ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Hygiene und Öffentliche Gesundheit: Plädoyer für eine bessere Verankerung in Universitäten

THEMEN DER ZEIT

Hygiene und Öffentliche Gesundheit: Plädoyer für eine bessere Verankerung in Universitäten

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2444 / B-2116 / C-2076

Teichert-Barthel, Ute; Eikmann, Thomas; Exner, Martin

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Auf Krankheitserreger werden diese Wasserproben in einem Hygieneinstitut im Ruhrgebiet untersucht. Foto: ddp
Auf Krankheitserreger werden diese Wasserproben in einem Hygieneinstitut im Ruhrgebiet untersucht. Foto: ddp

Nur mit dem Ausbau eigenständiger Institute für Hygiene und öffentliche Gesundheit kann der herausragenden gesundheitspolitischen Bedeutung der Prävention Rechnung getragen werden.

Die aktuelle bundesweite Diskussion über Verbesserungen im Bereich der Krankenhaushygiene hat dieses Themenfeld erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Auf politischer Ebene werden derzeit verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Die fachlich betroffenen Berufsverbände und Fachgesellschaften schlagen gemeinsam als einen zentralen Reformansatz eine Änderung der medizinischen Ausbildung vor: Hygiene und Öffentliche Gesundheit sollte als eigenständiges universitäres Lehrfach etabliert werden – anstelle der bisherigen Zusammenführung von Hygiene, Mikrobiologie und Virologie.

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Der neuen Fachkombination „Hygiene (einschließlich Krankenhaushygiene) und Öffentliche Gesundheit“ könnten die im Querschnittsbereich aufgeführten Disziplinen Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystemgestaltung, Öffentliche Gesundheitspflege, klinische Umweltmedizin sowie Prävention und Gesund­heits­förder­ung zugewiesen werden, so dass auch diese Bereiche künftig kompetent durch eigenständige Institute in der Lehre und Forschung vertreten sein würden. Hierdurch würde der Forderung nach einer dringend benötigten Stärkung von Prävention, Gesundheitsschutz und Gesund­heits­förder­ung in Forschung und Lehre wirksam und nachhaltig Rechnung getragen.

Hinzugewonnene Lebensjahre mit Lebensqualität füllen

Im 20. Jahrhundert konnte die Lebenserwartung der Bevölkerung in den Industrieländern um 30 bis 35 Lebensjahre verlängert werden, wobei schätzungsweise nur fünf der hinzugewonnenen Lebensjahre durch Erfolge der kurativen Medizin, 25 bis 30 Lebensjahre aber auf Erfolge der Verbesserung der Lebensverhältnisse – maßgeblich gefördert durch Hygiene und öffentliche Gesundheit – erzielt wurden.

Die große gesellschaftliche Herausforderung ist nunmehr, die hinzugewonnenen Lebensjahre mit Lebensqualität zu füllen. Es zeigt sich, dass mit der Steigerung der Zahl von Lebensjahren auch die Anzahl chronischer Erkrankungen ständig zunimmt. Hierdurch entstehen insbesondere in den letzten beiden Lebensjahren chronisch Kranker vielfach sehr hohe Kosten im Gesundheitswesen, die mittlerweile auch vom Gesundheitssystem reicher Industrieländer kaum mehr zu schultern sind. Gleichzeitig ist die Lebensqualität der Betroffenen stark eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund kommt dem Ziel einer sogenannten Morbiditätskompression (Verschiebung des Beginns chronischer Erkrankungen in höhere Lebensalter) durch Prävention, Hygiene, Gesundheitsschutz und Gesund­heits­förder­ung eine herausragende gesundheitspolitische Bedeutung zu. Es wird keinesfalls ausreichend sein, die zu erwartenden Krankheitslasten ausschließlich durch Verbesserung kurativer Maßnahmen bei Verzicht auf präventive Strategien auffangen zu wollen.

Die Geschichte der Infektionskrankheiten der letzten Jahre hat eindringlich gezeigt, dass diese nach wie vor eine große Bedeutung für unsere Gesellschaft haben. Neue Erreger, Zunahme von Multiresistenzen, Migration sowie Auswirkungen des Klimawandels treffen auf eine Gesellschaft, die durch die demografische Entwicklung mit einem steigenden Anteil an älteren Menschen gleichzeitig auch mehr Gefährdete für schwere Krankheitsverläufe haben wird.

Während individualmedizinische und kurative Leistungen in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker gefördert wurden, kam es zu einem dramatischen Abbau von eigenständigen Lehrstühlen für Hygiene wie auch zu einer mangelhaften Förderung von Prävention und Gesund­heits­förder­ung. Von den 1995 noch bestehenden 24 eigenständigen Lehrstühlen für Hygiene sind elf bereits aufgelöst oder als nichtselbstständige Abteilung in Institute anderer Fachdiziplinen eingegliedert worden.

