ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Transplantation: Mehr Sensibilität
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Aus meiner Sicht als Anästhesist, Intensivmediziner, Medizinethiker und Transplantationsbeauftragter, der zum Thema Organspende und -transplantation viele Vorträge hält und Gespräche führt, kann ich Frau Siegmund-Schultze nur zustimmen. Ich halte es für problematisch, die Diskrepanz zwischen dem großen Bedarf nach Transplantationen und der begrenzten Zahl gespendeter Organe durch eine Gesetzesänderung lösen zu wollen.

Die erweiterte Zustimmungslösung nimmt als Schutzrecht die Bedenken und Ängste von Menschen ernst, die nicht vorbehaltlos einer Organentnahme zustimmen. Sie baut nicht auf die Uninformiertheit und Gleichgültigkeit derer, die sich nicht äußern, wie es bei den Befürwortern einer Widerspruchslösung immer wieder durchschimmert. Die Widerspruchslösung formuliert eher den Anspruch derer, die auf ein Organ warten. Auch wenn die Möglichkeit, seinen Willen autonom durchzusetzen, bei beiden gesetzlichen Varianten aus philosophischer, rechtlicher und moralischer Sicht gleichermaßen gegeben ist, ist bei einer Widerspruchslösung pragmatisch auch die Intention dabei, mehr Organe wegen fehlender Willensäußerungen zu gewinnen als bei der derzeitig gültigen Zustimmungslösung. Diese Absicht kann von denen als unerträgliche Vereinnahmung des Menschen und seiner Organe durch die Medizin verstanden werden, die heute einer Organspende noch zustimmend gegenüberstehen. Die Forderung wird auch nicht dadurch besser, dass sie vom Ärztetag im Schnellverfahren und von Ärztekammerpräsidenten vertreten wird.

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Es wird immer ein Mangel an Organen bestehen. Denn je komplikationsärmer Transplantationen verlaufen, desto weiter werden die Indikationen für eine solche Therapie gestellt. Das ist nicht nur ein Phänomen der Transplantationsmedizin. Statt einer fragwürdigen Gesetzesänderung sollte dem berechtigten Wunsch nach Erhöhung der Organspendezahlen dadurch entsprochen werden, dass

– die Bereitschaft in den Kliniken gesteigert wird, sich an den Organspendeverfahren zu beteiligen. Das kann auch durch die Arbeit von Transplantationsbeauftragten in Kooperation mit der DSO gefördert werden.

– die selbstkritische Öffentlichkeitsarbeit ausgeweitet wird, in der neben den Chancen, die eine Transplantation eröffnet, auch die nicht zu leugnenden Unwägbarkeiten, Risiken und Grenzen bei Organspende und Transplantation thematisiert werden. Ehrliche Darlegungen schaffen Vertrauen.

– einerseits die Sorgen und Ängste von Menschen angesichts einer als übermächtig erlebten Medizin wahr- und ernstgenommen und andererseits die Möglichkeit zur solidarischen Hilfe für Kranke als Teil unserer sozialen Verantwortung bewusstgemacht werden.

Der Ruf nach einer Widerspruchslösung wirkt wie der Ruf nach der Brechstange. Mehr Sensibilität denen gegenüber, die unsicher sind und die wir für eine Organspende überzeugen wollen, wäre angemessener und meiner Ansicht nach nachhaltig wirkungsvoller.

Prof. Dr. med. Fred Salomon, Klinikum Lippe-Lemgo, 32657 Lemgo

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