ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Krankenhaushygiene: Kampf den Killerkeimen

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Krankenhaushygiene: Kampf den Killerkeimen

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2446 / B-2115 / C-2078

Richter-Kuhlmann, Eva

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Um nosokomiale Infektionen zurückzudrängen, schlägt die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene ein Bündel von Maßnahmen vor. Hilfreich könnte ein MRSA-Screening sein.

Eine Rarität in Deutschland, doch in den Niederlanden seit Jahren Routine, ist der Test auf MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Belegt ein Nasenabstrich bei der stationären Aufnahme eines Patienten das Vorhandensein des multiresistenten Keims, kommt der Patient zunächst in Quarantäne und wird antibiotisch behandelt. „Durch diese konsequente Screening- und Isolierungspolitik konnten die Niederlande die Rate an MRSA-Infektionen auf einem in Europa beispielhaft niedrigen Niveau halten“, erklärt Prof. Dr. med. Martin Exner. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) möchte mit einer solchen Politik den „Killerkeimen“ auch in deutschen Krankenhäusern den Kampf ansagen: „Wir können nicht jede Infektion vermeiden, aber eine große Anzahl könnte verhindert werden.“

Lediglich 1,7 Prozent aller Staphylococcus-aureus-Isolate waren 1990 in Deutschland resistent. Mittlerweile sind es mehr als 20 Prozent (European Antimicrobial Resistance Surveillance). Foto: Wikipedia
Lediglich 1,7 Prozent aller Staphylococcus-aureus-Isolate waren 1990 in Deutschland resistent. Mittlerweile sind es mehr als 20 Prozent (European Antimicrobial Resistance Surveillance). Foto: Wikipedia
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Momentan geht die DGKH hierzulande von jährlich etwa 700 0000 bis zu einer Million nosokomialen Infektionen aus sowie von etwa 30 000 Patienten, die direkt oder indirekt an diesen Infektionen sterben. „Ein Drittel der Infektionen und etwa 10 000 Todesfälle wären vermeidbar“, rechnet Exner vor. Damit liege der Anteil weit über der Anzahl der 2009 in Deutschland im Straßenverkehr tödlich verunglückten 4 100 Personen. Ein „eskalierendes Problem“ stellen Exner zufolge die Erreger dar, die gegen ein oder mehrere Medikamente Resistenzen entwickelt haben. Dazu gehören Vancomycin-resistente Enterokokken und gramnegative Bakterien, wie Acinetobacter baumannii und Pseudomonas aeruginosa. An erster Stelle der multiresistenten Keime steht mit einer Resistenzrate von etwa 20 Prozent jedoch der MRSA. „Trotz der vom Robert-Koch-Institut (RKI) herausgegebenen und international anerkannten Leitlinien zur Krankenhaushygiene hatte Deutschland von 2000 bis 2003 den steilsten Anstieg von MRSA unter allen europäischen Ländern“, beklagt Exner. Jetzt bleibe die Prävalenz von MRSA auf einem unverändert hohen Niveau.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene fordert daher eine deutschlandweit verbindliche Krankenhaushygiene-Verordnung. Sie sollte sich an der RKI-Richtlinie und den Empfehlungen der Fachgesellschaften orientieren sowie die Möglichkeit enthalten, Sanktionen gegenüber jenen Kliniken auszusprechen, die gegen die Grundprinzipien verstoßen. Bisher gibt es Krankenhaus-Hygieneverordnungen nämlich nur in fünf Bundesländern: Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Zudem sieht das Infektionsschutzgesetz zwar seit dem 1. Juli 2009 eine Meldepflicht für MRSA aus Blut- und Liquorproben vor, jedoch keine generelle Meldepflicht für nosokomiale Infektionen.

Für erforderlich hält die Gesellschaft auch, die Inhalte der Krankenhaushygiene verstärkt in die Aus- und Weiterbildung des medizinischen Nachwuchses zu integrieren. Ein weiterer Kernpunkt müsse ein Screening auf multiresistente Erreger sein. „Eine konsequente Implementierung von Screeningverfahren ist geeignet, Patienten zu erkennen, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind“, ist Exner überzeugt. Stigmatisiert werden solle niemand. Trotzdem gehöre dazu, MRSA-Patienten von anderen Patienten zu trennen, um eine Übertragung der Keime zu vermeiden und infizierte Personen angemessen behandeln zu können.

Aufgegriffen werden diese Forderungen vom Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH): Die Industrie biete Instrumente, um „Erreger frühzeitig zu erkennen“, versichert Matthias Borst, Vorstandsvorsitzender des VDGH. Durch ein flächendeckendes Screening lasse sich nach Abzug der entsprechenden Untersuchungskosten eine Milliarde Euro pro Jahr sparen. Den Nutzen des Screenings habe bereits Anfang des Jahres das dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium unterstehende Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information bestätigt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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