Eine Vielzahl öffentlicher Einrichtungen benötigen kompetente eigenständige Hygieneinstitute zur Risikoerkennung, Risikocharakterisierung, zum Risikomanagement und zur Entwicklung von Konzepten zur Risikoregulierung. Bundesinstitutionen, wie das Robert-Koch-Institut, das Umweltbundesamt und das Bundesinstitut für Risikobewertung, können den Forschungsbedarf auf dem Gebiet der Hygiene nur zu einem geringen Teil selbst decken.

Hygieniker mit eigenständigen Hygieneinstituten haben neue Arbeits- und Forschungsgebiete aufgebaut und erschlossen. Beispielhaft seien genannt:

  • Krankenhaushygiene
  • Überwachung nosokomialer Infektionen
  • Prüfung von Desinfektions- und Sterilisationsverfahren
  • Regularien für Medizinprodukte
  • technische Hygiene
  • Umwelthygiene (Trinkwasserhygiene, Badewasserhygiene)
  • Etablierung des Biomonitorings für umweltbedingte Schadstoffe und Erreger
  • Umweltmedizin
  • moderne Infektionshygiene
  • Kriterien für die Aufdeckung und Expositionsabschätzung umweltbedingter Risiken
  • Ableitung und Formulierung alters- und zielgruppenspezifischer Präventionskonzepte in den jeweiligen Settings.

Unzureichende Ausbildung in moderner Hygiene

Durch einen weiteren Abbau eigenständiger Hygieneinstitute wird zum einen die wissenschaftliche Forschung und Lehre und damit die Ausbildung der künftigen Ärzte und Ärztinnen sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses gefährdet. Andererseits ist die Kompetenz für die Beratung von Bundesinstitutionen und Ministerien auf dem Gebiet des öffentlichen Gesundheitsdienstes auf wissenschaftlich-ärztlicher Basis nicht mehr gewährleistet. Das Fach Hygiene hat auch an denjenigen medizinischen Fakultäten, die diesem Fach einen besonderen Stellenwert zuerkennen, mit 14 Stunden nur einen Anteil von 0,9 Prozent an der nach der Approbationsordnung festgelegten Gesamtstundenzahl von 1 498 Stunden für das gesamte Medizinstudium. Bereits heute lässt sich ein Großteil der Probleme auf dem Gebiet der modernen Krankenhaushygiene und der Kontrolle antibiotikaresistenter Mikroorganismen auf eine unzureichende Ausbildung von Ärzten in der modernen Hygiene zurückführen.

Der öffentliche Gesundheitsdienst benötigt moderne Erkenntnisse im Bereich der Hygiene und die Kooperation mit Hygieneinstituten, da er vom Gesetzgeber entscheidende Aufgaben bei der Umsetzung von moderner Umwelt- und Infektionshygiene zum Gesundheitsschutz und zur Gesund­heits­förder­ung der Bevölkerung zugewiesen bekommen hat. Die Verlagerung dieser Aufgaben auf nichtärztliche Berufsgruppen ist inadäquat, da bei fehlendem ärztlichem Hintergrund die Bewertungskompetenz und Folgenabschätzung für die Gesundheit nicht mehr gewährleistet sind und es häufig zu einer Fehl-, Über- oder Unterschätzung von entsprechenden Risiken mit erheblichen Fehlinvestitionen kommt.

Der Berufsverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitswesens und die betroffenen Fachgesellschaften fordern daher den Erhalt beziehungsweise Ausbau eigener Lehrstühle für Hygiene und öffentliche Gesundheit an den Universitäten, wie dies bereits 1957 von der Welt­gesund­heits­organi­sation vorgeschlagen wurde. Hygiene und Öffentliche Gesundheit müssen als eigenständige Disziplin an den Universitäten etabliert werden. Die Erfahrung zeigt, dass bei einer Integration in bestehende Lehrstühle anderer Fachdisziplinen – wie dies derzeit vielfach an Universitäten geübte Praxis ist – Hygiene und Öffentliche Gesundheit sich weder als eigenständige präventivmedizinische Disziplin in der Patientenversorgung, in der Lehre und Forschung noch in der Weiterbildung entfalten können.

Entsprechenden eigenständigen Instituten für Hygiene und Öffentliche Gesundheit an den Universitäten sollten Referenzfunktionen für Hygiene, Krankenhaushygiene, Infektionshygiene, Umwelthygiene (Wasser-, Boden-, Lufthygiene), technische Hygiene, Störfall- und Ausbruchmanagement sowie zur epidemiologischen Überwachung zugewiesen werden. Hierdurch kann der öffentliche Gesundheitsdienst deutlich gestärkt werden. Eine derartige Struktur hatte sich in der Vergangenheit in Deutschland bewährt und wird heute mit Erfolg in anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien praktiziert.

Dr. med. Ute Teichert-Barthel

Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.

Prof. Dr. med. Thomas Eikmann

Präsident der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin

Prof. Dr. med. Martin Exner

Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Krankenhaushygiene e.V.

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