ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Selbsthilfefreundlichkeit: Ein Qualitätsziel für Arztpraxen

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Selbsthilfefreundlichkeit: Ein Qualitätsziel für Arztpraxen

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2430 / B-2107 / C-2067

Nickel, Stefan; Trojan, Alf

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Finanzielle Förderung, Fortbildungspunkte und Entlastung bei der Arbeit sind wirksame Anreize für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und der Selbsthilfe.

Das Netzwerk „Selbsthilfefreundlichkeit im Gesundheitswesen“ verfolgt ein Entwicklungsprojekt, mit dem die Kooperationen zwischen Arztpraxen und Selbsthilfegruppen durch die Entwicklung von Fortbildungsmaterial und die Integration von selbsthilfebezogener Patientenorientierung in das Qualitätsmanagement vorangetrieben werden sollen. Der Selbsthilfebereich als eine Säule im Versorgungssystem hat große Bedeutung für die Ausgestaltung und Optimierung von Patientenorientierung als Qualitätsziel.

In Vorbereitung auf das Projekt führte das Institut für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in den Jahren 2008 bis 2010 eine Reihe kleinerer Studien durch. Damit wollte man die Ausgangssituation und Integrationsvoraussetzungen von Selbsthilfefreundlichkeit in die gängigsten Qualitätsmanagementsysteme (QMS) für Praxen klären. Zudem sollten die aktuelle Situation, der Informationsbedarf der Ärzte und die Wirksamkeit von Anreizen für die Zusammenarbeit von Praxen mit Selbsthilfegruppen ermittelt werden.

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Die verfügbaren QM-Systeme in der ambulanten Versorgung wurden auf ihre bestehende oder potenzielle Selbsthilfefreundlichkeit hin analysiert. Bei den befragten Vertretern der QMS, insbesondere der branchenspezifischen, stieß der Aspekt der Selbsthilfefreundlichkeit auf hohe Akzeptanz. Bei drei von ihnen (EPA, QEP, KTQ) führte die Befragung dazu, dass dieser Aspekt unmittelbar in teilweise noch laufende Aktivitäten zur Formulierung von Qualitätszielen und -kriterien aufgenommen wurde. Die Gespräche und Analysen zeigten, dass seit der ersten Befragung der QMS im Jahr 2008 deutliche Entwicklungsfortschritte erzielt werden konnten. Erfreulich ist, dass sich auch einige Systeme, mit denen zuvor nicht unmittelbar kooperiert wurde, inzwischen weiterentwickelt haben.

Eine zweite Expertise fasste die Ergebnisse einer schriftlichen Befragung von 624 Moderatoren ärztlicher Qualitätszirkel in Bayern, Hamburg, Hessen und Nordrhein in den Jahren 2008 und 2010 zusammen. Ausgangspunkt der Studie war die Annahme, dass Moderatoren von Qualitätszirkeln über das Thema „Selbsthilfefreundlichkeit“ überdurchschnittlich informiert sind sowie als Qualitätsakteure notwendige Kooperationspartner und Multiplikatoren in dem Prozess sind. Zwar zeigten sich in den Befragungen eine große Bereitschaft und viele Anknüpfungspunkte für eine stärkere Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe, allerdings bestand für die meisten Kooperationsformen noch Aktivierungs- und Motivationsbedarf.

Mehr Aufklärung erforderlich

Als Anreize für die qualifizierte Zusammenarbeit haben die größten Erfolgschancen zusätzliche Honorare (76 Prozent „stimme voll“ oder „eher zu“), Fortbildungspunkte für Veranstaltungen mit und über Selbsthilfegruppen (73 Prozent) und/oder die Entlastung des Arztes durch größere Autonomie des Patienten (60 Prozent). In Nordrhein stimmten nur 32 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Durch den im QM geforderten Nachweis von Patientenorientierung können Ärzte zur Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe motiviert werden.“ Vielleicht kommen hier Vorbehalte vieler Ärzte gegen das einrichtungsinterne Qualitätsmanagement zum Ausdruck.

Etwa drei Viertel der befragten Moderatoren sehen noch einen erhöhten Aufklärungs- und Informationsbedarf über Selbsthilfegruppen (Entstehungsgründe, Ziele, Arbeitsweisen, Nutzen) sowie zur Frage, wie Ärzte die Zusammenarbeit mit ihnen am besten gestalten können. Knapp ein Viertel der Moderatoren zeigte uneingeschränkt Interesse daran, bei der Umsetzung kontinuierlicher Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen mitzuarbeiten. Diese Bereitschaft lässt Selbsthilfefreundlichkeit tatsächlich als erreichbares Qualitätsziel in Arztpraxen erscheinen. Hinsichtlich der konkreten Umsetzung und des realisierbaren Umfangs der Kooperation gibt es allerdings zahlreiche offene Fragen. Unter www.selbsthilfefreundlichkeit.de stellt das Netzwerk dazu Informationen und Unterstützungsmaterial für verschiedene Adressaten bereit.

Für eine qualitativ gute und nachhaltige Implementierung wäre es hilfreich, Selbsthilfefreundlichkeit auch in ergänzende Unterstützungsstrukturen zur Gestaltung der Versorgungsqualität explizit aufzunehmen (etwa Beratungsagenturen für Selbsthilfe, G-BA-Richtlinien). Eine Herausforderung besteht insbesondere darin, eine konstruktive Begegnung mit den Selbsthilfezusammenschlüssen herzustellen. Dass dies praktikabel ist, haben gemeinsame Workshops von Selbsthilfegruppen, Kontaktstellen und Ärzten in Bayern gezeigt. Derzeit wird die Erprobung selbsthilfefreundlicher Arztpraxen in Nordrhein-Westfalen im Rahmen eines vom BKK-Bundesverband geförderten Projekts der Gesellschaft für soziale Projekte mbH weiterverfolgt.

Dr. phil. Stefan Nickel

Prof. Dr. med. Dr. phil. Alf Trojan

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Zentrum für Psychosoziale Medizin

Institut für Medizinische Soziologie

E-Mail: nickel@uke.de

Literatur bei den Verfassern

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