Harnwegsinfekten gehören zumindest zur Abklärung der Nierensituation in die Hand des Nephrologen. Das gilt ferner für Menschen, die dauerhaft nephrotoxische Medikamente einnehmen, für Patienten mit chronischen Infekten und für solche im Zustand nach einem akuten Nierenversagen.

Einfache Tests ermöglichen hohes präventives Potenzial

„Sorgen machen uns vor allem die Hypertoniker und die Diabetiker“, betont Galle. Das liegt im Wesentlichen daran, dass circa 60 Prozent der Menschen, die heutzutage dialysepflichtig werden, entweder an einem Diabetes oder einer Hypertonie oder an beiden Erkrankungen gleichzeitig leiden. Glomerulonephritiden machen dagegen nur 13 Prozent der terminalen Nierenerkrankungen aus; und angeborene Nierenerkrankungen nur etwa zehn Prozent. Damit gibt es ein enormes präventives Potenzial, zumal sich anhand einfacher Untersuchungen wie der Kreatininbestimmung im Blut und der Proteinbestimmung im Urin rasch, einfach und preiswert ermitteln lässt, ob im individuellen Fall mit Blick auf die Niere Gefahr im Verzug ist.

„Gibt es Hinweise auf eine eingeschränkte Nierenfunktion, dann muss ein Nephrologe hinzugezogen werden, um abzuschätzen, ob weiterführende Untersuchungen angezeigt sind, welche Prognose der Patient hat und wie engmaschig er überwacht werden muss“, fordert Galle. Außerdem könne er den Hausarzt in seinen Bemühungen unterstützen, Blutdruck und Blutzucker noch strenger einzustellen.

Dass es sich um ein relevantes Problem handelt, ist Galle zufolge anhand von Zahlen zu belegen: Zwar fehlen bislang in Deutschland entsprechende Register, aus skandinavischen Daten aber lässt sich hochrechnen, dass hierzulande etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung eine Nierenerkrankung im Stadium III aufweisen. Weitere zwei Prozent leiden demnach an einer Erkrankung im Stadium IV. Damit dürfte die Zahl der Menschen mit leichter bis mäßiggradig eingeschränkter Nierenerkrankung hierzulande enorm hoch sein, wobei dies den meisten Betroffenen nicht bekannt ist.

Nierenparameter regelmäßig überprüfen

Damit Patienten frühzeitig einem Nephrologen vorgestellt werden können, müssen die Nierenparameter bestimmt werden – was laut Galle bei allen Personen jenseits des 35. Lebensjahres regelmäßig erfolgen sollte. Zeigen sich keine Auffälligkeiten und handelt es sich nicht um eine Risikoperson, so reicht es aus, die Untersuchung nach circa fünf Jahren zu wiederholen. „Bei Hypertonikern und Diabetikern sollte man allerdings auch bei negativem Befund die Nierenparameter alle ein bis zwei Jahre kontrollieren“, sagte Galle.

Dass sich die frühzeitige Diagnosestellung bei Nierenschädigungen lohnt, zeigt sich an der langsam sinkenden Zahl von Diabetikern, die einer Nierenersatztherapie bedürfen. Das liegt vermutlich an zahlreichen Informationskampagnen. Demgegenüber steigt die Kurve der Patienten, die aufgrund einer vaskulären Nephropathie dialysepflichtig werden, jedoch stetig weiter. Im Hinblick auf die Hypertonie scheint somit hinsichtlich der Nierengesundheit noch ein erheblicher Aufklärungsbedarf zu bestehen. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie hat deshalb nun eine Art Reißleine gezogen. Sie bietet bundesweit entsprechende Fortbildungsveranstaltungen für Allgemeinmediziner, Internisten und Praktiker an.

Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Reinhard Brunkhorst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, bedarf es jedoch auch einer intensiveren Information der Bevölkerung: „Viele Menschen kennen zwar ihre Cholesterinwerte, ihre Nierenwerte hingegen nicht.“

Christine Vetter

Nationale Versorgungsleitlinie Nierenerkrankungen bei Diabetes im Erwachsenenalter vom 30. September 2010 unter www.diabetes.versorgungsleitlinien.de

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