ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Work-Life Balance: Ratgeber in Buchform

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Work-Life Balance: Ratgeber in Buchform

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2471 / B-2147 / C-2103

Gerst, Thomas

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Familie und Beruf zu vereinbaren – dies ist immer noch eine Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte. In einer Buchpublikation der Bundes­ärzte­kammer werden Lösungswege aufgezeigt.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Einer der Gründe des heute schon vielerorts spürbaren und sich sicherlich in Zukunft noch verschärfenden Ärztemangels scheint wenig umstritten. Die heutige Ärztegeneration will mehrheitlich nicht mehr der beruflichen Karriere zuliebe auf ein Privatleben, auf Familie und Kinder verzichten. „Und immer noch prägen hohe Arbeitsverdichtung, patientenferne Bürokratie und mangelnde Wertschätzung der ärztlichen Arbeit den Berufsalltag vieler unserer Kolleginnen und Kollegen“, konstatiert Dr. med. Annegret E. Schoeller von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Sie ist gemeinsam mit Dr. med. Astrid Bühren, der Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, Herausgeberin des Handbuchs „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte – Lebensqualität in der Berufsausübung“. Das Buch richtet sich vor allem an Medizinstudierende und junge Ärztinnen und Ärzte, die im Sinne der Work-Life Balance Studium beziehungsweise Beruf und Familie miteinander verbinden wollen. Es soll aber zudem von denen zur Kenntnis genommen werden, die auf der Seite der Arbeitgeber für die Rahmenbedingungen der ärztlichen Berufsausübung verantwortlich sind.

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Auch im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat man die Bedeutung des Themas erkannt, und so war es Minister Philipp Rösler höchstpersönlich, der am 29. November gemeinsam mit der Bundes­ärzte­kammer die Publikation der Öffentlichkeit präsentierte. „Es ist offensichtlich“, betonte Rösler, „dass sich vor dem Hintergrund des bevorstehenden Ärztemangels alle Beteiligten zusammentun müssen, um den Arztberuf und die Heil- und Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen.“ Eine Arbeitsgruppe im BMG sei mit diesem Thema befasst. Aber das von der Bundes­ärzte­kammer herausgegebene Buch vermittele schon jetzt einen Eindruck, wie familienorientierte Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte künftig aussehen könnten.

Das Buch „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte“ kann kostenfrei über die Landesärztekammern bezogen werden.
Das Buch „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte“ kann kostenfrei über die Lan­des­ärz­te­kam­mern bezogen werden.

Wichtig ist insbesondere, Beispiele zu zeigen, wo solche Arbeitsbedingungen bereits vorbildlich umgesetzt werden. So werden in dem Ratgeber unter anderem Kinderbetreuungsmodelle von Krankenhäusern und medizinischen Fakultäten vorgestellt, die wegweisend sind. Deutlich werde dabei auch, betonte Schoeller anlässlich der Buchvorstellung, „dass Klinikbetreiber, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewusst und aktiv fördern, in Zeiten des Ärztemangels bessere Chancen haben, ärztlichen Nachwuchs an ihre Einrichtungen zu binden“. Familienfreundlichkeit müsse als ein Teil der Unternehmenskultur verstanden werden. Ferner erforderten familienfreundliche Strukturen die Erarbeitung eines systematischen Gesamtkonzepts.

BÄK-Vizepräsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery erörterte bei der Buchvorstellung den Sachverhalt, dass es in Deutschland trotz kontinuierlich steigender Arztzahlen einen zunehmenden Ärztemangel gibt. Dies sei zum einen durch den medizinischen Fortschritt und die demografische Entwicklung bedingt – beide forderten mehr medizinische Leistungen und auch mehr Personal. Hinzu komme aber, führte Montgomery aus, „dass die Medizin weiblich geworden ist“. Seit dem Jahr 1991 sei der Frauenanteil in der Ärzteschaft von 33,6 Prozent auf 42,2 Prozent gestiegen. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass Frauen oftmals andere Lebensperspektiven haben als Männer. Sie stellen sich intensiver familiären Aufgaben, und das bedingt nun einmal, dass sie weniger Arbeit pro Zeiteinheit zur Verfügung stellen können.“

Das Buch zeigt eine Reihe von Beispielen dafür, wie familienorientierte Arbeitsbedingungen aussehen könnten.
Das Buch zeigt eine Reihe von Beispielen dafür, wie familienorientierte Arbeitsbedingungen aussehen könnten.

In dem vorliegenden Buch werde auch bewiesen, dass familienfreundliche Maßnahmen betriebswirtschaftliche Einsparpotenziale und positive ökonomische Kosten-Nutzen-Effekte bewirkten und nicht – wie oft fälschlicherweise vermutet werde – Kosten verursachten. Montgomery lobte die erklärte Absicht des BMG, sich mit dem Thema zu beschäftigen und sich im kommenden Jahr um Anreize für Ärztinnen und Ärzte für eine Tätigkeit in der Patientenversorgung zu kümmern. „Hand in Hand arbeiten wir schon jetzt mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­ter an Konzepten, wie wir die Attraktivität des Arztberufs fördern können.“

Wie ein familienfreundlicher Arbeitsplatz auch im ambulanten Sektor aussehen kann, zeigen die im Buch aufgeführten Gemeinden, die zumindest für Wochenenden und Feiertage Notdienstzentralen eingerichtet haben. Dort arbeiten Ärzte schichtweise im Bereitschaftsdienst und übernehmen damit die Präsenzpflichten der niedergelassenen Kollegen. Die im Buch enthaltenen Checklisten zur Familienfreundlichkeit bieten Ärztinnen und Ärzten eine Möglichkeit, den für sie geeigneten Arbeitsplatz zu identifizieren, an dem Familie und Beruf gut vereinbar sind. Thomas Gerst

@Das Buch im Internet:
www.aerztblatt.de/102471

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